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Vergoldete Energiewende

Die Energiewende kostet Deutschland bis 2025 satte 520 Milliarden. Diese Zahl ist für die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" Gold wert und ein Beweis dafür, dass das EEG abgeschafft gehört. Die Studie der industrienahen Lobbyorganisation zeigt, wie man sich die Grünstromförderung schlechtrechnen kann. Sorgen bereiten die Kosten allerdings auch Energiewende-Verfechtern.

Von Susanne Götze und Jörg Staude

"EEG & Co. treiben Energiewendekosten auf 520 Milliarden Euro" ist die Schlagzeile, die sich die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erhofft hat. Mit einer Studie, angefertigt vom INSM-nahen Wirtschaftsprofessor Justus Haucap, will die Lobbyorganisation endgültig den Beweis erbringen: Die Energiewende in Deutschland ist das Geld nicht wert, ineffizient und kein Vorbild für die Welt.

BildDer Taschenrechner von Justus Haucap addiert offenbar auch mal Zahlen, die besser abgezogen werden sollten. (Foto: INSM/Flickr)

"Es geht uns nicht ums Klima oder die Gewinne oder Verluste der Solarbranche, uns geht es um soziale Marktwirtschaft", erklärt Hubert Pellengahr, Geschäftsführer der INSM. Das Logo des Thinktanks mit dem Zigarre rauchenden Ludwig Erhard soll auf Tradition verweisen: dass Marktwirtschaft und Wettbewerb auch sozial sein können – von Erhard auch als dritter Weg zwischen Raubtierkapitalismus und Staatsdirigismus verstanden.

In Sachen Energiepolitik heißt das für die von Arbeitgeberverbänden und Großindustrie unterstützte "Initiative": Wettbewerb, Wettbewerb und nochmals Wettbewerb. Die Energiewende in Deutschland laufe in die falschen Bahnen, weil es zu viel Staat und zu wenig Konkurrenz um die besten Preise gebe, so das güldene Mantra der INSM. Schuld daran sei das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), dass laut der Studie von Haucap rund 80 Prozent der 520-Milliarden-Belastung von 2000 bis 2025 ausmacht. Grund für den Zeitpunkt der Empörung der INSM ist die für Freitag erwartete Erhöhung der EEG-Umlage auf geschätzte 7,1 Cent pro Kilowattstunde.

Durchsichtige Rechenmethoden

Die Halbbillionen-Summe kommt, wie nicht anders zu erwarten, zusammen, indem alle möglichen und unmöglichen Kosten zusammengerechnet werden. Das Grundprinzip dabei: Die Investitionen, die in einem modernen Energiesystem ohnehin entstehen, werden der (Öko-)Energiewende zugeschlagen. Die Mühe, möglicherweise reale Zusatzkosten herauszurechnen, die "EEG und Co" verursachen, macht man sich nicht einmal.

Gegenrechnungen, was das bisherige fossile System kostete, fehlen ebenfalls: Allein in dem einen Jahr 2015 subventionierten Bund und Länder den Einsatz von Öl, Gas und Kohle mit 49,2 Milliarden Euro, einem guten Zehntel der goldigen ISNM-Summe, wie der Weltwährungsfonds IWF in einem Bericht über "Die Kosten der Energiesubventionen" vorrechnete.

Unter den Kosten, die die ISNM-Studie "EEG und Co" zuschlägt, ist auch die bisher durch keine seriöse Untersuchung belegte Zahl, dass sich die Redispatch-Kosten von 2016 bis 2025 auf insgesamt vier Milliarden Euro belaufen würden. Als Zugabe gibt es noch die Horrorzahl, dass das Einspeisemanagement im selben Zeitraum nochmal 3,7 Milliarden kosten würde. Wenn man das Einspeisemanagment allerdings schon extra auflistet, dann gehört dazu bitteschön auch der Hinweis, dass diese Kosten schon heute in die EEG-Umlage eingepreist sind – de facto also gar nicht mehr zusätzlich anfallen.

In dieser Weise geht es munter weiter. So wird der Netzausbau mit insgesamt 56 Milliarden Euro veranschlagt. Dabei sind die wichtigsten Nord-Süd-Leitungen für die Energiewende noch nicht einmal im Bau und möglicherweise werden einige Leitungen überflüssig, wenn der Gesetzgeber endlich die regionale Grünstromvermarktung erlaubt oder Mieterstrommodelle um sich greifen.

Fragwürdig ist es auch, dass die Kosten der Reservekraftwerke – derjenigen also, die angeblich nötig sind, um die schwankende Erzeugung von Wind und Sonne auszugleichen – schon bis 2018 mitberechnet werden. Zum einen weiß heute niemand genau vorauszusagen, wie sich Speichertechnologien und flexible Lösungen am Strommarkt entwickeln, zum anderen muss jedwede, also auch die fossile Stromversorgung Reserven für Ausfälle einplanen und bezahlen.

