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Chinas Kohle für die Welt

China ist gar nicht auf einem so sauberen Weg, wie es das Land gern darstellt. Zuhause deutet sich zwar eine vorsichtige Abkehr von der schmutzigen Kohle an. Im Ausland aber investieren chinesische Unternehmen viel Geld in Beteiligungen an Kohlekraftwerken.

Aus Peking Feng Hao

Zurzeit unternimmt China einen ehrgeizigen Versuch, sein ökonomisches Wachstum anzukurbeln. Das geschieht im Rahmen der Belt and Road Initiative (BRI) – auch "Neue Seidenstraße" genannt –, einer groß angelegten Infrastruktur-Initiative, die sich in einem breiten Gürtel von der chinesischen Südostküste bis nach Afrika erstreckt. 

BildKohletransport in Peking. Neuerdings bewegt China die Kohle vor allem durch Investitionen in ausländische Kohlekraftwerke. (Foto: Han Jun Zeng/​Flickr)

Geografisch umfasst die Initiative zwei Teile: eine kontinentale Route im Raum der historischen Seidenstraße und einen Seeweg. Die Initiatve soll im großen Stil Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen mobilisieren, um die Regionen enger zu vernetzen und neue Märkte für chinesische Produkte und Dienstleistungen sowie chinesisches Kapital eröffnen.

Allerdings sorgt die Initiative innerhalb des Landes wie auch international für Besorgnis, weil chinesische Konzerne in den Teilnehmerstaaten große Summen in Kohlekraft investieren. Kritisiert wird, dass China Entwicklungsländer dabei unterstützt, eine Infrastruktur aufzubauen, die diese für Jahrzehnte auf Kohle als Energieträger festlegt – mit gravierenden Folgewirkungen für die Gesundheit der Menschen vor Ort und für das Klima.

250.000 Megawatt neue Kohlekapazität

Das Global Environmental Institute (GEI) hat kürzlich analysiert, in welchem Umfang sich China in den vergangenen Jahren in den 65 Teilnehmerstaaten der Belt and Road Initiative im Kohlesektor engagiert hat. Demnach war China von 2001 bis 2016 an 240 Kohlekraftwerken beteiligt. In der Summe beläuft sich deren Leistung auf 251.000 Megawatt.

Das meiste Geld floss dem Bericht zufolge nach Indien, Indonesien, in die Mongolei, nach Vietnam und in die Türkei. Die Zahlen belegen einen ansteigenden Zubau der Kohlekapazitäten mit chinesischer Unterstützung – auch wenn die Zubauwerte von Jahr zu Jahr stark schwanken.

Anfang der 2000er Jahre waren chinesische Unternehmen im Rahmen der "Going Out Strategy" ganz gezielt ermuntert worden, im Ausland Firmenanteile zu erwerben und auf diese Weise ihre Geschäftsaktivitäten auszuweiten. Das hatte auch eine Zunahme der chinesischen Beteiligungen an Kohleprojekten zur Folge.

2010 allerdings gab es einen scharfen Einschnitt, weil sich die politischen Rahmenbedingungen in einigen Staaten änderten. Vor allem betraf das Indien, das im Rahmen einer protektionistischen Politik Barrieren gegen ausländische Beteiligungen in heimischen Kohleprojekten errichtete. Erst mit dem Start der Belt and Road Initiative im Jahr 2013 nahmen die chinesischen Investitionen wieder zu, gefolgt von einem neuerlichen Einschnitt als Folge der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens im vergangenen Jahr.

Indien, Indonesien und Mongolei wollen mehr Erneuerbare

Mehr als 40 Prozent dieser Kohlekraftwerke befinden sich in der Vorbereitungsphase – davon werden einige noch geplant, bei 15 Prozent sind die Verträge unterzeichnet, 23 Prozent sind bereits im Bau. Weitere 48 Prozent der Kraftwerke, in die chinesische Unternehmen involviert sind, laufen bereits. Die restlichen Projekte wurden abgebrochen oder verschoben, bei einigen ist der Stand auch unklar.

Die Analyse des Global Environment Institute hat deutlich gemacht, mit welchen Risiken Kohleprojekte verbunden sind. Sowohl transnationale Gesetze als auch die diplomatischen Beziehungen zwischen verschiedenen Staaten und die nationale Politik wirken sich auf die Investitionen aus.

