Erneuerbare global: Mehr für weniger Geld

Ökoenergien machen 2016 mehr als die Hälfte der weltweit neu installierten Kapazität aus – ein Rekordanteil. Aber auch insgesamt wurde so viel Erneuerbaren-Leistung installiert wie noch nie. Zugleich brachen die Investitionen ein. Das hängt nicht nur mit den fallenden Kosten zusammen, zeigt eine Studie.

Von Benjamin von Brackel

Indiens gewaltige Pläne zum Ausbau der erneuerbaren Energien nahmen erstmals am 21. September 2016 so richtig Form an. An dem Tag wurde nahe der südindischen Stadt Ramanathapuram im südlichsten Bundesstaat Tamil Nadu ein Solarfeld eröffnet, das sich auf 12,5 Quadratkilometern erstreckt. Es ist das größte allein stehende Solarkraftwerk der Welt. 8.500 Menschen hatten an dem Aufbau des Kraftwerks mit seinen 2,5 Millionen Solarmodulen gearbeitet. Es ist nur Teil eines großen Plans: Bis März 2022 will die indische Regierung eine installierte Solarleistung von 100 Gigawatt erreichen.

BildSonnige Zeiten brechen an. (Foto: BSW-Solar/​First Solar)

Indien steht für einen weltweiten Trend: Der Siegeszug der Erneuerbaren setzte sich auch 2016 fort. Deren neu installierte Kapazität nahm gegenüber dem Vorjahr nochmal um neun Prozent zu – von 127,5 Gigawatt auf 138,5 Gigawatt – ausgenommen große Wasserkraftwerke. Den Hauptanteil bestreiten dabei neue Solaranlagen (75 Gigawatt), gefolgt von Windanlagen (54 Gigawatt). Das geht aus einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen Unep und der Energieanalysten des US-Marktforschungsunternehmens Bloomberg New Energy Finance hervor.

Demnach machten die Ökoenergien 2016 mehr als die Hälfte der neu installierten Energiekapazität aus und erreichten den Rekordwert von 55 Prozent, gefolgt von Kohle (21 Prozent), Gas (14 Prozent), großen Wasserkraftwerken (sechs Prozent) sowie Atomkraftwerken (vier Prozent).

Was allerdings die Investitionen in die Erneuerbaren angeht, ist ein gegenläufiger Trend zu beobachten: Diese gingen weltweit um fast ein Viertel gegenüber dem Vorjahr auf nun 241,6 Milliarden Dollar zurück – das ist der niedrigste Stand seit 2013.

Kosten für Erneuerbare sinken

Es gibt vor allem zwei Gründe für diese Entwicklung, der eine ist beunruhigend, der andere ermutigend.

Zuerst der ermutigende Grund: Die Investitionen gehen zurück, weil die Kosten für die Erneuerbaren sinken. Im Jahr 2016 nahmen die durchschnittlichen Kapitalausgaben pro Megawattstunde um mehr als zehn Prozent für Solar- und Windkraft ab.

"Immer billiger werdende saubere Technologien bieten echte Chancen für Investoren, mehr für weniger zu kriegen", sagt Unep-Chef Erik Solheim. "Das ist genau die Situation, in der sich das Streben nach Gewinn mit den Bedürfnissen der Menschen verbindet. Das wird den Wandel zu einer besseren Welt für alle beschleunigen."

Im Preisverfall der Erneuerbaren sehen die Studienautoren das "hoffnungsvollste Zeichen" für ein globales grünes Stromsystem. 2016 habe es Gewinner von Ausschreibungen in Chile gegeben, die nur 2,9 Cent pro Kilowattstunde für ihren solaren Strom veranschlagt hatten. Auch in Marokko, Dubai, Indien, Sambia, Mexiko und Peru werde der Solarstrom teils zu Ramschpreisen angeboten.

"Nach den dramatischen Kostensenkungen der vergangenen fünf Jahre können nicht subventionierte Wind- und Solar-Anlagen in einer zunehmenden Zahl von Ländern zu den niedrigsten Kosten Strom anbieten, selbst in den Entwicklungsländern", erklärt Michael Liebreich, Chef des Beratungsgremiums von Bloomberg New Energy Finance. "Es ist eine völlig neue Welt: Obwohl die Investitionen zurückgehen, liegen die jährlichen Installationen ganz oben; statt die Erneuerbaren subventionieren zu müssen, müssen die Behörden nun Gaskraftwerke subventionieren, um die Netzstabilität zu sichern."

Markteinbruch in China

Es gibt allerdings auch Entwicklungen, die Sorgen machen könnten. Ein weiterer Grund für den Investitions-Einbruch 2016 ist in China zu finden. Hier stürzten die Investitionen um etwa ein Drittel auf 78,3 Milliarden Dollar ab – nachdem es elf Jahre lang einen ansteigenden Trend gegeben hatte. Auch der Erneuerbaren-Markt in Japan (minus 56 Prozent auf 14,4 Milliarden Dollar) und anderen aufstrebenden Energiemächten brach ein.

In Europa gab es insgesamt ein leichtes Plus, in Deutschland allerdings sanken die Erneuerbaren-Investitionen um 14 Prozent auf 13,2 Milliarden Dollar (zum Vergleich: in Großbritannien waren es 24 Milliarden Dollar). Während weniger in Solar- und Windenergie an Land investiert wurde, flossen deutlich mehr Gelder in die Offshore-Windenergie, die den Rückgang in den Investitionen zum Teil kompensieren konnte. Auch China hatte einen Offshore-Windboom zu verzeichnen.

Ulf Moslener von der Frankfurt School of Finance and Management macht den Rückgang der Investitionen in China auch an der sinkenden Stromnachfrage fest – aufgrund des gedämpften Wachstums im Land. "Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung Sorgen bereiten muss", betont er gegenüber klimretter.info. "Ich würde da keine Abkehr Chinas von den Erneuerbaren hineininterpretieren."

Moslener erwartet, dass die Investitionen in Ökoenergien in den nächsten Jahren wieder ansteigen: "Die absoluten Kosten pro Megawattstunde können so nicht ewig sinken." In der Relation gesehen wurde 2016 ohnehin etwa doppelt so viel in Erneuerbare investiert wie in fossile Energien.

BildSie werden immer mehr, kosten aber immer weniger Geld: Solaranlagen wie hier in Italien. (Foto: J. Chantraine/​Wikimedia Commons)

Moslener sieht das "Divestment" aus der Kohle im Gange, aber es dauere einfach, das Markt-Umfeld "fit für einen massiv steigenden Anteil Erneuerbarer zu machen". Dass noch viel Luft nach oben ist, zeigt eine weitere Zahl aus dem Unep-Bericht. Danach nahm trotz des Installations-Rekords der Anteil der Erneuerbaren am Strommix im vergangenen Jahr weltweit nur leicht zu: von 10,3 Prozent auf 11,3 Prozent.

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