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Ölfonds sagt Öl ade

Den Ausstieg aus Kohle-Investitionen hat Norwegens milliardenschwerer Pensionsfonds schon vor Jahren eingeleitet. Nun will sich der größte Staatsfonds der Welt auch von allen Ölaktien trennen. Der Grund: Anteile an Öl- und Gasfirmen bringen kaum noch Erträge.

Aus Stockholm Reinhard Wolff

Rund 856 Milliarden Euro war er am heutigen Freitagvormittag wert: der norwegische Pensionsfonds. Der ist der größte Staatsfonds der Welt. Weil er mit den Geldern aufgebaut wurde, die Norwegen mit dem Verkauf seiner Öl- und Gasreserven verdient hat, wird er auch "Ölfonds" genannt. Nun will sich eben dieser Ölfonds von allen Ölaktien trennen.

BildDie Karte (vergrößern) zeigt, wo Norwegens Pensionsfonds investiert. (Grafik: Screenshot/​nbim.no)

Für die Ölanalytikerin Thina Saltvedt von der Nordea-Bank ist diese Entscheidung der norwegischen Zentralbank, die den Fonds verwaltet, ein "überraschendes, ein starkes Signal". Schon eine Minute nach Veröffentlichung der Norges-Bank-Presseerklärung am gestrigen Donnerstagnachmittag schickte das Signal den Energie-Index "Stoxx 600" tief in den Keller.

Formal ist es erst einmal eine Empfehlung der Pensionsfonds-Verwalter an die Regierung. Letztendlich entscheiden wird darüber das norwegische Parlament. Das ist in der Vergangenheit solchen Empfehlungen gefolgt.

Alles andere als eine Zustimmung wäre deshalb eine Überraschung. Darauf lassen auch die ersten Reaktionen der Parteien schließen. Linke und grüne Parteien reagierten ebenso wie die Sozialdemokraten positiv. Auch der finanzpolitische Sprecher der regierenden konservativen Høyre-Partei betonte die Wichtigkeit "langsichtiger, voraussehbarer Investitionsentscheidungen". Schon 2015 hatte der Fonds das Divestment aus Kohle-Aktien eingeleitet.

Die jetzige Empfehlung der Norges Bank sei nicht etwa klimapolitisch begründet, betont Vizezentralbankchef Egil Matsen. Vielmehr beruhe sie "ausschließlich auf finanziellen Argumenten und Analysen". Unter allen Sektoren des Pensionsfonds habe die Öl- und Gasbranche in den vergangenen sechs Jahren die geringsten Erträge gebracht. Eine künftige Wertsteigerung sei auch wegen des stark schwankenden Ölpreises nicht zu erwarten.

Und weil die norwegische Wirtschaft sowieso stark auf Öl- und Gas beruhe und über den staatlichen Ölkonzern Statoil eine zusätzliche Abhängigkeit von der Entwicklung auf den globalen Energiemärkten bestehe, stelle dies ein hohes Risiko für den Staatshaushalt dar, so die Begründung. Deshalb sei es empfehlenswert, die potenzielle "Verwundbarkeit für das Staatsvermögen zu reduzieren".

"Kluger, aber halbherziger Schritt"

Diese Argumentation findet selbst der Branchenverband Norsk Olje og Gass "vernünftig". Man könne sich zu Recht fragen, "ob Norwegen einen zu großen Teil seines Vermögens in dieser Branche gesammelt habe", sagt Verbandsdirektor Karl Eirik Schjøtt-Pedersen. Verkaufe der Fonds nun Ölaktien ausländischer Unternehmen, sei das jedenfalls besser, als die norwegische Öl- und Gasförderung zu drosseln, was ja auch vorgeschlagen worden sei.

Sony Kapoor, Finanzexperte und Berater des UN-Umweltprogramms Unep, spricht gegenüber der Zeitung Aftenposten von "einem späten Sieg der Vernunft". "Diversifikation ist ja im Investmentsektor ein grundlegendes Prinzip."

Er selbst habe dem Fonds schon 2013 ein "Raus aus Öl und Gas" und ein Umleiten dieser Gelder in grüne Investitionen vorgeschlagen, sagt Kapoor. Deshalb begrüße er es, wenn die Fondsverwalter "endlich ein wenig Rückgrat" gegenüber der Öllobby zeigten.

Hätte sich der Fonds schon 2012 von allen Fossilaktien getrennt, wäre das Fonds-Vermögen nun deutlich höher, als es tatsächlich ist, rechnet auch die Finanzpublikation E24 vor. Stößt der Fonds alle Öl- und Gasaktien ab, werden knapp sechs Prozent seines Portfolios davon betroffen sein.

BildInvestitionen in die Ölbranche sind keine gute Idee mehr – die Erträge sind nur noch bescheiden. (Foto: Stig Nygaard/​Flickr)

Truls Gulowsen, Vorsitzender von Greenpeace Norwegen, spricht von einem "klugen, aber gleichzeitig halbherzigen Schritt". Wolle Norwegen tatsächlich etwas gegen sein "Kohlenstoff-Risiko" tun, müsse Oslo endlich aufhören, Milliarden für die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder in der Arktis zu verschwenden, fordert der Umweltschützer.

Was dort unter dem Boden liege, sei nicht nur unprofitabel zu fördern. Es dürfe auch nicht mehr verbrannt werden, solle der Klimawandel nicht ganz außer Kontrolle geraten.

[Erklärung]  
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