Industrieländer am Wendepunkt

2014 war das erste Jahr, in dem die Weltwirtschaft wuchs, die Treibhausgas-Emissionen der Energiebranche aber sanken. Eine Studie für die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung sieht die Welt an einem Wendepunkt: Jetzt werde mehr in erneuerbare als in konventionelle Energien investiert.

Aus Berlin Friederike Meier

Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen ist möglich. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Heinrich-Böll-Stiftung in Auftrag gegebene Studie von DIW Econ, einer Tochter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Das Jahr 2014 war demnach das erste seit Jahrzehnten, in dem global die Wirtschaft wuchs und die Treibhausgasemissionen der Energiebranche trotzdem sanken.

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Erneuerbare Energien und Wirtschaftswachstum sind kein Widerspruch, sagt die neue Studie der Heinrich-Böll-Stiftung. (Foto: Hakan Dahlström/Flickr)

Bei der angestrebten Entkopplung des Wirtschaftswachstums von der Nutzung erneuerbarer wie konventioneller Energie sowie von den Treibhausgasemissionen unterscheiden die Autoren zwischen schwacher und starker Entkopplung. Erstere liegt vor, wenn die Wirtschaft schneller zulegt als der Energieverbrauch, die Energie-Intensität also sinkt. Bei der starken Entkopplung geht auch der absolute Energieverbrauch zurück, während die Wirtschaft trotzdem wächst. "Im Moment gibt es weltweit eine schwache Entkopplung, eine starke ist in absehbarer Zeit machbar", sagte Anselm Mattes, Mitautor der Studie, bei der Präsentation.

Die Daten zeigen dabei, dass in den OECD-Ländern schon jetzt eine starke Entkopplung des konventionellen Energieverbrauchs vom Wirtschaftswachstum zutage tritt. In China hat sich zumindest eine schwache Entkopplung eingestellt. In Indien hingegen wächst der Verbrauch konventionell erzeugter Energie zusammen mit der Wirtschaft.

Trend zu erneuerbaren Energien hält an

"Für die OECD-Länder können wir sicher sagen, dass wir uns an einem Wendepunkt befinden", erklärte Michael Alvarez Kalverkamp, Sprecher der Heinrich-Böll-Stiftung, im Gespräch mit klimaretter.info. Aber auch in den Schwellenländern stiegen die Investitionen in Öko-Energien. Weltweit gebe es inzwischen mehr Investitionen in erneuerbare als in konventionelle Energieträger. Dass dieser Trend trotz der niedrigen Ölpreise anhalte, sei ein deutlicher Hinweis, dass es eine faktische Entkopplung gebe, betonte Alvarez.

Die Autoren von DIW Econ haben bei den Daten zum Energieverbrauch allerdings nicht berücksichtigt, dass das Jahr 2014 ein sehr heißes war: Das sei nicht nötig, weil der niedrigere Energieverbrauch auf der Nordhalbkugel durch einen höheren auf der Südhalbkugel ausgeglichen werde, erläuterte Alvarez auf Nachfrage von klimaretter.info. Weil Klimaanlagen mit Strom betrieben werden und damit noch ineffizienter sind als zum Beispiel Gasheizungen, die im Norden verbreiteter sind, könne es sogar sein, dass in heißen Jahren der globale Energieverbrauch höher sei.

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Glauben fest ans grüne Wachstum: Oliver Krischer (Grüne), Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung) und Anselm Mattes (DIW Econ; v.l.n.r.) stellten die Studie am Dienstag vor. (Foto: Friederike Meier)

"Einen Durchbruch in den Klimaverhandlungen wird es nur geben, wenn Klimaschutz und wirtschaftlicher Wohlstand kein Gegensatz sind", erklärte Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Auch Oliver Krischer von der grünen Bundestagsfraktion zeigte sich optimistisch: "Die Studie ist eine wichtige Botschaft für Paris. Oft heißt es, dass Klimaschutz unsere Wirtschaft zerstört. Das ist hiermit widerlegt." Er betonte außerdem, dass die deutsche Wirtschaft, wenn sie in der globalen Ökonomie bestehen und die Zukunft mitgestalten wolle, in erneuerbare Energien investieren müsse.

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