Das ungezügelte Öko-Kapital

Die Finanzwirtschaft will sich selbst vor der Klimakatastrophe retten – und nachhaltiger werden. Ein neues Bündnis aus Deutscher Börse und dem Rat für Nachhaltige Entwicklung schlägt dem deutschen Staat vor, mit seinen Geldern vorbildlich umzugehen, um Unternehmen zum Nachahmen zu animieren. Nur: Vorschreiben soll er ihnen immer noch nichts.

Aus Berlin Susanne Schwarz

Alexander Bassen will nicht mehr im Dreieck tanzen. Die Rede ist vom magischen Dreieck der Finanzwirtschaft, dessen Linien traditionellerweise die Punkte Sicherheit, Liquidität und Rendite verbinden. Bassen will nun eine weitere Ecke etablieren: die Nachhaltigkeit. "In Deutschland spielt Nachhaltigkeit im Finanzsektor immer noch nicht so eine große Rolle, dabei hat sie so viel Potenzial", sagt der Professor für Kapitalmärkte an der Universität Hamburg.

BildDie Finanzwirtschaft will nachhaltig werden – vor allem zur eigenen Existenzsicherung. (Foto/​Montage: Susanne Schwarz/​Adrien Tasic)

Noch sind nachhaltige Anlagen tatsächlich eine Nische. In Deutschland, das sich gern als Klimaschutzvorreiter feiert, sind laut dem Forum Nachhaltige Geldanlagen derzeit fast 157 Milliarden Euro nachhaltig angelegt. Viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist das nicht: Gemessen am Gesamtmarkt aller Fonds und Vermögensverwaltungs­mandate macht das nur 2,8 Prozent aus.

Sonst sind es meist Klimaschützer, die genau das beklagen: Die Divestment-Bewegung versucht, Unternehmen, öffentliche Institutionen, Städte, Stiftungen, Universitäten und Glaubensgemeinschaften davon zu überzeugen, mit ihrem Geld keine klimaschädlichen Geschäftsmodelle zu finanzieren.

Dass Investoren anfangen, gesellschaftliche Verantwortung der Rendite vorzuziehen, verlangt Kapitalmarkt-Experte Bassen nicht. Für ihn ist klar: Klimafreundliches Anlegen ergibt auch wirtschaftlich Sinn. "50 Prozent der Studien zur nachhaltigen Finanzwirtschaft gehen sogar von einem positiven Effekt aus, 40 Prozent sehen eine solche Entwicklung neutral – nur zehn Prozent erwarten Renditeverluste", meint er.

Leitlinien ja, Gesetze nein

Bassen ist nicht nur Universitätsprofessor, sondern auch Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE), einem Beratergremium der Bundesregierung. Um die Vorteile der Nachhaltigkeit auch in die Finanzwirtschaft zu tragen, will der Rat nun mit der Deutschen Börse kooperieren. Gemeinsam haben sie Forderungen an die Bundesregierung formuliert. Vor allem eines sollte der Staat demnach für Unternehmen sein: Vorbild.

Bund und auch Länder sollen sich beispielsweise selbst zum nachhaltigen Investment bekennen, wenn es um die Altersvorsorge ihrer Beamten und Angestellten geht. Außerdem soll es "Leitlinien" für Fondsverwalter und Unternehmen geben. Eines sieht der Plan hingegen nicht vor: tiefergreifende Regulierungen des Finanzsektors, die zum Beispiel ausschließen, dass die Gesellschaft für Verluste aufkommen muss, die Unternehmen durch falsche Investitionsentscheidungen erleiden.

BildNachhaltigkeit ist in der Finanzwirtschaft bislang eine Nische. (Foto: KMJ/​Wikimedia Commons)

Kristina Jeromin von der Deutschen Börse will Nachhaltigkeit nicht zu einer "Zugangssperre" für Finanzprodukte machen. Sie glaubt, dass das gar nicht nötig ist, weil der Klimawandel auch für den renditegierigsten Anleger ein Risiko darstellt. "Der Klimawandel ist ja kein Wolkenkuckucksheim", meint Jeromin. "Nachhaltigkeit ist kein Nice-to-have, weil wir alle nichts Besseres zu tun haben – sie ist von zentraler Wichtigkeit für die Sicherung unserer Existenz."

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