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Strompreis-Orgie in Sicht?

Ab Januar werden die Energieunternehmen höhere Rechnungen schreiben. Die EEG-Umlage soll auf knapp unter sieben Cent pro Kilowattstunde Strom steigen. Auch die Netzentgelte wollen die Übertragungsnetzbetreiber erhöhen. Politiker drängen darauf, dass die Energiekonzerne den gesunkenen Strom-Einkaufspreis weitergeben.

Von Joachim Wille und Sandra Kirchner

Eine ganze Zeitlang war Ruhe an der Strompreis-Front. Damit ist es bald vorbei. Es ist schon absehbar: Zum Jahreswechsel werden die Elektrizitätsunternehmen ihre Kunden wieder stärker zur Kasse bitten, denn zwei Faktoren auf der Stromrechnung dürften spürbar steigen – die EEG-Umlage und die Netzentgelte.

BildBei hohen Strompreisen öfter mal TV und PC ausschalten. Zum systematischen Sparen bieten die Verbraucherzentralen Energiechecks an – viel zu wenige nutzen sie. (Foto: Initiative Energieeffizienz/dena)

Zum Jahresbeginn soll die EEG-Umlage auf knapp unter sieben Cent je Kilowattstunde je Kilowattstunde Strom von derzeit 6,35 Cent. Das berichtete die Boulevardzeitung Bild am gestrigen Freitag. Zuvor hatte das Springer-Blatt noch geschrieben, selbst eine Höhe von 7,1 bis 7,3 Cent sei nicht ausgeschlossen.

Schon seit Monaten wird über die künftige Höhe der Umlage orakelt. Eine erste Prognose gab der Thinktank Agora Energiewende bereits im Juli ab. Auch die regierungsnahe Denkfabrik kaprizierte sich auf 7,1 bis 7,3 Cent pro Kilowattstunde Strom. Wenige Wochen später hieß es von den Übertragungsnetzbetreibern, dass es reiche, wenn die Umlage auf knapp unter sieben Cent steige. 

Strom wird immer billiger – aber nicht für die Kunden

Wie hoch die EEG-Umlage fürs kommende Jahr ausfällt, wird spätestens am 15. Oktober bekannt gegeben. Dann veröffentlichen die Netzbetreiber den Wert für das kommende Jahr – auf Grundlage von Prognosen. Die Umlage soll die Differenz zwischen Börsenstrompreis und Einspeisevergütung ausgleichen. Das Paradoxe an der Konstruktion: Wenn die Strompreise an der Börse sinken, etwa durch wachsende Ökostrom-Anteile, dann steigt die Umlage. 

Dadurch haben sich mittlerweile drei Milliarden Euro auf dem EEG-Konto angesammelt. Die Produzenten von Solar- und Windstrom haben weniger Förderung abgerufen, als die Verbraucher in den Topf eingezahlt hatten. Weniger Ausnahmen für die Industrie könnten die Umlage senken, aber die versteht es nach wie vor, ihre Interessen beim zuständigen Minister durchzusetzen.

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Die Energiewende wird teurer gemacht, als sie sein müsste
: Die Einzahlungen der Stromkunden wachsen viel schneller als die Auszahlungen an die Ökostrom-Anlagenbetreiber. (Grafik: Agentur für Erneuerbare Energien)

Neben der EEG-Umlage bestimmen zwei weitere Variablen, wie sich der Endpreis auf der Rechnung entwickelt. Einer von ihnen, der Strom-Einkaufspreis an der Börse, ist seit Jahren auf Talfahrt. Die Versorger sparen somit Kosten, und dies müsste sich – wenn sie den Vorteil an die Endkunden weitergeben – dämpfend auf die Preise auswirken. Entlastung und Belastung gleichen sich fast aus.

Tennet will Netzentgelte um 80 Prozent erhöhen

Doch nun kommt der Faktor Netzentgelte hinzu. Der Betreiber Tennet, der das größte Verteilnetz in Deutschland zwischen Flensburg und Berchtesgaden betreibt und damit Strom für die Hälfte der deutschen Haushalte transportiert, schockierte die Öffentlichkeit jetzt mit der Ansage, er müsse die Entgelte um satte 80 Prozent erhöhen.

Als Grund gab Tennet die steigenden Kosten der Netzstabilisierung an, die wegen der Energiewende nötig sei: der Aufwand für das Herauf- und Herunterfahren der konventionellen Kraftwerke, um Schwankungen im Ökostrom-Angebot auszugleichen, sowie die Entschädigungszahlungen an Windpark-Betreiber, wenn ihre Windräder wegen Strom-Überangebots und noch fehlender Leitungen vom Netz genommen werden.

Ob die Netzagentur Tennets Schluck aus der Pulle voll genehmigt, ist noch offen. Die drei anderen Netzbetreiber wollen übrigens weniger stark zulangen. Das Unternehmen 50 Hertz, das vor allem die neuen Bundesländer versorgt und viel fluktuierenden Windstrom im Netz hat, will immerhin noch 45 Prozent mehr, Amprion dagegen "nur" zwölf Prozent und Transnet BW fünf Prozent.

BildAuch wenn sich der Zähler im kommenden Jahr nicht schneller dreht, wird am Ende wohl eine höhere Summe unterm Strich stehen. (Foto: Julian Schwarzenberg/Tekke/Flickr)

Die happige Erhöhung bei Tennet ist umstritten. Die Ökonomieprofessorin und Regierungsberaterin Claudia Kemfert hält sie für unangemessen. Auch die Grünen im Bundestag sehen den Vorstoß kritisch. "Offenbar will Tennet noch einmal richtig Kasse machen, bevor demnächst die Kapitalverzinsung und damit die Gewinne der Netzbetreiber gekürzt werden", sagte Vize-Fraktionschefin Bärbel Höhn. Zum Jahreswechsel drohe eine "Erhöhungsorgie" der Stromversorger. "Wir werden darauf schauen, dass die Stromversorger die massiv gesunkenen Einkaufspreise für Strom nicht vergessen gegenzurechnen", kündigte Höhn an.

Redaktioneller Hinweis: Claudia Kemfert ist Mitherausgeberin von klimaretter.info

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