Weniger Arbeitstage durch Erderwärmung

Für Mittwoch erwartet der Deutsche Wetterdienst den heißesten Tag des Jahres in Deutschland. Anderswo werden die prognostizierten 37 Grad angesichts extremer Hitze wohl bald nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen – was die Arbeitsproduktivität bis 2030 vor allem in den ärmeren Ländern einschränken wird. Zwei Billionen Dollar dürfte das einer UN-Studie zufolge für die Weltwirtschaft kosten.

Von Benjamin von Brackel

Am Mittwoch wird es in Deutschland tropisch warm. Den heißesten Tag des Jahres erwartet der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit Temperaturen bis zu 37 Grad an Ober- und Hochrhein. Für die Ballungsräume sagen die Meteorologen eine wahre Tropennacht vorher – mit über 20 Grad. In vielen Schulen dürfte es hitzefrei geben, anderswo muss allerdings weitergearbeitet werden.

BildAuf bis zu 37 Grad sollen am Mittwoch die Temperaturen ansteigen. (Foto: Wladimir Rybalko/tOrange)

Bis zu einem gewissen Grad kann sich der menschliche Körper auf hohe Temperaturen einstellen. Je wärmer es wird, desto langsamer werden die Bewegungen – ganz automatisch. Das erlaubt dem Körper, mit der Hitze klarzukommen, ohne sich zu viel Stress zuzumuten. Dieser Effekt wirkt natürlich auch bei der Arbeit. Allerdings wird ihm bisher nur wenig Aufmerksamkeit zuteil, wenn es um die Folgen der Erderwärmung geht.

Zu Unrecht, sagen Wissenschaftler, die zu einem Forum über die Umsetzung des Sendai-Rahmenabkommens zur Eindämmung von Katastrophenrisiken in Kuala Lumpur zusammengekommen sind. Sechs Papiere zu den Gesundheitsfolgen der Erderwärmung haben sie dazu in der malaysischen Hauptstadt präsentiert .

Zu den im UN-Auftrag erarbeiteten Dokumenten gehört eine Studie, die im Asia Pacific Journal of Public Health erschien und in der Forscher aufzeigen, wie teuer es die Welt zu stehen kommt, wenn immer mehr Menschen weniger oder gar nicht mehr arbeiten können, weil es zu heiß ist. Zwei Billionen US-Dollar dürfte das die Weltwirtschaft bis 2030 kosten, rechnen die Experten vor.

Reiche Länder kommen gut weg

Über 400 Milliarden Euro würde allein Indien pro Jahr verlieren, ein Land, in dem schon heute viele Arbeitsstellen geteilt werden, um den Beschäftigten genug Pausen von der Hitze zu ermöglichen. In China würde das Bruttoinlandsprodukt bis 2030 um ein Prozent sinken, in Indonesien um sechs Prozent. 43 Länder wurden in der Studie untersucht.

Betroffen sind vor allem die ärmsten Länder der Welt. Dort wird die Erderwärmung die stärksten Auswirkungen haben. Zugleich sind das die Länder, in denen die Dienstleistungsgesellschaft vergleichsweise wenig ausgeprägt ist und sich die Menschen bei der Arbeit stärker bewegen müssen. Die hitzeanfälligsten Jobs sind zugleich die, die am schlechtesten bezahlt werden – wie einfache Landwirtschafts- und Fabrikarbeit.

In Südostasien könnten der Studie zufolge schon 15 bis 20 Prozent der jährlichen Arbeitsstunden infolge von Hitze eingebüßt worden sein – ein Anteil, der sich bis zur Mitte des Jahrhunderts verdoppeln könnte.

"Die derzeitigen Klimabedingungen in tropischen und subtropischen Teilen der Welt sind schon heute so heiß während der wärmsten Jahreszeit, dass berufsbedingte Gesundheitseffekte auftauchen und die Arbeitskapazität von vielen Menschen beeinträchtigt ist", sagt Studienautor Tord Kjellström vom Health and Environment International Trust in Neuseeland.

2,1 Millionen Tote durch Naturkatastrophen

Zwischen 1980 und 2012 sind laut der Studie 2,1 Millionen Menschen direkt durch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Erdrutsche, extreme Hitze, Dürre, Windstürme und Feuer ums Leben gekommen. Eine humanitäre Katastrophe, aber auch eine volkswirtschaftliche: Daraus entstanden Kosten von über vier Billionen Dollar, was in etwa dem jährlichen Bruttosozialprodukt von Deutschland entspricht.

"Es ist sehr wichtig, jetzt Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln und anzuwenden, um Menschen vor den Naturkatastrophen zu schützen, die durch die heutigen Klimaveränderungen verursacht werden", sagt Kjellström. "Allerdings ist die Anpassung nur die Hälfte der Antwort." Nötig sei, entscheidend bei der Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes voranzukommen.

Das Treffen in Kuala Lumpur wird durch die Universität der Vereinten Nationen und das UN-Entwicklungsprogramm UNDP veranstaltet. Das Sendai Framework for Disaster Risk Reduction war auf der dritten Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge im japanischen Sendai im März 2015 angenommen worden. Darin verpflichten sich die 195 Staaten der Vereinten Nationen zum ersten Mal, bis 2030 die Auswirkungen von Naturkatastrophen durch Maßnahmen wie Aufklärung, Frühwarnung und finanzielle Hilfsprogramme im Krisenfall substanziell zu verringern. Ausdrücklich heißt es in dem Rahmenabkommen: "Die Anpassung an den Klimawandel als einem Treiber von Katastrophenrisiken stellt eine wichtige Möglichkeit zur Katastrophenvorsorge dar."

BildEin Mann übergießt sich an einem Hitzetag in Indien mit Wasser. (Foto: Jorge Royan/Wikimedia Commons)

Im Gegensatz zu den ärmsten Ländern stehen die reichen Länder ziemlich gut da, was die Auswirkung der Erderwärmung auf die Arbeitszeit angeht. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass dort die Dienstleistungsgesellschaft stärker verankert ist. In Ländern wie Norwegen, Schweden und Russland dürfte es sogar einen Produktivitätszuwachs geben, da die kalten Winter wahrscheinlich milder werden. Schon im Zuge der Verhandlungen zum UN-Klimaabkommen von Paris galt das Verhältnis zwischen Industrie- und Entwicklungsländern als einer der Hauptkonflikte. Das dürfte sich nun noch verschärfen.

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