Weltweite Baustelle CO₂-Handel

Die EU und die Schweiz einigen sich darauf, ihre Emissionshandels-Systeme zu verknüpfen. Aber nach wie vor entfaltet der CO2-Markt kaum Wirkung für den Klimaschutz. Kalifornien und China versuchen es besser zu machen.

Von Benjamin von Brackel

Der europäische Emissionshandel ist der größte weltweit – und er könnte dieses Jahr noch größer werden. Die EU und die Schweiz haben sich vergangene Woche darauf geeinigt, ihren Handel mit CO2-Emissionsrechten zu verknüpfen. Die beiden Parlamente müssen dem noch zustimmen. "Als weltgrößtes Emissionshandelssystem war es immer unser Ziel, das Wachstum der internationalen Kohlendioxidmärkte zu fördern", erklärte EU-Energiekommissar Miguel Arias Cañete.

BildIndustrieskyline vor München: Der Emissionshandel soll das Klima mit marktwirtschaftlichen Mitteln schützen. (Foto: Nico Kaiser/​Flickr)

Es ist allerdings eher ein symbolischer Erfolg angesichts der gerade mal 54 CO2-intensiven Unternehmen, die in der Alpenrepublik unter das Handelssystem fallen – in der EU sind es 11.000. In der Schweiz können etwa fünf Millionen Tonnen CO2 gehandelt werden, in der EU 1.800 Millionen Tonnen. Als Fortschritt werten Beobachter vor allem die Einbeziehung des schweizerischen Luftverkehrs ins Emissionshandelssystem. Bislang gab es für den Flugverkehr in der Schweiz keine CO2-Begrenzung.

Der CO2-Zertifikatehandel ist das wichtigste Klimaschutzinstrument in Europa. Allerdings krankt das System seit Jahren daran, dass viel zu viele Zertifikate im Markt sind und den Preis drücken – auf derzeit nicht mal sechs Euro. Energieexperten gehen davon aus, dass erst ab einem Preis von etwa 30 Euro Unternehmen zu Investitionen in klimafreundliche Technologien angetrieben werden.

Regionalmarkt könnte die Lösung bringen

Zwar haben sich die EU-Umweltminister vor einem halben Jahr darauf geeinigt, den Anteil der zu versteigernden Zertifikate im kommenden Jahrzehnt jährlich um zwei Prozent zu senken – statt der bisherigen 1,74 Prozent. Dafür soll die Zahl der kostenlosen Zertifikate um bis zu zwei Prozent steigen. Experten wie Felix Matthes vom Öko-Institut halten die Reform für relativ wirkungslos – bis zum Jahr 2030 dürfte sich an den niedrigen Zertifikatepreisen kaum etwas ändern.

Inzwischen verspricht auch die SPD in ihrem Wahlprogramm einen CO2-Mindestpreis, falls die Reform des Emissionshandels nicht vorankommt. Allerdings soll es den Mindestpreis nur für alle EU-Staaten gemeinsam geben, was ziemlich unwahrscheinlich ist. Deshalb fordern etwa der SPD-Energiepolitiker Frank Schwabe oder Energieexperte Matthes einen Regionalmarkt beim CO2-Handel: So könnten Deutschland, Österreich, Frankreich, die Benelux-Staaten und Skandinavien vorangehen und einen CO2-Mindestpreis verabreden. Über den Strom-Regionalmarkt sind diese Länder ohnehin schon miteinander verbunden.

Bislang hat kaum eines der inzwischen zahlreichen CO2-Handelssysteme in der Welt zu einer ernsthaften Senkung der Emissionen geführt. Das könnte sich allerdings ändern. Vor allem zwei Regionen kommen dafür infrage.

Zum einen Kalifornien. Seit 2013 betreibt der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat an der Westküste einen Handel mit Emissionsrechten. Mitte Juli beschloss das kalifornische Parlament, den Handel bis zum Jahr 2030 auszuweiten. Gouverneur Jerry Brown will aus den Fehlern lernen, die in Europa passiert sind, und hatte deshalb einen Mindestpreis für die CO2-Zertifikate durchgesetzt. Ähnlich dem des kanadischen Bundesstaats Quebec liegt er zwar zunächst auf niedrigem Niveau, steigt aber über die Jahre stufenweise an – von zehn Dollar pro Tonne beginnend in den Jahren 2012 und 2013 um jeweils fünf Prozent pro Folgejahr.