Beispielsweise haben Indien, Indonesien und die Mongolei jeweils politische Rahmenbedingungen geschaffen, um den Anteil der erneuerbaren Energien in ihrem Energiemix zu erhöhen. In Indien, wohin zwischenzeitlich die meisten Kohle-Investitionen flossen, gab es seit 2009 kaum noch chinesische Beteiligungen. In jenem Jahr hatte Indien untersagt, dass ausländische Investoren sich in große Kraftwerksprojekte einkaufen.

Zuhause weniger Kohleverbrauch, im Ausland mehr Beteiligungen

Im eigenen Land haben Chinas Bemühungen, den Kohleverbrauch zurückzufahren, dafür gesorgt, dass die Nachfrage stagniert. Nicht zuletzt hat auch das langsamere Wirtschaftswachstum in China zu einer Abnahme der Investitionen im Energiesektor geführt. Nun befürchten Umweltschützer, dass die fehlenden heimischen Wachstumschancen die chinesischen Kohlefirmen dazu bringen, sich im Ausland nach neuen Möglichkeiten umzutun.

Genau hierfür hat die Belt and Road Initiative die Bedingungen geschaffen. In den BRI-Staaten gibt es einen großen Bedarf an neuen Kraftwerken. Das ist ein Widerspruch, der auch weithin gesehen wird: Einerseits treibt China zuhause die Energiewende voran, andererseits ist das Land an Kohlekraftwerken in anderen Staaten beteiligt und untergräbt damit den globalen Klimaschutz.

BildKohlekraftwerksprojekte mit chinesischer Beteiligung in den Staaten der Belt and Road Initiative (Grafik vergrößern), nach installierter Leistung. (Grafik: GEI/​chinadialogue.net)

Angesichts des voranschreitenden Klimawandels haben mittlerweile auch die Weltbank und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD begonnen, ihre finanzielle Unterstützung für Kohlekraftwerke zu beschränken – auch Japan und Südkorea sind dabei. Stattdessen unterstützen die Organisationen nun verstärkt den Ausbau erneuerbarer Energien.

"Kein Grund, China zu kritisieren"

Viele sehen die chinesischen Kohle-Investitionen im Ausland als Export von CO2-Emissionen an. Allerdings gehen die Meinungen auseinander, wie hoch der CO2-Fußabdruck der exportierten Kohle-Technologien anzusetzen ist. China exportiere vor allem moderne Technologien, argumentiert Hu Zhaoguang, Energiemarkt-Experte beim China Electricity Council und früherer Chef des State Grid Energy Research Institute. Die Emissionswerte dieser Technologien kämen denen von Gaskraftwerken gleich.

Ebenfalls keinen Grund, China zu kritisieren, sieht Liu Qiang, Direktor des Forschungsbereichs Energie am Institute of Quantitative and Technical Economics an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, "solange das Land die vor Ort geltenden Umweltstandards einhält". Fakt ist aber, dass die Gesetze und Umweltstandards in vielen BRI-Staaten sehr niedrig sind. Außerdem wird der Ausstoß der Emissionen wahrscheinlich nicht streng kontrolliert.

Kohle ist billig und deshalb attraktiv

Für viele BRI-Staaten bleibt Kohle nach wie die günstigste und deshalb attraktivste Option, um den Zugang zur Stromversorgung auszuweiten. Nach Schätzungen der Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank AIIB haben noch immer 460 Millionen Menschen in Asien keinen Strom. Der Druck, diesen Menschen endlich Energiezugang zu ermöglichen, schiebt Bedenken zu Luftverschmutzung und Klimawandel beiseite.

Wie sehr China sich an ausländischen Kohlekraftwerken beteilige, hänge von den Investitionsmöglichkeiten in den Gastländern ab, erläutert Hu Zhaoguang gegenüber dem Onlineportal chinadialogue.net. Für viele BRI-Staaten sei Kohle einfach die günstigste Energieform, deshalb setzten sie darauf.

Gerade für die weniger entwickelten Regionen seien die Kostenvorteile der mit chinesischer Hilfe gebauten Kraftwerke ausschlaggebend, ist auch Zhang Liutong überzeugt, der als Manager bei der Lantau Group arbeitet, einem asiatisch-pazifischen Energie- und Wirtschaftsberatungsunternehmen.

