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China lässt den Kohlepreis pendeln

In der zweiten Hälfte des letzten Jahres ist der Kohlepreis plötzlich stark gestiegen, obwohl die Nachfrage in China und den USA sinkt und selbst in Indien der Kohleausstieg in den Blick rückt. Grund war eine Angebotsverknappung durch Chinas Regierung. Langfristig dürfte es mit der Kohle aber zu Ende gehen.

Aus Chiang Mai (Thailand) Christian Mihatsch

Sechs Jahre lang kannte der Weltmarktpreis für Steinkohle nur eine Richtung: nach unten. Im Januar 2011 kostete eine Tonne Kohle für Kraftwerke 142 US-Dollar. Im Juni 2016 lag der Preis bei 57 Dollar. Doch dann wurde Kohle plötzlich schnell teurer: Im November kostete eine Tonne 107 Dollar. Seither geht es wieder bergab. Im Moment bekommt man eine Tonne für 90 Dollar.

BildSchwere Zeiten für die chinesische Kohleindustrie: Immer häufiger stehen die Bänder still. (Foto: Peter Van den Bossche/​Wikimedia Commons)

Grund für den massiven Preisanstieg in der zweiten Hälfte des letzten Jahres war das Kohleangebot. China, der größte Kohlemarkt der Welt, hatte die Auflagen für Kohleförderer verschärft: Sie durften nicht mehr am Wochenende durcharbeiten und viele kleinere Gruben wurden gleich ganz stillgelegt.

Der Preisanstieg war dabei durchaus gewollt. Chinas Kohlekonzerne sind oft in Staatsbesitz und eigentlich bankrott. Doch die regierende Kommunistische Partei fürchtet Massenentlassungen und hält die "Zombiefirmen" daher mit Krediten von ebenfalls staatseigenen Banken am Leben.

Ende letzten Jahres hielt die Regierung in Peking den Kohlepreis dann aber doch für etwas zu hoch und lockerte die Auflagen für die Betreiber wieder. Seither sinkt der Preis erneut.

Ein Grund für das Umdenken in Chinas Regierung dürfte auch der Preis für Kokskohle gewesen sein, die bei der Eisenverhüttung zum Einsatz kommt. Der Preis für Kokskohle hatte sich von Juni bis November 2016 beinahe vervierfacht auf über 300 US-Dollar pro Tonne. Das wiederum setzte der Stahlindustrie zu, die weltweit unter enormen Überkapazitäten leidet.

"Indiens Stromsektor könnte 2050 kohlefrei sein"

Auf der Nachfrageseite verdüstert sich der Ausblick für den Kohlepreis derweil immer mehr. Die Hoffnungen der Kohleindustrie konzentrierten sich bislang auf eine deutlich steigende Nachfrage in Indien, dem drittgrößten Kohlemarkt der Welt. Noch haben 240 Millionen Inder keinen Stromanschluss und viele andere leiden unter regelmäßigen Stromabschaltungen.

Doch nun hat Teri, ein bekanntes indisches Forschungsinstitut, ausgerechnet, dass das Land voraussichtlich keine zusätzlichen Kohlekraftwerke mehr braucht. Derzeit sind Kohlemeiler mit einer Kapazität von 50.000 Megawatt im Bau. Gemäß Teri ist damit der Strombedarf bis 2026 gedeckt. "Indien hat ein Zeitfenster von zehn Jahren, in dem keine neuen Investitionen in Kohle, Gas oder Atomkraft wahrscheinlich sind", sagte Teri-Chef Ajay Mathur.

Gleichzeitig fallen die Kosten für Wind- und Solarstrom kontinuierlich – ebenso wie die Kosten für Batterien. Teri schätzt, dass die Kosten für eine Kilowattstunde Strom aus erneuerbaren Quellen einschließlich der nötigen Stromspeicher bis zum Jahr 2027 auf fünf Rupien (sieben Euro-Cent) fallen werden. In diesem Fall wäre der Neubau von Kohlekraftwerken nach 2026 nicht mehr wirtschaftlich. Damit rückt auch in Indien der Kohleausstieg in Sicht, so Mathur: "Indiens Stromerzeugung könnte im Jahr 2050 kohlefrei sein."

Benjamin Sporton, Hauptgeschäftsführer der World Coal Association, sieht das naturgemäß anders. "Indiens Energiebedarf ist zu groß für Überlegungen, dass in Zukunft keine Kohle mehr gebraucht würde", wiegelt der Industrieverbands-Chef ab. Doch auch andere Länder kommen mit immer weniger Kohle aus. In China hat die Nachfrage bereits im Jahr 2013 ihren Höhepunkt erreicht, errechnete die Internationale Energieagentur IEA.

China, USA, Europa: Kohle ade

Das hindert das Land zwar nicht daran, weiter in neue Kohlekraftwerke zu investieren – der aktuelle Fünf-Jahres-Plan sieht einen Kapazitätsausbau bis zum Jahr 2020 auf 1,1 Millionen Megawatt vor. Geplant hatten die Stromkonzerne aber deutlich mehr, weswegen die Regierung die Genehmigungen für 104 Kohlemeiler kurzerhand annulliert hat.

Wegen dem Ausbau der Erneuerbaren sei dennoch damit zu rechnen, dass viele Kohlekraftwerke die meiste Zeit stillstehen, warnt der Londoner Umwelt-Thinktank Carbon Tracker. Bereits heute seien Chinas Kohlekraftwerke nur zu 45 Prozent ausgelastet.

Im zweitgrößten Kohlemarkt, den USA, geht die Kohleverstromung ebenfalls seit Jahren zurück. Grund dafür sind hier die niedrigen Gaspreise, und da der neue US-Präsident Donald Trump Fracking erleichtern will, dürfte dem Land die Schiefergasschwemme vorerst erhalten bleiben.

In Europa könnte schließlich die Klimapolitik der Kohle den Garaus machen. Das internationale Forschungsinstitut Climate Analytics hat ausgerechnet, dass die EU bis zum Jahr 2030 aus der Kohle aussteigen muss, wenn sie ihren Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen nachkommen will.

BildBrauchen viel weniger Kohle, seit der Wirtschaftsboom sich abgekühlt hat: Chinas Stahlwerke wie dieses in der nordöstlichen Provinz Liaoning.  (Foto: Andreas Habich/​Wikimedia Commons)

Vor diesem Hintergrund hat der britische Bergbaukonzern Rio Tinto vorausschauend gehandelt, indem er die jetzigen relativ hohen Preise nutzte, um sich von seinen australischen Kohleminen zu trennen. Der Käufer, die Yanzhou Coal Mining aus der ostchinesischen Provinz Shandong, dürfte sich nun dafür einsetzen, dass Chinas Zentralregierung die heimische Förderung wieder drosselt.

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