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Wirtschaften zum Wohle aller

Im Rahmen der "Wandelwoche" wurden in Berlin solidarische Projekte und Unternehmen vorgestellt. Auf einer Fahrradtour lernten die Teilnehmer unter anderem ein Sozialunternehmen kennen und besichtigten eine Bio-Bäckerei.

Aus Berlin Jens Moggert

"Yes, we share!" steht auf dem großen Gemeinschaftskühlschrank. Daneben hängt eine große Kreidetafel, auf der die Überschriften "Veranstaltungen", "Wochenplan" und "Küchendienst" zu lesen sind. Nein, wir sind nicht in irgendeiner Studierenden-WG, sondern in der gemeinschaftlich genutzten Küche des Coworking Spaces "Thinkfarm" in Kreuzberg.

BildKüchenpläne bei "Thinkfarm": Unter diversen Flyern der ansässigen Unternehmen finden sich reichlich Getränke aller Art zur gemeinschaftlichen Nutzung. (Foto: Jens Moggert)

Die offene Küche ist riesig und mit zahlreichen Holzmöbeln bestückt. Im Aufenthaltsbereich daneben gibt es eine erste Einführung in die Gemeinwohl-Ökonomien in Berlin. Die Zuhörer: eine Gruppe interessierter Radfahrer, die die an der "Wandelwoche" beteiligten Unternehmen näher kennenlernen möchten.

"Wir wollen Unternehmen in unserer Gesellschaft so steuern, dass niemand zu Schaden kommt", beschreibt Gerd Hofielen das Ziel seines Vereins Gemeinwohl-Ökonomie Berlin-Brandenburg. Die Initiative ist in kleinen lokalen Vereinen aktiv. Es gehe darum, auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen erfolgreich zu sein, fügt Hofielen an.

Um die Unternehmen zu bewerten, werden sogenannte "Gemeinwohl-Bilanzen" aufgestellt. In Kategorien wie Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit oder soziale Gerechtigkeit vergeben die Tester Punkte für jeden Unternehmensbereich, zum Beispiel Lieferanten, Geldgeber, Mitarbeiter und Eigentümer. "Wir arbeiten mit kleinen und mittelständischen Unternehmen, denn nur an die kommen wir ran", sagt Hofielen. Etwa 300 Betriebe seien bereits bilanziert worden. "Außer Unternehmen der Rüstungs- und Nuklearindustrie können alle mitmachen."

Bier trinken und dabei Gutes tun

Das Sozialunternehmen "Quartiermeister" – mit dem Zusatzslogan "Bier für den Kiez" – hat im vergangenen Jahr bei so einer Gemeinwohl-Bilanz sehr gut abgeschnitten. "Unsere Verkaufserlöse fließen komplett in soziale Initiativen aus der Nachbarschaft", sagt Lisa Wiedemuth, bei Quartiermeister für Kommunikation und Marketing zuständig. Mit mehr als 60.000 Euro konnten so bereits soziale Projekte gefördert werden. Dabei ist der kleine Betrieb zunächst froh, wenige sozialversicherungspflichtig Beschäftigte zählen zu können, bevor er langsam wachsen kann.

Quartiermeister braut das Bier natürlich nicht selbst. Die Standorte in Berlin, Leipzig und Dresden werden von Brauereien beliefert. "Sie müssen Bio-Zertifikate nachweisen und aus der Region kommen. Das Berliner Bier bekommen wir zum Beispiel von der Wittichenauer Stadtbrauerei", sagt Wiedemuth.

Eine der geförderten sozialen Initiativen ist Kotti-Paten. Das Projekt vermittelt Patenschaften von Berlinern mit Kindern und Jugendlichen aus dem Kreuzberger Kotti-Kiez. Das Quartier am Kottbusser Tor gilt als "sozialer Brennpunkt". "Die Kotti-Paten geben Nachhilfe und gestalten Freizeitaktivitäten zusammen mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen", erzählt Laura Bauer von der Initiative.

Faire Vorstellung im Grünen

Wieder schwingt sich die Gruppe auf die Fahrräder. Bei traumhaftem Wetter geht es durch lebendige Kreuzberger Kieze bis zur Glogauer Straße. Die nächste Station ist Fairmondo, ein Online-Marktplatz. Felix Weth begrüßt die Radler und schlägt vor, den Konferenzraum angesichts der spätsommerlichen Temperaturen gegen einen gemeinschaftlich gestalteten Hinterhof einzutauschen. So sitzen die Zuhörer zwischen grünen Inseln aus Sonnenblumen auf dem Asphalt, der vor einigen Jahren noch Bestandteil eines Bolzplatzes war.

Sein Betrieb sei eine Genossenschaft mit etwa 2.000 Mitgliedern, erzählt Felix Weth. "Auf unserer Plattform werden bewusst nicht nur nachhaltige Produkte gehandelt, weil wir bei den Großen der Branche wie Amazon oder Ebay mitspielen möchten", sagt Weth. Das ist ein steiniger Weg, denn zunächst muss das Unternehmen eine komplexe Software zum Laufen bringen, die das Handeln der Waren bequem und einfach macht. Eine kostspielige Sache, denn Fairmondo kommt ohne Investoren aus und platziert keine bezahlten Werbeanzeigen.

"Wir bewerben allerdings gezielt nachhaltige Produkte", sagt Weth. Ein Prozent der Verkaufserlöse spendet der Betrieb an Transparency International Deutschland, eine Organisation, die sich für die Bekämpfung von Korruption einsetzt.

Brot für Anspruchsvolle

Das letzte Stück der "Wandelwochen"-Tour führt quer durch Neukölln zur Bio-Bäckerei "Märkisches Landbrot". Heinz-Jürgen Baumann lotst die Teilnehmer – mit Kitteln und Kopfbedeckung ausgestattet – durch die Produktionsstätten der Bäckerei. "Wir haben einen eigenen Brunnen und versorgen uns mithilfe einer Wasseraufbereitungsanlage selbst mit Wasser", erzählt Baumann. Der Betrieb hat 56 Mitarbeiter und verarbeitet täglich vier Tonnen Getreide. Seine Brote vertreibt das Unternehmen vor allem in Berlin und Brandenburg.

BildHeinz-Jürgen Baumann von der Bio-Bäckerei "Märkisches Landbrot" zeigt die Körner, die zu Brot verarbeitet werden. (Foto: Jens Moggert)

Vorbei an riesigen Silos, in denen Mehl, Roggen und Co lagern, führt Baumann die Gruppe zu den Kornmühlen. Die großen Steine, mit denen die Grundstoffe des Brotes gemahlen werden, müssen jährlich nachgeschliffen werden. Baumann merkt an, dass die Bio-Kunden immer stärkeren Druck auf die Bäckereien ausüben, denn "normale Brotsorten reichen schon lange nicht mehr aus". Dazu zeigt er auf große Eimer voller getrockneter Rosinen und Datteln, die sich später in den Backwaren wiederfinden.

Zurück im Konferenzraum geht es ans Probieren der leckeren Brote. Die Reste dürfen eingepackt und mitgenommen werden, so dass nichts weggeworfen wird.

[Erklärung]  
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