Die Bieter für Vattenfall stehen fest

Als voraussichtlich letzter Interessent reicht der tschechische Staatskonzern ČEZ sein Angebot für Vattenfalls Braunkohlegeschäft in der Lausitz ein. Damit gibt es dreieinhalb tschechische und einen deutschen Bieter. Bis Weihnachten sollen die Karten für Vattenfall offenliegen.

Aus Berlin Nick Reimer

Als eine "attraktive Gelegenheit zur Expansion in eine benachbarte Region", bezeichnet der tschechische Staatskonzern ČEZ das Vattenfall-Geschäft in der Lausitz – und hat deshalb heute ein Kaufgebot für die Braunkohlensparte des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall eingereicht. 

BildSteht zum Verkauf: Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde in der Lausitz. (Foto: J.-H. Janßen/Wikimedia Commons)

Vattenfall hatte potenzielle Interessenten aufgefordert, bis Weihnachten konkrete Angebote für eine Übernahme einzureichen. Dies hat ČEZ nun heute als Vierter getan, freilich mit der Bemerkung: "Details dazu unterliegen der Vertraulichkeit." ČEZ gehört zu knapp 70 Prozent dem tschechischen Staat.

Vattenfall rechnet damit, durch den Verkauf des deutschen Braunkohlegeschäfts bis zu 3,2 Milliarden Euro einzuspielen. Die Suche nach einem Käufer wurde durch das politische Hin und Her um die Braunkohle erschwert, jetzt soll der Verkauf aber 2016 über die Bühne gehen.

Der neueste Stand: Zwei Blöcke von Vattenfalls Kohlekraftwerk Jänschwalde sind für die geplante Kraftwerksreserve eingestellt. Das bedeutet: Die Kraftwerksblöcke E und F mit jeweils 500 Megawatt Leistung – ein Drittel des Kraftwerkes – gehen in den Jahren 2018 und 2019 vom Netz. Vier Jahre lang müssen sie als Kraftwerksreserve bereitstehen, freilich gegen üppige Ausgleichszahlungen für den Besitzer. 2022 und 2023 werden die beiden Blöcke dann für immer stillgelegt.

Interesse in Tschechien und Nordrhein-Westfalen

Zum Verkauf stehen neben Jänschwalde auch die Braunkohlekraftwerke Boxberg, Schwarze Pumpe und der Block R des Kraftwerks Lippendorf, dazu die Braunkohletagebaue Jänschwalde, Nochten, Reichwalde, Welzow-Süd und Cottbus-Nord sowie zehn "Wasserkraftanlagen". Neben Talsperren dürfte es sich dabei auch um Pumpspeicherwerke handeln. Vattenfall betreibt mehrere davon, beispielsweise Goldisthal in Thüringen sowie Niederwartha und Markersbach in Sachsen.

Konkretes Interesse an Vattenfalls Braunkohlegeschäft hatten bislang drei "Player" angemeldet: der westdeutsche Stadtwerkeverbund Steag mit Sitz in Essen, die tschechische Energetický a Průmyslový Holding EPH sowie Petr Kellner, der reichste Mensch in der Tschechischen Republik. Kellner steht der Investmentgruppe PPF vor, er kann sich auch eine Allianz mit der EPH vorstellen, um genügend Kapital für die Lausitz-Übernahme zu mobilisieren.

Die EPH hatte sich bereits den kleinsten deutschen Braunkohlekonzern Mibrag einverleibt. Im Rennen soll außerdem noch die Czech-Coal-Gruppe des tschechischen Milliardärs Pavel Tykač sein, allerdings gab es dafür am Montag keine Bestätigung.

Braunkohleausstieg einmal rückwärts

Das starke Interesse in Tschechien lag im tschechischen Parlamentsbeschluss 444 aus dem Jahr 1991 begründet. Das Gesetz bestimmte, dass der Abbau im Hauptfördergebiet Nordböhmen nur innerhalb der bestehenden Tagebaugrenzen erfolgen durfte und damit faktisch auf das Jahr 2022 begrenzt war. Nordböhmen und der Erzgebirgskamm in der Grenzregion mit Sachsen waren besonders von den Gesundheits- und Umweltfolgen wie Asthma und Waldsterben betroffen, hier regte sich in den gesellschaftlichen Umbrüchen Anfang der 90er Jahre besonders großer Widerstand gegen die Braunkohle.

Weil den tschechischen Kraftwerken schon jetzt die Braunkohle ausgeht, liefert die deutsche Tochter Mibrag bereits nach Tschechien. Allein im Jahr 2013 wurden 179.000 Tonnen Rohbraunkohle aus Deutschland nach Nordböhmen exportiert. Der fossile Handel könnte bei einem Verkauf der Vattenfall-Tagebaue nach Tschechien also noch ausgeweitet werden.

Bedenken bei den Stadtwerken

Am aussichtslosesten erscheint das Steag-Angebot: Dem Vernehmen nach ist gerade einmal ein Zehntel der von Vattenfall angestrebten Summe geboten – 300 Millionen Euro. Die Steag ist in Deutschland der fünftgrößte Stromproduzent, seine Aktien sind zur Hälfte in kommunalem Besitz. Das Essener Unternehmen betreibt in Deutschland neun Kohle- und zwei Erdgaskraftwerke sowie jeweils ein Kohlekraftwerk in der Türkei, auf den Philippinen und in Kolumbien.

BildSteht zum Verkauf: Boxberg, ein weiteres von drei Braunkohlekraftwerken des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall in Deutschland. (Foto: Matthias Rietschel)

Mitgeboten für Vattenfalls Braunkohlegeschäft hatte ursprünglich auch Greenpeace. Dies sei ausdrücklich kein PR-Gag, hatte die schwedische Greenpeace-Chefin Annika Jacobson im Interview mit klimaretter.info versichert. Mit dem Kauf wollte die Umweltorganisation verhindern, dass neue Tagebaue in der Lausitz aufgeschlossen werden. Genau deshalb hatte Vattenfall Greenpeace aus dem Bieterverfahren ausgeschlossen. Zum aktuellen Stand des Verfahrens macht Vattenfall keine Angaben, erklärt aber, dass bis zum Sommer der neue Eigentümer feststehen soll.

[Erklärung]  
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