Braunkohle schafft (viel) weniger Arbeit

Nicht 100.000, sondern 70.000 Arbeitsplätze seien gefährdet, wenn die heimische Braunkohleindustrie zum Auslaufmodell wird, korrigiert der Branchenverband bisherige Angaben. Aber auch die kommen im Kern nur zusammen, wenn fast jeder Cent, den Kohle-Beschäftigte ausgeben, als arbeitsplatzsichernd angerechnet wird.

Aus Berlin Jörg Staude

Es beginnt mit einer Korrektur: Die bisher kursierende Zahl von 100.000 Arbeitsplätzen, die durch ein Aus für die Braunkohleindustrie in Deutschland gefährdet würden, kann der Branchenverband Debriv gegenüber klimaretter.info so nicht bestätigen. Die Angabe beruhe auf einem "Rechenfehler", der verschiedenen Medien unterlaufen sei, erklärt dazu Debriv-Sprecher Uwe Maaßen. Die 30.000 direkt in der Branche und in ihrem unmittelbaren Umfeld Beschäftigten seien dabei unzulässigerweise addiert worden mit den 70.000 Arbeitsplätzen, die insgesamt durch die Braunkohlewirtschaft im weiteren Sinne gesichert würden, betont Maaßen.

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Der Streit um Jobs und Arbeitsplätze gehört zu den zentralen Themen, wenn es um die Zukunft der Kohle geht. (Foto: Lukas Wohner)

Die aktuelle Debriv-Statistik weist übrigens für Ende Februar die Zahl von 20.100 Beschäftigten aus, die ganz direkt Braunkohle baggern oder in den Kraftwerken verstromen, die ihrerseits von Braunkohleförderern wie Vattenfall und RWE betrieben werden. Eingerechnet in die Beschäftigtenzahl sind auch 1.200 Auszubildende. Die 10.000 Arbeitsplätze, die noch zu den von Debriv angegebenen 30.000 fehlen, würden aus dem unmittelbaren Umfeld der Kohleunternehmen dazukommen, erläutert der Verband.

Strukturwandel kommt seit 15 Jahren nicht voran

Viel Bewegung gibt es in der offiziellen Debriv-Kohlestatistik seit der Jahrtausendwende übrigens kaum. Nach dem großen Personalabbau in den 1990er Jahren besonders in der ostdeutschen Kohle pendelt die Zahl der Arbeitsplätze dort zwischen 21.000 und 23.000. Die Kohleförderung stieg seit 2000 sogar leicht an – von 168 Millionen auf 178 Millionen Tonnen.

Angesichts der stabilen Zahlen kann in den letzten 15 Jahren von einem Strukturwandel in den Braunkohlerevieren kaum die Rede sein. Das hindert beispielsweise Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) aber nicht daran, Gabriels Klimaschutzabgabe mit dem Argument abzuwehren, die Lausitz habe "in den vergangenen 25 Jahren erfolgreich einen gravierenden Strukturwandel vollzogen". Woidke vereinnahmt dabei den wirklich rasanten Umbau in den 1990er Jahren. Der hatte wenig mit Klimaschutz zu tun, aber viel mit der Überalterung der Ost-Braunkohlewirtschaft. Danach übten sich Unternehmen und Landespolitik in business als usual und setzten beim Klimaschutz auf die CCS-Technologie.

Verglichen mit anderen Energiebranchen sind die, je nachdem, 20.000 oder 30.000 Braunkohle-Arbeitsplätze ziemlich wenig. Laut einem Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums lag 2013 die Bruttobeschäftigung in den erneuerbaren Energien bei 371.400 Stellen. Etwa 261.000 davon werden zur sogenannten induzierten Beschäftigung gerechnet. Die entsteht zum Beispiel bei einem Anlagenbauer, wenn eine Energiegenossenschaft dort ein Windrad kauft, oder bei einem Dienstleister, der die Anlage dann wartet. Erneuerbare schaffen auch im öffentlichen Dienst Arbeit, weil dort Anträge bearbeitet oder Genehmigungen erteilt werden.

Schwierige Abgrenzung induzierter Arbeitsplätze

Die Messlatte, ab wann auf diese Weise wirklich ein neuer Arbeitsplatz entsteht, liegt in der Erneuerbaren-Studie ziemlich hoch. Als durchschnittlichen Umsatz, ab dem eine neue vollwertige Beschäftigung entsteht, setzten die Forscher für 2012 einen Wert von 182.000 Euro und für 2013 von 188.000 Euro an. Das sind schon recht hochinvestive Arbeitsplätze. Zum Vergleich: Im deutschen Bäckerhandwerk "lebte" 2013 jeder Arbeitsplatz von einem Jahresumsatz von rund 50.000 Euro.

