Keine Kohle im Fußball-Stadion

Münster, Berlin und Stuttgart haben es schon getan, Göttingen wird wohl bald folgen: Die Kommunen wollen ihr Geld aus den fossilen Energien rausziehen. Am Freitag startete eine weltweite Kampagne der Divestment-Bewegung. Sie soll den Trend zum Fossil-Ausstieg weiter befeuern.

Von Joachim Wille

"Raus aus Kohle, Erdöl und Erdgas." Das ist das Ziel der Divestment-Bewegung. Sie hat binnen fünf Jahren nach eigenen Angaben immerhin erreicht, dass weltweit 718 Institutionen, die zusammen über ein Vermögen von über 5,5 Billionen US-Dollar verfügen, ihre Investitionen in fossile Energien beendet oder zurückgefahren haben.

BildAuf dieser Karte gibt es einen Überblick über alle Aktionen, die im Rahmen der Divestment-Kampagne 2017 weltweit stattfinden. (Grafik: Screenshot/globaldivestmentmobilisation.org)

Darunter sind Versicherungen, Großstädte, Universitäten und kirchliche Institutionen. Nun will die Bewegung mit einer "Aktionswelle" in 39 Ländern auf sechs Kontinenten der Mobilisierung für den Fossil-Ausstieg einen neuen Schub geben. Start dafür ist am heutigen Freitag.

Die geplanten Aktionen sind sehr vielfältig, nicht wenige auch kreativ. So wollen in Brasilien die Fußballfans des Coritiba FBC bei einem Meisterschaftsspiel ein riesiges Transparent entfalten, dass die Manager des Vereins zum Divestment auffordert. In New York soll es eine "Kreativaktion" vor dem Trump Tower geben, dessen Besitzer als US-Präsident gerade den Gegenkurs zu fahren versucht. In Paris wird das Louvre-Museum von der Kampagne "Libérons le Louvre" unter Druck gesetzt, die Zusammenarbeit mit dem Energiekonzern Total zu stoppen, und in Amsterdam wollen Aktivisten das Van-Gogh-Museum auffordern, sich nicht länger von Shell sponsern zu lassen.

Kritik an "Komplizenschaft" von Kommunen und RWE

In Deutschland haben 25 "Fossil-Free"-Gruppen Aktionen angekündigt, Druck auf Rathäuser, Unis, Kirchen und Banken zu machen. Die Hauptdemo findet in München statt. Die Stadtverwaltung, das Bistum München-Freising und die örtlichen Universitäten werden aufgefordert, sich der Divestment-Bewegung anzuschließen. In Berlin und Freiburg finden Aktionswochen mit Workshops, Filmvorführungen, Diskussionen und kreativen Aktionen statt. Gruppen in Aachen, Dortmund und Bochum attackieren die "Komplizenschaft" ihrer Städte mit dem Stromkonzern RWE. Sie werden aufgefordert, sich von Aktien von RWE und allen anderen Kohle-, Öl- und Gaskonzerne zu trennen. Weitere Aktionen finden unter anderem in Kassel, Göttingen, Münster, Stuttgart, Hannover, Chemnitz, Erlangen und Eisenach statt.

Die Divestment-Bewegung, die ihren Anfang in Nordamerika nahm, bekam zuerst Ableger in Europa und Australien, hat inzwischen aber auch Asien, Südamerika und Afrika erfasst. Als großen Erfolg sehen die Aktivisten, dass jüngst auch die US-Eliteuni Harvard angekündigt hat, nicht mehr in Kohlekonzerne zu investieren, auch wenn das vor allem ökonomische Gründe hat – Investitionen in diesem Sektor werfen in den USA kaum noch etwas ab.

Dass die Bewegung gerade an US-Universitäten erfolgreich ist, hat Gründe. "Die Unis müssen hier die Führung übernehmen, denn durch sie wissen wir vom Klimawandel", schrieb der bekannte US-Umweltschützer Bill McKibben 2012 in seinem Gastbeitrag im Musikmagazin Rolling Stone, der eine Gründungswelle von Divestment-Gruppen an den hier vielfach privaten Hochschulen auslöste. Die US-Öl- und -Gas-Lobby versucht unterdessen, die Bewegung zu bremsen,. Jüngst warnte sie vor steigenden Studiengebühren durch den Fossil-Ausstieg.

In Deutschland haben bisher drei Großstädte ein Divestment beschlossen, nämlich Münster, Berlin und Stuttgart. Demnächst dürfte Göttingen hinzukommen. Es gilt als sicher, dass der Stadtrat bei seiner Sitzung Mitte Mai zustimmt, nachdem der Finanzausschuss in dieser Woche eine entsprechende Vorlage abgesegnet hat.

Bild"Fossil Free": Der Slogan fordert Investoren, Kommunen, Institutionen und Unternehmen auf, ihr Geld aus dem fossilen Sektor abzuziehen. (Foto: Fossil Free Göttingen/350.org/Flickr)

Große Beachtung in der "Fossil Free"-Szene fand hierzulande der jüngste Beschluss des französischen Versicherungskonzerns Axa, Geschäfte mit der Kohleindustrie weiter einzuschränken. Er will als erster aus der Branche keine Unternehmen mehr versichern, die über 50 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle machen. Die Umweltorganisation Urgewald begrüßte den Schritt. Sie forderte den Allianz-Konzern auf, Axas wichtigste europäische Konkurrenz, dem Beispiel zu folgen. Die Allianz hatte 2015 beschlossen, auf Divestment-Kurs zu gehen. Urgewald-Expertin Heffa Schücking sagte: "Ohne umfangreiche Versicherungen kann kein Kohlekraftwerk gebaut werden."

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen