"Rückblickend: Das war ein Fehler"

BildWenn sich ein Konzern wie Eon aufspaltet: Wie soll das gehen, wenn der eine alle Kohlekraftwerke und die Mitgift des AKW-Rückbaus bekommt, der andere ab jetzt ganz grün wird? "Eine Frage der strategischen Ausrichtung", sagt Sven Utermöhlen, Leiter für das internationale Offshore-Geschäft bei Eon.

Utermöhlen hat Geophysik in Karlsruhe und Hamburg studiert und war danach in der Erdölwirtschaft tätig, unter anderem als Projektmanager bei Shell. Zwischen 2007 und 2012 war er Geschäftsführer der Eon Climate & Renewables Central Europe GmbH, seitdem leitet er das internationale Offshore-Geschäft bei Eon. Im Vordergrund stehen dabei Meereswindparks in Großbritannien, Deutschland und Skandinavien.

klimaretter.info: Herr Utermöhlen, Eon baut 35 Kilometer vor Helgoland derzeit den Offshore-Windpark Amrumbank West auf. Ist Ihr Konzern damit in der Energiewende angekommen?

Sven Utermöhlen: Ja, ich glaube, das kann man so sagen.

Eons Vorgänger-Unternehmen in den 90er Jahren und dann Eon selbst haben die Energiewende lange bekämpft: "Regenerative Energien können auch langfristig nicht mehr als vier Prozent unseres Strombedarfs decken", wurde damals behauptet. Wie sehen Sie das heute?

Man kann rückblickend sagen: Es hat einen Bewusstseins- und Erkenntniswandel gegeben. Wir haben immerhin ab 2007 mit Investitionen in Erneuerbare begonnen. Eon ist heute ohne Zweifel davon überzeugt, dass der Wandel der Energiewirtschaft nicht mehr aufzuhalten ist. Und dass der Wandel deshalb auch nicht mehr aufgehalten werden sollte. Eon hat reagiert und wird sich in zwei Konzernteile aufspalten – einen Bereich, der die klassische Energieerzeugung unter dem Namen Uniper bündelt, und die neue Eon, die den Bereich der Erneuerbaren übernimmt.

Pionierarbeit haben andere geleistet: Die Erneuerbaren-Branche ist aus der Anti-Atom-Bewegung entstanden, die nicht bloß anti sein wollte, sondern auch Lösungen ausprobierte. 

Ich bin erst 2006 zu Eon gekommen, deshalb kann ich aus der Innenperspektive über die Zeit davor nicht so viel sagen. Aber es ist, wie es so oft ist: Die Geschichte zeigt, wer richtig lag mit seinen Überzeugungen. Die, die damals gegen die Atomkraft gekämpft haben, haben politisch Recht bekommen. Der Wunsch und der Wille, sich in Deutschland von der Kernkraft abzuwenden, ist seit dem Fukushima-Ereignis eindeutig Mehrheitsmeinung in der Gesellschaft.

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So wird Uniper aussehen: Baustelle des Kohlekraftwerks Datteln 4, das Eon und die Bahn ursprünglich schon 2011 in Betrieb nehmen wollten. 2014 wurde ein neues Planungsverfahren eröffnet, weil Eon auf dem falschen Grundstück gebaut hatte. (Foto: BUND)

Uniper bleibt als alte Eon zurück: Was wird stärker werden, die neue oder die alte Eon?

Beide Unternehmen werden ihre Position im jeweiligen Marktsegment finden müssen. Ich glaube, dass beide Unternehmen dafür eine gute Ausgangsposition haben – von ihren Kompetenzen her. Beide haben aber auch große Herausforderungen zu meistern: Uniper muss sich in vielen ihrer Kernbereiche konsolidieren. Für die Eon wird die Herausforderung heißen, den Wandel erfolgreich zu bestreiten.

Sie haben gesagt, der weltweite Siegeszug der Erneuerbaren ist nicht mehr aufzuhalten. Warum sollte Uniper an der Kohle festhalten und nicht selbst in die Regenerativen einsteigen – und Konkurrent für die neue Eon werden?

Das wird eine Frage der strategischen Ausrichtung der Uniper werden. In der Tat wird es Uniper in der Zukunft freistehen, auch in Erneuerbare zu investieren. Aber diese Entscheidung wird natürlich von der Ausgangsposition abhängen. Welche Kompetenzen hat man, welches Anlagevermögen, worauf baut man auf? Und die Strategie wird natürlich von den Anteilseignern der Uniper getrieben werden. Mindestens bis weit ins nächste Jahr wird Eon größter Anteilseigner bleiben.

Mit der Gas-Verstromung kann man derzeit kein Geld verdienen. Die Kohlekraftwerke haben es schwer, wirtschaftlich zu laufen. Uniper soll für den Rückbau der Atomkraftwerke verantwortlich sein. Ist das nicht ein Ballast, der den Start für Uniper unglaublich schwer macht?