Und auch das Recht auf Entwicklung müsse eine Rolle spielen, findet Energieforscher Liu Qiang von der Akademie der Wissenschaften. Bei der Bewertung ausländischer Kohle-Beteiligungen müsse man berücksichtigen, dass der Zugang zu Energie durch vergleichsweise günstige Kohlekraftwerke dazu beiträgt, Armut zu bekämpfen.

Ausschreitungen wegen Stromausfällen in Pakistan

Tatsächlich wirkt sich ein fehlender Stromzugang stark auf das Leben und Arbeiten der Betroffenen aus. In Pakistan, wo China an Kohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von 5.900 Megawatt beteiligt ist, hat der ökonomische Entwicklung die Stromnachfrage rapide ansteigen lassen; das Angebot aber hinkte dieser Nachfrage lange hinterher. In den vergangenen Jahren hat sich die Kluft weiter vergrößert. Im Jahr 2013 konnte das Angebot nur etwa zwei Drittel der Nachfrage bedienen.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Erst kürzlich kam es in der Hafenstadt Karatschi zu gewaltsamen Ausschreitungen, nachdem der Strom immer wieder für lange Zeit ausgefallen war. Abhilfe schaffen soll hier das Port Qasim Power Project. Es ist momentan das größte Investitionsprojekt Chinas und Teil des China-Pakistan Economic Corridor. Mit einer Leistung von 1.320 Megawatt soll es vier Millionen Haushalte mit Energie versorgen.

Für Keyu Jin von der London School of Economics ist aber die Kernfrage der Belt and Road Initiative, ob die Projekte volkswirtschaftlich Sinn ergeben. "Gibt es entscheidende Vorteile und kommen diese Vorteile vielen zugute?", formuliert die Ökonomin ihr Kriterium.

Greenpeace Indien: China könnte positivere Rolle spielen

In anderen Ländern, etwa den Philippinen, regt sich massiver Widerstand gegen die chinesichen Kohle-Investitionen, erklärt Zhang Liutong. Hier frage die lokale Bevölkerung nach, ob die chinesischen Technologien verlässlich und sauber genug seien.

Wieder andere Staaten fordern China auf, sich im Rahmen der Belt and Road Initiative nicht länger auf Kohle zu konzentrieren, sondern auf alternative Technologien mit geringen Emissionen. "Angesichts der Tatsache, dass sich Indien anspruchsvolle Erneuerbaren-Ziele gegeben hat und China einer der weltgrößten Exporteure von Erneuerbare-Energien-Technologien ist, könnte China eine sehr viel positivere Rolle spielen", ist Nandikesh Shivalingam überzeugt, der als Campaigner bei Greenpeace Indien arbeitet.

Vor Kurzem hat Indien den Entwurf für einen Nationalen Elektritzitätsplan veröffentlicht, der darauf abzielt, den Anteil der Erneuerbaren am Strommix bis 2027 erheblich zu erhöhen. Das bietet chinesischen Unternehmen gute Chancen. Etwas tut sich auch schon. "Die chinesischen Investitionen in Kohlekraft sind bereits gesunken", sagt Jai Sharda, Gründer des indischen Thinktanks Equitorials. "Gleichzeitig sehen wir einen langsamen Anstieg bei den chinesischen Investitionen in indische Solarprojekte."

BildSteinkohletagebau in Hailar in der Inneren Mongolei, einem autonomen Gebiet im Norden von China. (Foto: Herry Lawford/Wikimedia Commons)

Aber auch wenn die Kosten für Wind- und Sonnenenergie schnell fallen, bleibt abzuwarten, ob die chinesischen Investitionen im Rahmen der Belt and Road Initiative statt in die billige Kohle doch noch in grüne Energieprojekte fließen.

Das wird neben China und den Teilnehmerstaaten der Belt and Road Initiative auch von der Bevölkerung vor Ort abhängen. Sie muss einbezogen werden, wenn es darum geht zu entscheiden, was schwerer wiegt: der Wunsch nach Zugang zu Strom mithilfe billiger Kohle oder die damit verbundene Luftverschmutzung und der Beitrag der Projekte zum Klimawandel.

Die Autorin arbeitet in Peking bei chinadialogue.net. Das unabhängige Informationsportal mit Sitz in London berichtet in chinesischer und englischer Sprache über Umweltthemen in China. Der Beitrag ist dort im Mai erschienen

Übersetzung: Eva Mahnke

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