"In Kalifornien gibt es anders als in Europa keine Berühungsängste mit CO2-Mindestpreisen", sagt Susanne Dröge von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) gegenüber klimaretter.info. "Die Väter des EU-Emissionshandels haben eine regelrechte Allergie gegen dieses zusätzliche Instrument, das gegen die reine Lehre eines Cap-and-Trade-Systems steht."

China löst EU als weltgrößten CO2-Handel ab

Auch in China tut sich einiges in Sachen CO2-Handel. Angetrieben von der hohen Luftverschmutzung in ihren Metropolen starteten im Jahr 2013 sieben Provinzen den Handel mit Emissionsrechten, darunter das südwestchinesische Industriezentrum Chongqing. Im November dieses Jahres soll ein landesweiter CO2-Zertifikatehandel beginnen. Er würde etwa ein Viertel der landesweiten Industrieemissionen abdecken und wäre der größte weltweit – vor dem Emissionshandel der EU. "China steckt in der schwierigen Situation, den bestehenden Emissionshandel in den einzelnen Provinzen in einem großen nationalen System miteinander verzahnen zu müssen", sagt Dröge.

Andererseits muss China als autokratischer Einparteienstaat viel weniger Rücksicht auf die Belange seiner Industrie nehmen – und kann entsprechend schneller auf Fehlentwicklungen wie in Europa reagieren, etwa was den niedrigen Preis angeht.

Allein schon wegen seiner schieren Größe ist der CO2-Markt in China von großem Interesse. Vertreter der EU oder auch Kaliforniens haben deshalb bei seiner Konstruktion versucht, ihre eigenen Erfahrungen einzubringen und dem chinesischen Markt ihren Stempel aufzudrücken. "China lernt in der Tat von den Erfahrungen und Lektionen aus dem EU-Emissionshandel", sagt der Umweltökonom Zhang Junjie von der Duke-Universität im ostchinesischen Kunshan gegenüber klimaretter.info. "Es ist allerdings noch nicht bekannt, ob eine Preis-Untergrenze eingeführt wird."

Noch ist China erst dabei, einen Apparat aufzubauen, der überhaupt effektiv die Emissionen messen kann. Der Zertifikate-Markt soll deshalb zunächst auch begrenzt bleiben auf die Sektoren Strom, Aluminium und Zement, da sich dort noch am besten Emissionswerte erheben lassen. Außerdem stellt es ein Problem dar, in einem System, das in großen Teilen noch immer keine Marktwirtschaft ist, ein solches marktwirtschaftliches Instrument einzuführen. Bewusst hat China die Einführung seines landesweiten Emissionshandels auf dieses Jahr vorgezogen, um bis zum Jahr 2020 mit dem System erstmal zu experimentieren.

BildDie Kohlekraftwerke in China machen ein normales Leben in manchen Metropolen unmöglich. (Foto: Tobias Brox/​Wikimedia Commons)

Ob es China einmal besser macht als Europa, lässt sich frühestens im kommenden Jahrzehnt sagen. An Beratung aus Europa und speziell Deutschland hat es zumindest nicht gefehlt. Etwa über die staatliche Entwicklungsorganisation GIZ hat Deutschland in China Beamte geschult, Foren abgehalten und jeden Schritt mit Experten begleitet. Schließlich wissen die Europäer besonders gut, was man aus Fehlern lernen kann.

Nun will China einen ganz ähnlichen Marktstabilitätsmechanismus einführen. Auch der Überschuss an CO2-Zertifikaten dürfte zum Problem werden. "China wird wahrscheinlich die gleichen Fehler wie die EU machen, indem es zu viele Zertifikate verteilt", sagt Umweltökonom Zhang. "Die Zertifikate werden in der Mehrzahl frei verteilt statt versteigert."

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