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Energiewende: Gefährliche Zahlenspiele

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft macht mal wieder die Debatte um die Kosten der Energiewende auf, die ihr augenscheinlich zu hoch sind. Anlass ist eine neue Studie, die Lobbyisten verwenden aber alte – und noch dazu strittige – Zahlen.

Von Sandra Kirchner und Susanne Schwarz

Kein gutes Zeugnis für die Energiewende stellt das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos der Bundesregierung aus. Die Energiewende bleibt hinter ihren Zielen zurück – so lautet das Fazit einer Prognos-Studie, die die Umsetzung der Energiewende unter die Lupe nimmt.

BildDie bayerische Wirtschaft ist gegen "nationale Alleingänge" beim Klimaschutz. (Foto: Schulze von Glaßer)

Zwar bescheinigt die Prognos-Studie Deutschland eine hohe Sicherheit bei der Stromversorgung, in anderen Aspekten sehen die Autoren allerdings Nachholbedarf. Weder bei den Kosten noch bei der Energieeffizienz oder der Umweltverträglichkeit befindet sich die Bundesregierung der Studie zufolge auf einem guten Weg.

Im internationalen Vergleich seien die Stromkosten für Industrie und Verbraucher hierzulande vergleichsweise hoch, auch wenn die Industrie seit 2014 von einem abnehmenden Preis profitiert, heißt es in der Studie. Es ist eine von vielen Aussagen der Studie – und dennoch die einzige, die der Auftraggeber bei der Vorstellung der Untersuchung in den Vordergrund stellte. Es handelt sich um die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) und damit einen Dachverband für mehr als 100 Lobbygruppen sowie über 40 Einzelunternehmen in Bayern.

EEG-Umlage missverstanden

"Die Stromversorgung in Deutschland und Bayern ist zwar sicher. Aber der Strom wird immer teurer", sagte VWB-Präsident Alfred Gaffal am Mittwoch. "Hauptpreistreiber ist die EEG-Umlage." Insgesamt koste die Energiewende bis 2025 nicht weniger als 520 Milliarden Euro. Gaffal kommt zu dem Schluss, dass die Politik die Wirtschaft und die Bürger "nicht mit grünen Träumen überfordern" dürfe. Er meint damit die Energiewende, die er für "teure Fehlschläge" kritisiert, weil die CO2-Emissionen der Bundesrepublik noch nicht gesunken sind.

Letzteres stimmt zwar – das liegt aber weniger an den erneuerbaren Energien als an den vielen verbliebenen Kohlekraftwerken, die immer noch 40 Prozent des deutschen Stroms produzieren. Und im Übrigen auch für die hohe EEG-Umlage sorgen: Die ist nämlich, anders als es der VWB darstellt, überhaupt kein direktes Maß für die Kosten der Energiewende.

Sie bildet die Differenz zwischen dem ab, was den Betreibern von Ökostromanlagen gesetzlich zusteht, und dem, was sie für ihren Strom an der Börse erlösen. Sprich: Die Umlage steigt nicht nur, wenn die Energiewende teurer wird, sondern auch dann, wenn – wie es lange Zeit der Fall war – der Börsenpreis durch ein Überangebot an Strom sinkt. Das heißt auch, dass sich der Strompreis durch eine veränderte EEG-Umlage nicht mal mitändern muss.

Auch die Halbbillionen-Summe für die Gesamtkosten der Energiewende bis 2025 ist umstritten: Sie entstammt nicht der aktuellen Studie, sondern einer Veröffentlichung des Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaftlers Justus Haucap im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft aus dem vergangenen Jahr. Die Rechnung geht nur auf, wenn man alle möglichen und unmöglichen Ausgaben durcheinanderwirft.

Kosten sind Investitionen

Das Grundprinzip dabei: Alle Kosten, die bei der Entwicklung und Instandhaltung eines modernen Energiesystems ohnehin entstehen, werden der Energiewende zugeschlagen. Ob ein Anteil an diesen Kosten nur mit erneuerbaren Energien anfällt und wie groß dieser denn ist, erfährt man in der Studie nicht. Gegenrechnungen, was das bisherige fossile System kostete, fehlen ebenfalls: Deutschland subventioniert die Produktion und den Verbrauch von Öl, Kohle und Gas mit jährlich 46 Milliarden Euro.

Die Energieökonomin Claudia Kemfert stört sich an der Kostendebatte um die Energiewende. "Kosten werden mit Investitionen verwechselt", sagt sie. "In den Umbau muss investiert werden, aber dann sinken die Energieimporte und es entstehen Jobs und Wertschöpfung." Dass der Strompreis für die Endkunden steige, habe zudem nur noch wenig mit den erneuerbaren Energien zu tun, die immer billiger würden. "Der Strompreis steigt wegen anderer teurer Maßnahmen wie der Kohlekraftwerks-Abwrackprämien und der staatlich garantierten Traumrenditen für die Netzbetreiber", so die Energieexpertin.

Woher der Wind beim VBW weht, wird bei Gaffals politischen Forderungen deutlich: Er spricht sich gegen "nationale Alleingänge" fürs Klima aus, und zwar "auch in der Automobil-Debatte". Zu den prominenten Mitgliedern des Lobby-Verbands gehören die Autokonzerne Audi und BMW. "Wir brauchen den Dieselantrieb gerade, um die Klimaziele zu erreichen", so Gaffal.

BildWie viel kostet die Energiewende? Zu viel, sagt die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Ob das alle bayerischen Unternehmen gut finden? (Foto: Avij/Wikimedia Commons)

Dass das nicht stimmt, ist längst klar. Zwar ist Diesel im Vergleich zu Benzin energetisch verdichtet, doch über eine Pkw-Lebensdauer hinweg verursacht er mehr CO2-Emissionen, wie der europäische Dachverband Transport & Environment errechnet hat. Das liegt unter anderem am höheren Energieaufwand bei der Produktion des Kraftstoffs und an den in der Herstellung komplexeren Motoren.

"Durch den niedrigen Dieselpreis haben sich gerade in den vergangenen Jahren die schweren Oberklassefahrzeuge durchgesetzt", sagt der Berliner Verkehrsforscher Andreas Knie. "Außerdem wissen wir seit dem Diesel-Skandal: Wir sind ja immer von falschen Verbrauchswerten ausgegangen."

Redaktioneller Hinweis: Claudia Kemfert und Andreas Knie sind Mit-Herausgeber von klimaretter.info

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