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Klima kommt in den Geschäftsbericht

Die Industriestaaten fürchten, dass ein Werteverfall bei fossilen Konzernen ein Börsenbeben auslösen könnte. Deshalb sollen Konzerne künftig offenlegen, welche Risiken ihnen aus Klimawandel und Klimaschutz erwachsen.

Aus Basel Christian Mihatsch

In dieser Woche wurde eine neue Front im Kampf gegen den Klimawandel eröffnet: die Finanzmärkte. Die G20-Staaten fürchten, dass Klimawandel und Klimaschutz eine Finanzkrise auslösen könnten. Deshalb hatten sie 2015 eine Arbeitsgruppe beauftragt, Richtlinien für die Offenlegung von Klimarisiken auszuarbeiten, denn: "Ohne die richtigen Informationen könnten Investoren Anlagen falsch bewerten, was zu einer Fehlallokation von Kapital führt", wie der in dieser Woche in Basel vorgelegte Abschlussbericht der Arbeitsgruppe warnt. Dafür sei nicht zuletzt die Finanzkrise 2008 ein "wichtiger Weckruf" gewesen.

BildAktivisten warnen schon länger vor dem Platzen der "CO2-Blase". (Foto: Salome Zimmermann/​350.org/​Flickr)

Beim Klima unterscheiden die neuen Richtlinien zwei Risiken: die Risiken durch den Klimawandel – etwa extreme Wetterereignisse – und die Risiken durch den Klimaschutz. Denn die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens mache "wesentliche" und manchmal gar "disruptive" (auf Deutsch etwa: "revolutionäre") Änderungen erforderlich.

Das hat Auswirkungen auf die Bewertung von Firmen wie etwa Energiekonzernen: Wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll, müssen zwei Drittel der bekannten Vorkommen an Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben. Sobald die Märkte das realisieren, drohen daher "Schocks" durch den Wertverfall dieser Firmen.

Ziel der Richtlinien sind aber nicht nur Unternehmen wie Exxon oder RWE, sondern alle Konzerne. Autohersteller müssen sich überlegen, ob ihre Investitionen in Verbrennungsmotoren noch etwas wert sind. Nestlé und Co werden angehalten, ihre Lieferketten auf die Auswirkungen von Dürren oder schweren Stürmen zu überprüfen. Und Banken, Versicherer und institutionelle Anleger sollen offenlegen, wie viel CO2 in ihren Anlage-Portfolios steckt und was diese noch wert sind, wenn Regierungen einen angemessenen CO2-Preis festlegen. Ziel ist letztlich eine Umlenkung der globalen Finanzströme: "Um die nötigen Investitionen in Klimaschutz zu mobilisieren, muss die Datenlage zu Klimarisiken und Klimastrategien verbessert werden", heißt es etwa bei der Schweizer Großbank UBS.

Klimadebatte in der Chefetage

Unternehmen sollen daher in ihren Geschäftsberichten aufzeigen, welche Risiken und Chancen ihnen aus Klimawandel und Klimaschutz erwachsen. Ausgangspunkt ist dabei das Zwei-Grad-Ziel. Was das bedeutet, fasst Nigel Topping vom Unternehmensdachverband "We Mean Business" zusammen: Letztlich müssten die Firmen erklären, wie sie sich den "Weg zu einer Null-Emissions-Wirtschaft" vorstellen.

Damit sei der Klimaschutz in den Konzernen nicht länger Aufgabe des Umweltbeauftragten, sagt Koushik Chatterjee vom indischen Stahlhersteller Tata: "Ich freue mich besonders, dass die Klimadiskussionen nun in die Geschäftsleitungen und Finanzabteilungen gehoben wurden."

Damit dies geschieht, haben die neuen Richtlinien denn auch berühmte Autoren: Die Schirmherrschaft hat Mark Carney, der Chef der britischen Nationalbank, und die Arbeitsgruppe wurde von Michael Bloomberg, dem ehemaligen Bürgermeister von New York und Gründer des Finanznachrichtendienstes Bloomberg, geleitet.

Vorerst sind die Richtlinien freiwillig, was etwa der Chef des britischen Versicherers Aviva, Mark Wilson, kritisiert: "Wir sollten diesen Offenlegungs-Regeln echten Biss verleihen, indem wir sie verbindlich machen." Mittelfristig werden aber gerade Investoren kaum um die neuen Richtlinien herumkommen. Um ihrer "treuhänderischen Pflicht" zu genügen, müssen sie alle infrage kommenden Risiken berücksichtigen. Tun sie dies nicht, werden sie für Verluste haftbar.

BildWenn das traditionelle Geschäftsmodell ausgedient hat: Ein massiver Preisverfall von fossilen Investments könnte ein Börsenbeben auslösen. (Foto: Pietro Bruni/​CDM Watch)

Das weiß auch der deutsche Autokonzern Daimler. "Die Regeln des Kapitalmarkts haben eine sehr starke Wirkung auf börsennotierte Unternehmen", heißt es dort. Aviva-Chef Wilson ist deshalb zuversichtlich, dass auch die noch unverbindlichen Richtlinien ihre Wirkung entfalten: Der Bericht könne "ein Katalysator zur Erfüllung des Paris-Abkommens" sein.

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