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Drehen am globalen Thermostat

Ob die Pariser Klimaziele erreicht werden, entscheidet sich vor allem in den Industrie- und Schwellenländern. Neue Zahlen zeigen: In den G20-Staaten entkoppeln sich Wirtschaftswachstum und fossiler Energieverbrauch. Aber lange noch nicht genug.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

In den Industrie- und Schwellenländern, die sich in der G20 zusammengeschlossen haben, leben rund zwei Drittel der Weltbevölkerung, und sie sind für rund 80 Prozent des globalen Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. Die Energie- und Klimapolitik dieser wenigen Staaten entscheidet also darüber, ob das Ziel des Paris-Vertrags, die Erderwärmung auf 1,5 bis zwei Grad zu begrenzen, noch eingehalten werden kann. Eine Analyse zeigt nun: Die Dekarbonisierung – also die Entkopplung des Wachstums von den fossilen Energien – hat bei den G20 zwar bereits begonnen. Um auf den 1,5-bis-zwei-Grad-Pfad zu kommen, reichen die Maßnahmen aber noch längst nicht aus.

BildDer Motor brummt: Seit 1990 ist die Wirtschaftsleistung der G20 um 117 Prozent gewachsen – und der Treibhausgasausstoß um 34 Prozent. (Foto: Brian Snelson/​Wikimedia Commons)

Die Treibhausgas-Emissionen der G20-Staaten sind laut dem "Brown to Green"-Report der internationalen Initiative Climate Transparency zwischen 1990, dem Startjahr der UN-Klimakonvention, und 2014 um rund ein Drittel (34 Prozent) gestiegen. Die Volkswirtschaften sind im selben Zeitraum aber um 117 Prozent gewachsen – ein Beleg für wachsende Energieeffizienz. Seit 2014 stagniert der CO2-Ausstoß, obwohl die Staaten weiterhin Wachstum verzeichnen. Die nötige schnelle Trendwende zu sinkenden Emissionen ist jedoch noch nicht erreicht.

Verfasst wurde die Studie von einem Netzwerk von Thinktanks in zehn G20-Staaten, darunter aus Deutschland Germanwatch, das New Climate Institute und die Humboldt-Viadrina Governance Platform. Die dritte Auflage des Reports liefert kurz vor dem G20-Gipfel eine Analyse der 20 Staaten auf ihrem Weg zu einer CO2-neutralen Wirtschaft. Analysiert werden unter anderem Emissionsentwicklung, Klimapolitik und "grüne" Finanzierung.

Abhängigkeit von Fossilen sinkt zu langsam

Hauptgrund für den schleppenden Umbau sind laut dem Report "die weiterhin zu hohen und häufig subventionierten Investitionen in fossile Industrien". Die Abhängigkeit von fossilen Energien verringere sich zwar insgesamt, bisher aber deutlich zu langsam. Allerdings sind die erneuerbaren Energien auf dem Vormarsch. 98 Prozent der weltweit installierten Windkraft-Kapazität stehen laut dem Bericht in den G20-Staaten, ebenso 97 Prozent der weltweiten Solarkapazität.

In fast allen G20-Staaten wächst der Anteil der Öko-Energien am Strommix – besonders stark in China, Südkorea, der Türkei und Großbritannien. Ausreißer ist Russland, hier sank der Anteil seit 2009 um 20 Prozent. "Die erneuerbaren Energien sind zwar stark auf dem Vormarsch, aber noch dominieren die fossilen Energien den Energiemix der G20", kommentierte Professor Niklas Höhne vom New Climate Institute, ein Mitautor der Studie.

Die meisten der G20-Regierungen haben ihre internationale Klimapolitik laut dem Report zuletzt verbessert. Bei den praktischen Maßnahmen im eigenen Land hinken sie aber weiter hinterher. Die Länder China, Brasilien, Frankreich, Deutschland, Indien, Mexiko und Südafrika haben unter den großen CO2-Einheizern die besten Bewertungen für ihre Klimapolitik bekommen.

Am schlechtesten schneiden die USA, Australien, Japan, Saudi-Arabien und die Türkei ab. In Hinblick auf die Paris-Ziele bekommt kein G20-Staat eine sehr gute Bewertung. Keines der Länder ist auf einem Unter-Zwei-Grad-Pfad.

Deutschland mit mittlerer Bewertung

Die Bewertung der USA hat sich wegen der Trumpschen Kurswende – Ausstieg aus Paris, angekündigte Renaissance der fossilen Energien – deutlich verschlechtert. Allerdings gibt es Hoffnung. "Die Pro-Paris-Reaktionen mehrerer US-Bundesstaaten sowie vieler Städte und Unternehmen im Land nähren aber die Hoffnung, dass die USA dennoch ihren Teil zum Klimaschutz beitragen werden", sagte Jan Burck von Germanwatch.

Die Klimapolitik von Kanada, Großbritannien und Frankreich bewertet die Studie positiv, weil sie einen Kohleausstieg durchsetzen. Andere Länder erhalten eine mittlere Bewertung, da sie einen Ausstieg in Erwägung ziehen oder Schritte zur spürbaren Reduzierung eingeleitet haben – wie Deutschland, aber auch Italien und Mexiko.

BildDie Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (orange), der Treibhausgasemissionen (braun) und der Energieintensität der Wirtschaft (grün) zeigt die Effizienzfortschritte in den G20-Staaten – die aber vom Wirtschaftswachstum mehrfach übertroffen werden, sodass die Emissionen trotzdem steigen. (Grafik: Climate Transparancy)

Die Bundesrepublik als "Energiewende-Erfinder" verzeichnete in den letzten Jahren zwar weiterhin einen starken Ausbau der Ökoenergien, doch liegt das Niveau der Kohleverstromung auf einem deutlich zu hohen Niveau, um die Paris-Ziele zu erreichen. Indien und China liegen ebenfalls im Mittelfeld, weil sie jüngst Kohlekraftwerke stillgelegt oder Neubaupläne auf Eis gelegt haben. Russland bekommt für seinen schleppenden Umbau des Energiesystem schwache Noten, Australien sehr schwache.

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