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Das "Informationszentrum" im märkischen Beeskow hat Vattenfall schon vor drei Jahren dichtgemacht. CCS konnte nicht funktionieren, aber es half den Strukturwandel auf die lange Bank zu schieben. (Foto: Nick Reimer)

Trotz des vorsichtigen Herangehens gibt es bisher bei den Erneuerbaren keine offizielle Netto-Beschäftigtenzahl, wie sie die 70.000 vom Debriv-Verband darstellt. Wer von den 371.400 insgesamt Beschäftigten durch die Erneuerbaren die 261.000 induzierten Stellen abzieht und meint, das ergebe 110.000 als Netto-Zahl, dem widerspricht eine Mitautorin der Studie, Marlene O'Sullivan vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Bei Windunternehmen wie Nordex oder Vestas, erläutert die Systemanalytikerin gegenüber klimaretter.info, sei die Zuordnung der Stellen recht klar, darüber hinaus sei die genaue Abgrenzung von direkter, indirekter oder induzierter Beschäftigung aber "enorm schwierig". In der Untersuchung für das Wirtschaftsministerium habe man sich bewusst für eine eher konservative Vorgehensweise entschieden, sagt O'Sullivan. Deshalb wurden zum Beispiel weitergehende Effekte in Richtung des privaten Konsums, die etwa entstehen, wenn die Branchen-Beschäftigten einkaufen gehen, weggelassen.

Besonderheiten der Branche nicht berücksichtigt

Darin liegt übrigens der entscheidende Unterschied zwischen der Erneuerbaren-Studie und der jüngsten verfügbaren Studie zu den Beschäftigungswirkungen der deutschen Braunkohlewirtschaft. Sie wurde von der Debriv in Auftrag gegeben und stammt aus dem Jahr 2011. Das EEFA-Institut in Münster hat sich dafür die Betriebsergebnisse der Braunkohle-Unternehmen von 2009 angesehen und kommt auf einen volkswirtschaftlichen Gesamteffekt der Kohle von 8,1 Milliarden Euro. Darin sind allerdings – zum Unterschied eben zu den Erneuerbaren – nicht nur der laufende Betriebsausgaben für Maschinen und Anlagen eingerechnet, sondern auch weitere Arbeitsplätze, die durch Löhne und Gehälter induziert werden sollen. Jeder direkte Arbeitsplatz in der Braunkohle, meint EEFA, löst am Ende 2,5 weitere Beschäftigungsverhältnisse aus. So kommt das Institut auf bundesweit 86.000 Beschäftigte, die durch die Braunkohle in Arbeit gehalten würden.

Um diese "Multiplikatoren-Wirkung" einmal zu verdeutlichen: Laut EEFA konnten sich 2009 Banken und Versicherungen freuen, dass 3.200 ihrer Arbeitsplätze durch die Ausgaben der Kumpel und Bergleute gesichert wurden. Die Frage aber, ob ein Beschäftigter, wenn er nicht mehr in der Kohle tätig und vielleicht im Vorruhestand ist, dennoch möglicherweise seine Hausrat- oder Haftpflichtversicherung behält, stellt die Studie gar nicht.

Auch andere Besonderheiten der Branche, die Verluste bei einem Strukturwandel mindern helfen, lässt man unter den Tisch fallen. So sind die Beschäftigungsverhältnisse in der Kohle meist langfristiger, was im Fall von Schließungen zu vergleichsweise guten Leistungen bei Vorruhestand, Übergangsgeldern oder Abfindungen führt. Schließlich würde der "lebende" Bergbau bei Schließung in den Sanierungsbergbau übergeben, für den die Unternehmen – ähnlich dem AKW-Rückbau – Rückstellungen gebildet haben.

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Hart zupacken bei jedem Wind und Wetter – auch das gehört hierzulande zur Braunkohle-Saga. (Foto: Museum Ferropolis)

Obwohl die Debriv-Statistik seit 2000 eine ziemlich stabile Beschäftigung und Förderung bei der Braunkohle ausweist, will der Branchenverband mit der Zahl von 86.000 offiziell nicht operieren. Man gehe nunmehr von den 70.000 aus, heißt es ohne weitere Erläuterung. Aber auch auf die 70.000 kommt man nur, wenn nahezu jeder Cent, der in der Braunkohle verdient und ausgegeben wird, als arbeitsplatzschaffend angerechnet wird. Insofern müsste auch diese Zahl noch nach unten korrigiert werden.

[Erklärung]  
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