Helfen soll allen Ernstes das Quotenmodell

Erstaunlicherweise sind aber auch die Industrielobbyisten dafür, die Erneuerbaren weiter auszubauen – mit einer "Stärkung des Emissionshandels" und dem von der INSM schon des Öfteren erfolglos propagierten Quotenmodell. Bei diesem schreibt der Staat vor, dass ein fixer Anteil des erzeugten Stroms – die Quote – aus erneuerbaren Energien stammen muss. Der Nachweis wird von den Unternehmen über Grünstromzertifikate erbracht, die für jede produzierte Ökostrom-Einheit an die Produzenten vergeben werden und die getrennt vom "physischen" Strom frei am Markt gehandelt werden können.

Bei der Vorstellung der Studie am heutigen Montag in Berlin musste Haucap allerdings mehrmals die Idee erklären. Wirklich verstanden haben die Vorteile dieses Modells nur wenige – weil es sie nicht gibt: Das Hauptproblem am Quotenmodell ist, dass es hohe Anfangsinvestitionen in neue Technologien verhindert. Hätte das Quotenmodell schon 2000 in Deutschland gegolten, sagen Experten, hätte es niemals den Boom beim Solarstrom gegeben, der dann über den massenhaften Einsatz dieser Technologie auch deren Kosten sinken ließ. Würde das Quotenmodell jetzt gelten, würde das den Ausbau der Offshore-Windenergie abwürgen.

Zudem verstrickten sich heute die Vertreter der INSM in Widersprüche, wenn sie einerseits eine Stärkung des CO2-Handels fordern, dann aber zugleich eine künstliche Erhöhung des CO2-Preises ablehnen – ohne die jedoch der Handel nie funktionieren wird. Experten schätzen, dass die Idee des Emissionshandels, CO2 einzusparen oder auf effizientere Technologien zu setzen, erst ab einem Preis von rund 40 Euro pro ausgestoßener Tonne CO2 überhaupt erst greifen würde. Schon lange liegt der Preis aber unverändert bei rund fünf Euro.

Und wie dann erst recht der Rest der Energiewende funktionieren soll, wenn alles nach einer Art Quotenmodell-Zertifikatehandel funktionieren soll, obwohl auf diese Weise schon die CO2-Einsparung – wie Haucap auch selbst zugab – nicht funktioniert, bleibt unklar. Kein Wunder, dass selbst die Bundesregierung bisher einen Bogen um das Quotenmodell gemacht hat.

Gegenvorschläge wollen Öl und Gas belasten

Der auch durch die EEG-Umlage steigende Strompreis treibt allerdings inzwischen selbst den Ökostrom-Fans die Schweißperlen auf die Stirn. Solange die Edelenergie so teuer ist, lässt sie sich schwer im Rahmen der sogenannten Sektorkopplung vermarkten – als "Brennstoff" für E-Autos oder für Power-to-X-Lösungen in der Heizungs- und Biokraftstoffbranche.

Die hohe Belastung allein des Strompreises mit Abgaben und Umlagen sei ein wesentliches Hemmnis für die Ausweitung der Energiewende auf den Wärme- und Verkehrssektor, bemängelt denn auch der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE). Der BNE legte heute ein Gutachten des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung vor, wonach die EEG-Umlage deutlich sinken könnte, wenn der Ausbau der Erneuerbaren auch über den Verbrauch fossiler Energieträger mitfinanziert werde – gemeint sind Heizöl, Benzin, Diesel oder Erdgas.

Die EEG-Umlage auf den Strompreis, sagt die Studie, könnte um mehr als die Hälfte sinken, wenn sie anteilig auch auf den Energieverbrauch im Wärme- und Verkehrssektor erhoben würde. Vereinfacht gesagt: Der BNE will fossile Anwendungen verteuern und mit den Mehreinnahmen Strom verbilligen, damit dieser in die anderen Märkte kommt.

BildIhre goldenen Zeiten hat die Energiewende noch vor sich, davon sind die neuen Energieanbieter überzeugt. (Foto: Picturemaker123 Zürich/Pixabay)

Einen ähnlichen Vorschlag hat vor wenigen Tagen der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) gemacht. Er will die Stromsteuer von 2,05 Cent je Kilowattstunde durch eine CO2-Bepreisung fossiler Stromerzeugung ersetzen, also ebenfalls Gelder von den Fossilen zu den Erneuerbaren umlenken, um letztere zu verbilligen. Der BBE meint, dass eine solche CO2-Bepreisung auch die ökologische Lenkungswirkung entfalten könne, die einst das Ziel der Stromsteuer gewesen war, welche diese aber nicht mehr leiste. Vielmehr stehe die Stromsteuer mittlerweile dem Umbau des Energiesystems im Wege, da sie zum Beispiel Flexibilisierung und somit die Verschmelzung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität verhindere.

Wie die Energiewende künftig vergoldet werden kann – der Streit darüber kommt erst jetzt richtig in Fahrt.

[Erklärung]  
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