Das ist bestimmt kein einfacher Start. Aber natürlich brauchen wir auf mittlere Sicht auch weiterhin die konventionelle Stromerzeugung. Es wird ein langer Weg bis zur 50-Prozent-Wegmarke der Erneuerbaren und ein noch viel längerer Weg, die 75-Prozent-Marke zu überschreiten. Entscheidend wird sein, ob es der Uniper gelingt, eine bessere wirtschaftliche Basis zu finden, auf der die konventionellen Kraftwerke laufen werden. Man muss kein Prophet sein: Darüber wird auch die Diskussion mit der Politik entscheiden.

Der große Vorteil in der Trennung von Eon und Uniper wird darin liegen, dass sich beide Konzerne in dieser Diskussion eindeutig fokussieren und damit auch für Investoren eindeutiger positionieren können. Bei Eon ist dieser Spagat in der letzten Zeit immer schwieriger geworden: Die Interessen einer in Schwierigkeiten geratenen konventionellen Erzeugung einerseits zu vertreten und gleichzeitig den Ausbau der Erneuerbaren voran zu bringen.

Wechseln wir zu "Ihrer" Firma, zur neuen Eon: Können Sie ausschließen, dass diese Eon irgendwann irgendwo wieder ein Kohlekraftwerk baut?

Für die absehbare Zeit: eindeutig ja! Das ist nicht Teil der Strategie der neuen Eon.

Der Scheidungsdeal besagt: Uniper übernimmt die atomaren Altlasten, die neue Eon die Konzernschulden in Höhe von 30 Milliarden Euro. Wie groß ist der Spielraum für Sie, bei den Erneuerbaren zu wachsen?

Obwohl die Zahlen noch in der Ausarbeitung sind: Wir werden uns ein ambitioniertes Investitionsprogramm für die Erneuerbaren geben. Im Rahmen der Mittelfristplanung wird das dann von Jahr zu Jahr neu überprüft. Dabei werden wir uns aber nicht auf Investitionen mit Eigenkapital fokussieren, sondern Projekte in Partnerschaften – also über Joint Ventures – bauen.

Zudem verfolgen wir das Programm "build and sell", über das wir Anteile an Assets verkaufen, um das Kapital zu recyceln, und in erneuerbare Projekte stecken. Das läuft schon sehr erfolgreich. Vor wenigen Wochen haben wir die Investitionsentscheidung für das Offshore-Projekt Rampion in Großbritannien getroffen, 400 Megawatt Windkraft sollen dort aufgebaut werden. Investitionspartner ist die Green Investment Bank, sodass wir das nicht mehr allein mit Eon-Kapital stemmen müssen.

Sie sind der zuständige Manager: Wer sich das erneuerbare Kraftwerks-Portfolio von Eon anschaut, wird feststellen, dass Sie vor allem alte Wasserkraft haben und in die Offshore-Technologie investieren. Warum ist das so?

Bei manchen Technologien haben wir die strategische Entscheidungen gefällt, da nicht hineinzugehen, zum Beispiel bei der Geothermie. Wir haben eine größere Investition in die CSP-Technologie getätigt, die Concentrated Solar Power. Wir haben aber gesehen, dass diese Technologie sich in ihrer Kostenstruktur nicht so weiterentwickelt hat, wie wir uns das erhofft haben, die Kostensenkungen sind nicht in dem Umfang eingetreten, wie wir es erwartet hatten.

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So soll die neue Eon aussehen: Der Offshore-Windpark Amrumbank West soll im Herbst kommerziell in Betrieb gehen. (Foto: Nick Reimer)

Bei Photovoltaik ist definiert: Dies ist ein Eon-Wachstumsfeld. Allerdings muss man sehen, dass von den Kapazitäten her grundsätzlich die Wachstumszahlen kleiner sind als bei Wind. Man kann eben Windparks an Land in Nordamerika mit 200 Megawatt bauen, Offshore-Windparks mit 400 Megawatt. Ein Photovoltaik-Kraftwerk mit 20 Megawatt ist schon ein sehr großes. Dass wir in der Photovoltaik allerdings aufholen wollen, ist unstreitig.

Bei Biomasse ist es so, dass wir einige Investitionen getätigt haben: In Großbritannien sind zwei Biomasse-Kraftwerke gebaut worden, im Moment bauen wir eines in Frankreich.

Sie haben gesagt: Die Investitionen basierten auf strategischen Entscheidungen. Rückblickend: Haben Sie da auch Fehler gemacht?

Bei der Geothermie oder der CSP-Technologie kann ich keinen Fehler sehen. Was natürlich als Fehler zu betrachten ist, ist die Tatsache, dass wir nicht schon vor 2007 mehr in Wind investiert haben. Rückblickend: Das war ein Fehler. Damit stehen wir allerdings nicht allein da.

Nun soll ja der Windpark Amrumbank im Herbst in den kommerziellen Betrieb gehen: Müssen Sie wie andere Projektentwickler auch mit Verzögerungen rechnen?

Gott sei Dank nicht: Zum einen haben wir keine Verzögerungen beim Netzanschluss zu beklagen, zum anderen gibt es auch keinen Engpass, den erzeugten Strom an Land dann abzuleiten. Perspektivisch aber bekommen wir durch den Ausbau der deutschen Offshore-Kapazitäten Probleme, wenn es nicht gelingt, größere Übertragungskapazitäten von Nord nach Süd auszubauen. Das ist aber zum Glück eine von der Politik erkannte Problematik.

Interview: Nick Reimer

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