"Der größte Panda im Raum"

BildDer Klima- und Energieexperte Li Shuo aus Peking erklärt, wie das sinkende Wirtschaftswachstum mit dem Klimaschutz in China zusammenhängt, warum das Land lange vor 2025 den Höhepunkt beim CO2-Ausstoß erreichen wird und warum Deutschland in der Energiewende noch mindestens zehn Jahre vor China liegt.

Li arbeitet bei Greenpeace Ostasien zu Kohle, erneuerbaren Energien, Luft- und Wasserverschmutzung und koordiniert das Engagement von Greenpeace im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen.

klimaretter.info: Herr Li, bitte helfen Sie uns Ihr Land zu verstehen. Noch vor ein paar Jahren wollte China mit dem Klimaschutz warten, bis die Industrieländer ihre "historische Schuld" abgetragen haben. Inzwischen entwickelt sich China zum Antreiber.

Li Shuo: Die Energiesituation hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Im vergangenen Jahr ist der Kohleverbrauch in China um drei Prozent gesunken, während in den Vorjahren Wachstumsraten von sechs, sieben Prozent normal waren.

Ist das ein Anzeichen dafür, dass China seinen Höhepunkt beim CO2-Ausstoß schon viel früher als – wie versprochen – 2030 erreichen wird? Oder die Spitze womöglich bereits erreicht hat?

Der Kohlekonsum macht den Großteil der Kohlendioxid-Emissionen im Energiesektor aus. Wohl deshalb sind die Emissionen im Energiesektor insgesamt zumindest nicht angestiegen. Aber es gibt ja noch andere Treibhausgas-intensive Sektoren wie die Landnutzung. Dazu haben wir allerdings wenige belastbare Zahlen.

Und das Zieljahr 2030?

Wir glauben fest daran, dass dieses Ziel übererfüllt wird. Der Höhepunkt wird lange vor 2030 sein – wir denken sogar, lange vor 2025. Das muss auch passieren.

Bisher baute die chinesische Regierung ihre Legitimation ganz auf Wirtschaftswachstum. Versucht die Regierung jetzt, wo dieses Wachstum zurückgeht, sich mit einem "nachhaltigen Wachstum" eine neue Legitimationsquelle zu erschließen?

Ich möchte kein zu rosiges Bild malen. China stieß 2009 ein Wachstumspaket an, um die Wirtschaft anzukurbeln und Straßen und Gebäude zu bauen. Das trieb den Energieverbrauch nach oben. Die große Frage ist: Wenn die Wirtschaft jetzt abflaut, investiert die Regierung dann wieder in den energieintensiven Sektoren? Ich kann das nicht ausschließen. Deshalb sollte man sich lieber auf robuste Klimaschutz-Maßnahmen verlassen.

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Mit einem staatlichen Wachstumsprogramm hat China die Finanzkrise bewältigt und seine CO2-Emissionen hochgetrieben: Kohlekraftwerk in der nördlichen Provinz Shanxi. (Foto: Kleineolive/Wikimedia Commons)

Was passiert, wenn das Wirtschaftswachstum wieder anzieht?

Wir können schon jetzt im August mit relativer Sicherheit sagen, dass auch im Jahr 2015 der Kohlekonsum zurückgehen wird. Das hat aber in erster Linie nicht mit einem Bruttosozialprodukt zu tun, das langsamer wächst. Von 2013 auf 2014 schrumpfte es um nur ein halbes Prozent – kein dramatischer Abfall. Und ein Sieben-Prozent-Wachstum, bei dem wir jetzt liegen, ist auch kein Pappenstiel. Die Ursache liegt viel tiefer und ist fundamentaler.

Nämlich?

Die Wirtschaft befindet sich in einem Wandel – hin zu einer weniger CO2- und energieintensiven Wirtschaft. Unsere Nachfrage nach Eisen, Stahl und Chemieprodukten nimmt ab, die Energieeffizienz der Wirtschaft nimmt zu und die Ökoenergien werden noch schneller wachsen, als sie es derzeit schon tun. Vor vier Jahren begann diese Entwicklung und kulminierte im vergangenen und in diesem Jahr im Rückgang beim Kohleverbrauch.

Nicht nur die Wirtschaft, auch die massive Luftverschmutzung in den chinesischen Metropolen zwingt die Regierung zum Handeln.

Vor sechs Jahren war das noch kein großes Thema. Es war schon ein Problem, aber die Politik hatte das Ausmaß noch völlig unterschätzt.

Wie ist die Lage in Peking, wo Sie wohnen?

