Anzeige

Weltgrößter Marktplatz für CO₂ eröffnet

Seit dieser Woche hat China einen landesweiten Emissionshandel. Ob damit tatsächlich Emissionen eingespart werden, muss sich erst zeigen. Das hängt nicht nur vom CO2-Preis ab, sondern auch von der kostenlosen Ausgabe von Gutschriften und der Genauigkeit der Daten. 

Von Susanne Götze

Manche erinnern sich vielleicht noch an den Skandal um Fake-Zertifikate aus China, mit denen sich europäische Unternehmen ihre CO2-Bilanz schönrechneten. Das war im Jahr 2010. Damals machten die am Schmu Beteiligten damit Kasse, dass sie ohnehin geplante Einsparungen als zusätzliche Maßnahmen verbuchten oder gar extra giftige Gase produzierten, um sie dann gewinnbringend einsparen zu können.

BildStahlindustrie und Kohlekraftwerke in Benxi im Nordosten Chinas: Vorerst bleibt die Industrie vom landesweiten Emissionshandel ausgenommen.  (Foto: Andreas Habich/​Wikimedia Commons)

Der Betrug lief mithilfe des Clean Development Mechanism (CDM) aus dem Kyoto-Protokolls, mit dem sich Industrieländer durch Klimaprojekte in Entwicklungsländern zusätzliche Emissionsrechte verdienen können. Der CDM ist heute so gut wie tot und wird wohl mit dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls nicht mehr weitergeführt. 

Der Emissionshandel als marktkonformer Klimaretter ist dagegen auf dem Vormarsch. Am Dienstag eröffnete China als eines der ersten Schwellenländer nun selbst einen landesweiten Emissionshandel, der über drei Milliarden Tonnen emittierter Treibhausgase aus Kraftwerksanlagen umfasst – rund ein Drittel der gesamten chinesischen Emissionen.

Damit löst China den europäischen CO2-Markt als bisher größten Handelsplatz ab. Angetrieben von der hohen Luftverschmutzung in ihren Metropolen starteten die Chinesen bereits im Jahr 2013 in sieben Provinzen den Handel mit Emissionsrechten.

Lückenhafte Datenlage 

Wie in Europa funktioniert der chinesische Handel über eine staatliche festgelegte Grenze für den CO2-Ausstoß einzelner Anlagen – auch Deckel oder englisch cap genannt. Stoßen die Unternehmen mehr aus, müssen sie dafür Zertifikate am Markt zukaufen. Liegen ihre Emissionen unter der Grenze, können sie Gutschriften verkaufen und damit Geld verdienen. So entsteht ein Marktplatz für CO2 – eine Tonne entspricht einem Zertifikat. 

Beraten wurde die Regierung in Peking von der deutschen Regierung und von Experten aus Kalifornien, wo es das weltweit ehrgeizigste System gibt. "Die erste Phase des landesweiten Handels mit CO2-Zertifikaten in China ist dem europäischen Handel sehr ähnlich", erklärt Lina Li, China-Expertin von der International Carbon Action Partnership (ICAP), einem internationales Emissionshandels-Forum von Regierungen. Wie in Europa bekommen die Unternehmen zunächst kostenlose Zertifikate zugeteilt.

In den kommenden Jahren dürfte dann die Anzahl der "Freibriefe" abnehmen und auch der CO2-Deckel angezogen werden. Noch liegen jedoch die genauen Regeln der chinesischen Regierung noch nicht vor. Auch die Datenlage zu den Anlagen müsse noch verbessert werden, sagt Li. "Für einen wirksamen Klimaschutz ist es wichtig, dass die Daten qualitativ gut sind."

Während es in der EU schon vor der Einführung des Emissionshandels im Jahr 2005 ein CO2-Messsystem gab, müssen es viele Behörden und Unternehmen in China erst aufbauen. Und wie die Erfahrung mit dem CDM-Betrug von 2010 zeigt, ist die Lage unübersichtlich. "Das gerade startende chinesische System hat sicher eine Reihe von Schwächen, das hatte gerade am Anfang unser System aber auch – beim Durchschreiten der Lernkurve ist China erfahrungsgemäß schneller als wir", ist Felix Matthes vom Öko-Institut optimistisch. 

Aus den Fehlern der Europäer lernen

Das sehen nicht alle so. Die Organisation Carbon Market Watch befürchtet, dass das chinesische System dieselben Fehler machen wird wie der EU-Handel. Der europäische CO2-Preis ist viel zu niedrig – durch ein Überangebot von Zertifikaten ist die Klimaschutz-Wirkung gering. Auch der Versuch, wieder CO2-Gutschriften vom Markt zu nehmen, wird das aus Sicht von Experten kaum ändern. Der europäische CO2-Handel will einfach nicht anspringen – und das zwölf Jahre nach seiner Gründung.  

China könnte zumindest aus den Fehlern der EU lernen, hoffen Kritiker: "Immer mehr Länder führen einen CO2-Preis ein, deshalb gibt es für die EU keine Rechtfertigung mehr, weiterhin kostenlose CO2-Zeritifiakte an die Industrie zu geben", sagt Femke de Jong von Carbon Market Watch in Brüssel. Die Klimaschutzorganisation fordert eine Versteigerung der Emissionsrechte. 

BildHandel mit Emissionszertifikaten an der Strombörse in Leipzig: Auch in China werden die Trader bald Millionen Tonnen CO2 an der Börse handeln – dann erst wird sich zeigen, welchen Preis das Treibhausgas bekommt. (Foto: EEX)

Nimmt man den CO2-Preis als Messlatte für einen funktionierenden Emissionshandel, sieht es nicht gut aus. Der Preis könnte laut Insidern nach dem Start des chinesischen Handels bei rund vier Euro liegen. Das ist noch ein Euro weniger als der aktuelle CO2-Preis in der EU. Beim Start im Jahr 2005 kletterte der Preis dort auf fast 30 Euro – und brach nach wenigen Monaten ein.

Allerdings ist der Preis nicht alles. Wichtiger seien das schrittweise Absenken des erlaubten CO2-Ausstoßes und das Signal an die Unternehmen, dass Emissionen etwas kosten, glaubt Lina Li. Und auch Felix Matthes vom Öko-Institut ist vorsichtig optimistisch: "Zwar startet das landesweite Emissionshandelssystem nur schrittweise, aber nirgendwo auf der Welt wird ein ähnliches Emissionsvolumen reguliert – das ist ein riesiger Fortschritt für die chinesische und die globale Klimapolitik."

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen