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Fossiles Auslaufmodell

Der Klimawandel birgt auch für Finanzinvestoren enorme Risiken. Eine privatwirtschaftliche Arbeitsgruppe will diese jetzt transparent machen.

Von Michael Hahn

Es sind eine Handvoll Firmen, die das Weltklima massiv schädigen. Für mehr als 70 Prozent der globalen CO2-Emissionen waren zwischen 1988 und 2015 lediglich rund 100 Unternehmen verantwortlich. Sie alle sind Produzenten fossiler Brennstoffe.

BildDie Produzenten fossiler Brennstoffe sind für den größten Teil der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Ihr Geschäftsmodell hat eine ungewisse Zukunft. Für Investoren bedeutet das: Risiko. (Foto: aus dem Carbon Majors Report)

Das geht aus dem Carbon Majors Report (CMR) hervor, den die britische Non-Profit-Organisation CDP gemeinsam mit dem Climate Accountability Institute veröffentlicht hat. Dem Report zufolge haben die betreffenden Konzerne innerhalb dieser 28 Jahre insgesamt 635 Gigatonnen Treibhausgase emittiert – also 635 Milliarden Tonnen.

Der globale Gesamtwert lag bei 833 Gigatonnen. Das übersteigt die 820 Gigatonnen, die zwischen 1751, dem Beginn der industriellen Revolution, und 1988 in 237 Jahren erzeugt wurden.

Sollte sich dieser Trend auch in den nächsten 28 Jahren fortsetzen, so warnt das CDP, könnte die globale Temperatur bis Ende des Jahrhunderts um bis zu vier Grad Celsius steigen. Auf der Weltklimakonferenz in Paris hat sich die internationale Staatengemeinschaft darauf geeinigt, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, nach Möglichkeit sogar auf 1,5 Grad.

Zu den Spitzenreitern der Klimaverschmutzer zählen laut CMR staatliche Unternehmen wie Saudi Aramco, Gazprom, National Iranian Oil, Coal India. Auch die chinesischen Kohleunternehmen Shenhua Group und China National Coal Group sind dabei.

Bei den Unternehmen in Investorenbesitz liegen Exxon Mobil, Shell, BP, Chevron, Peabody, Total und BHP Billiton auf den vorderen Rängen. Als einziges deutsches Unternehmen in den Top 50 landete RWE auf Platz 41.

"Wir sehen kritische Verschiebungen"

Dass der Bericht das Jahr 1988 als Ausgangspunkt für die Analyse ansetzt, hat einen einfachen Grund: Damals wurde der Weltklimarat IPCC ins Leben gerufen und der Klimawandel erstmals von der UN-Generalversammlung erwähnt. Weiter zugespitzt kommt der Report zu dem Ergebnis, dass seitdem mehr als die Hälfe (51 Prozent) der globalen Treibhausgas-Emissionen sogar von nur 25 Unternehmen verursacht wurde.

"Der CMR zeigt, dass die relativ kleine Gruppe von 100 Erzeugern von fossilen Brennstoffen der Schlüssel sein könnte zu einem Systemwechsel bei den CO2-Emissionen", sagt Pedro Faria, Technischer Direktor des CDP.

"Wir sehen kritische Verschiebungen in Politik, Innovationen und Finanzkapital, die den Übergang zu einem CO2-armen System in Reichweite bringen." Die historischen Daten würden zeigen, wie wichtig dabei die Rolle der führenden CO2-Produzenten sei – und der Investoren, die Geld in sie stecken.

Diese Investoren hätten heute einen Einfluss auf immerhin ein Fünftel der weltweiten industriellen Treibhausgas-Emissionen, so Faria. Mit dem CMR wollen die Initiatoren Transparenz darüber herstellen, welche Unternehmen welchen Treibhausgasausstoß verantworten. Das soll Klarheit für Finanzinvestoren schaffen, damit diese mit ihrem Geld den Klimawandel nicht noch zusätzlich anheizen.

Die Investoren seien in der Verantwortung, gemeinsam mit den Unternehmen selbst Emissionsminderungsziele im Einklang mit dem Paris-Abkommen zu setzen und das Klimarisiko von Investitionen zu veröffentlichen, wie es die internationale Arbeitsgruppe TCFD empfiehlt, sagt Faria.

Eines der am meisten missverstandenen Risiken

Die sogenannte Task Force on Climate-related Financial Disclosures, kurz TCFD, hat Empfehlungen erarbeitet, wie Unternehmen klimabezogene Risiken gegenüber Investoren, Banken und Versicherern offenlegen können.

Die Vorschläge der privatwirtschaftlichen Initiative unter Vorsitz des Finanzmoguls und New Yorker Ex-Bürgermeisters Michael Bloomberg werden unter anderem von großen Unternehmen wie EnBW, PwC, Veolia, Iberdrola, EDF, Acciona sowie zahlreichen Banken und Versicherungsfirmen getragen. "Zunehmende Transparenz macht die Märkte effizienter und die Wirtschaft stabiler und belastbarer", sagt Bloomberg.

Die TCFD wurde auf der Pariser Klimakonferenz vom Finanzstabilitätsrat (Financial Stability Board – FSB) unter dessen Chef Mark Carney ins Leben gerufen. Der FSB wiederum geht auf die G7 und die G20 zurück.

Die 32 Mitglieder der TCFD wurden vom FSB ausgewählt und kommen von großen Banken, Versicherungen, Vermögensverwaltern, Pensionsfonds, Beratungsfirmen und Ratingagenturen, aber auch Unternehmen außerhalb des Finanzsektors.

Laut TCFD ist der Klimawandel eines der bedeutendsten und vielleicht am meisten missverstandenen Risiken für Organisationen. Sie würden oftmals fälschlicherweise davon ausgehen, dass er ausschließlich langzeitige Konsequenzen habe und daher nicht unbedingt relevant für aktuelle Entscheidungen sei. Klimabezogene Risiken entstünden dabei nicht nur durch die tatsächlichen Auswirkungen des Klimawandels, sondern auch durch die Transformation zu einer treibhausgasneutralen Gesellschaft.

Die TCFD fordert von Unternehmen, diese sogenannten Übergangsrisiken – oder auch Chancen – abzuschätzen und ihr Geschäftsmodell daran anzupassen. Die entsprechenden Berichte sollten etwa gemeinsam mit dem jährlichen Geschäftsbericht veröffentlicht werden, einer wichtigen Entscheidungsgrundlage für Investoren und Analysten.

Die Arbeitsgruppe hat ihre im Juni veröffentlichten Empfehlungen entlang von vier thematischen Kernbereichen ausgerichtet: Unternehmensführung, Strategie, Risikomanagement sowie unternehmerische Messgrößen und Ziele. Dabei seien auch Input und Feedback aus Wirtschaft und Öffentlichkeit eingeflossen, heißt es in dem Papier.

Neben dem Finanzsektor hat die TCFD Empfehlungen für die Branchen Energie, Verkehr, Material- und Bauwirtschaft sowie Lebensmittel, Holz- und Agrarwirtschaft erarbeitet.

Aus Empfehlungen sollen Regeln werden

Tatsächlich steigt der Informationsbedarf bei dem Thema ständig an. Viele Banken und Versicherer haben in der jüngeren Vergangenheit bekannt gegeben, sich von Investitionen in fossile Energien zurückziehen zu wollen – so etwa der Versicherungskonzern Allianz oder die US-Bank JP Morgan Chase.

Zudem hat man in den Fossil-Konzernen selbst seit geraumer Zeit verstanden, dass die konventionelle Energieerzeugung ein Auslaufmodell ist. Allerdings zogen die Verantwortlichen in vielen Fällen die Konsequenzen erst, nachdem sie unter wirtschaftlichen Druck gerieten – also sehr spät. Ein Beispiel sind hierzulande die Aufspaltungen von RWE und Eon.

"In den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird sich die Weltwirtschaft entsprechend den Pariser Klimazielen neu ausrichten", sagt Matthias Kopp, Leiter für nachhaltiges Finanzwesen bei der Umweltstiftung WWF.

"Ignoriert die Finanzwelt diesen Wandel, baut sich die nächste weltweite Finanzkrise auf, die nicht mehr durch Steuergelder gelöst werden kann." Das könnte für Millionen Menschen schwerwiegende Folgen haben, wenn etwa ihre Altersvorsorge in Pensionsfonds durch Investitionen in fossile Energieträger von Wertverlusten betroffen sei, so Kopp.

Der WWF fordert deshalb, dass bei Finanzierungsentscheidungen künftig auch Umweltrisiken ausreichend erfasst und berücksichtigt werden. "Mit der TCFD haben wir ein Gremium, das fundierte Empfehlungen gegeben hat", so Kopp. "Es muss sichergestellt werden, dass diese Empfehlungen getestet werden, damit sie eine breite Unterstützung erfahren."

Kopp ist der Ansicht, dass der gesamte Themenkreis durch die TCFD einen größeren Stellenwert erhalten hat: "Allein die Tatsache, dass sich jemand wie Michael Bloomberg dafür einsetzt, dessen Kerngeschäft die Finanzdatenverarbeitung und -information ist und eben nicht unbedingt Nachhaltigkeit, hat dem Ganzen eine neue Qualität gegeben."

Die Frage sei nun, was der nächste Schritt sei. "Ich habe bis jetzt nicht viele Maßnahmen gesehen, die aus der Privatindustrie kamen und freiwilligen Charakter hatten, die in der Breite vom Großteil der Unternehmen auch wirklich angewendet wurden", sagt Kopp. Irgendwann brauche es dann immer eine staatliche Rolle. Der Experte hält es deshalb für logisch, die Empfehlungen verpflichtend zu machen und eine Prüfpflicht einzuführen.

BildVon "Vorweggehen" ist bei RWE keine Rede mehr. (Foto: RWE)

"Eigentlich müssen wir einen Punkt erreichen, an dem Unternehmen in einer nachvollziehbaren Struktur ihre Übergangspläne beschreiben. Nach dem Motto: Wie wollen wir mit der Unter-zwei-Grad-Maßgabe umgehen und klarkommen?"

Bei rein fossil orientierten Firmen sieht Kopp allerdings nicht viel Spielraum: "Es gibt Unternehmen, die so stark von fossilen Brennstoffen abhängig sind, dass ihnen eine Transformation nicht gelingen wird." Eine Lösung könnte sein, neue Geschäftsmodelle aufzubauen. Wobei dafür schon viel wertvolle Zeit verloren gegangen ist – siehe RWE und Eon.

[Erklärung]  
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