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Feinstaub einen Jahresdurchschnittswert von 25 Milligramm pro Kubikmeter. Chinas Standardwert ist 35. Und in Peking werden im Sommer Durchschnittswerte von 80, 90 erreicht. An den schlechten Tagen trage ich eine Schutzmaske. Ein Fortschritt ist: Heute verbinden die Chinesen die Luftverschmutzung mit dem Klimawandel.

Welche Rolle spielt der internationale Druck beim Klimaschutz?

China legt heute mehr Wert auf sein internationales Image, es ist verwundbarer durch Kritik geworden. China ist jetzt der größte Emittent von CO2. Das ist ein Fakt, den keiner bestreiten kann. China ist der größte Panda im Raum. Und wenn die Klimaverhandlungen einen Rückschlag erleiden wie in Kopenhagen, dann sind die größten Emittenten wie China und die USA die ersten, die dafür verantwortlich gemacht werden. Sie wollen deshalb einen Erfolg in Paris. Und sie zeigen deutlich mehr Eigeninitiative als noch vor ein paar Jahren.

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Auf dem Klimaparkett entwickelt sich China zum größten Panda im Raum. (Foto: Mulligan Stu/Flickr)

Was ist Chinas Strategie für die Klimaverhandlungen in Paris?

Es gibt noch ein paar Streitfragen zu lösen. Wie können wir das Prinzip der "gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung" neu interpretieren? China ist sich seiner gewachsenen Verantwortung bewusst. Aber wie diese ihren Weg in ein Klimaabkommen findet, bleibt eine der großen Fragen für Paris. Der einander ergänzende Ansatz der Selbstdifferenzierung, den die Länder derzeit in der Vorlage ihrer Klimaziele anwenden, ist das derzeit einzig Machbare. Das wird man auch in Paris sehen.

Wo liegt das Problem?

Die nationalen Klimaziele reichen nicht aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Wir brauchen Standards für die Berichterstattung, eine Überprüfung und Transparenz. Wenn wir Paris verlassen ohne einen Mechanismus, der garantiert, dass Länder ihre Ambitionen nach und nach aufbessern müssen, nachdem das Paris-Abkommen beschlossen ist, dann gehen wir ein großes Risiko für die Umwelt ein.

Wie sieht das die chinesische Regierung?

Auf der Klimakonferenz in Lima im Dezember 2014 wehrte sich die Regierung noch gegen die Idee der Überprüfung und der regelmäßigen Verschärfung der Klimaverpflichtungen. Aus den vielen Gesprächen, die wir hatten, kann ich sagen: Eine der größten Ängste der Regierung ist ein Spiel der Schuldzuweisung. Da ihr Angebot zum Klimaschutz nicht ausreicht, würde sie das Spiel verlieren, befürchtet sie, zumindest in den internationalen Medien.

Was macht Ihnen Hoffnung?

China hat seine Klimaziele bereits auf den Tisch gelegt, sie befinden sich schon im Scheinwerferlicht und wurden von all den Analysten kommentiert. Vielleicht gibt das der Regierung das Vertrauen, sich einem Überprüfungsmechanismus zu unterwerfen. Da die Klimaziele Chinas übererfüllt werden, sollte die Regierung das Vertrauen haben, einer stetigen Verschärfung der Ziele zuzustimmen. Es gibt genug Raum dank der Energiewende.

Wie verfolgt China die deutsche Energiewende?

Die Ökoenergie-Branche beobachtet genau, was in Deutschland passiert. Von Deutschland können wir lernen, wie wir große Mengen an Ökoenergie in das System bringen. Deutschland liegt da zehn, fünfzehn Jahre vor China. Vor allem was den Energiemarkt angeht: Der chinesische ist stark reguliert, der deutsche ist ein Markt von Angebot und Nachfrage, der auf Preisen und einer Einsatzreihenfolge der Kraftwerke basiert. Wir sind gerade mitten in einer Reform: weg von der Regulierung hin zu mehr Markt. Denn der Regierung ist klar geworden, dass sie trotz des beeindruckenden Solar- und Windausbaus weitere Steigerungen in großem Maßstab kaum mehr in dem derzeitigen System unterbringen kann. Das System muss sich ändern.

Was will China anders machen?

Die chinesischen Klimadiplomaten sind frustriert über den begrenzten Raum, in dem sich die EU bewegen kann wegen des gelähmten Emissionshandels. China ist sich der negativen Nebenwirkung eines Überkontingents an CO2-Handelszertifikaten bewusst. Nur wenige der derzeitigen Pilotsysteme in China haben Preiskontroll-Mechanismen. Wenn der Preis zu niedrig oder zu hoch ist, greifen die Regierung oder der Regulator ein.

Interview: Benjamin von Brackel

 
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