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Mountainbike statt Abfahrtski

Heute ist Frühlingsanfang! Zumindest der meteorologische: Schon wieder war der Winter zu warm, der Wintertourismus beklagt enorme Verluste. Die Tourismusindustrie investiert in Schneekanonen, doch im Erzgebirge denkt man schon über Alternativen nach.

Von Susanne Götze

Anfang Februar in Spindlermühle, dem zentralen Wintersportort des tschechischen Riesengebirges, 700 Meter Höhe: Es taut. Die dicken Eiszapfen tropfen und Hotelbesitzer schippen den Schnee von den Dächern aus Angst, er könnte herunterrutschen und Gäste verletzen. In den Après-Ski-Bars und Hotels nimmt das touristische Leben seinen gewohnten Lauf.

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Leidlich beschneit: Die Abfahrtshänge in Spindlermühle im nordböhmischen Riesengebirge. (Foto: Susanne Götze)

"In der Tourismusbranche und den Medien wird über den Einsatz von Kunstschnee diskutiert, aber niemand redet darüber, dass diese Situation eine Folge des Klimawandels sein könnte", bestätigt Petra Roubíčková vom tschechischen Umweltministerium. Allerdings geht sie davon aus, dass es nicht mehr lange dauert, bis das Thema auch in Spindlermühle ankommt. Denn nach den Erkenntnissen tschechischer Meteorologen nimmt schon seit 30 Jahren die Schneehöhe in den Mittelgebirgen des Landes kontinuierlich ab.

Dass der Klimawandel ganz konkrete ökonomische Auswirkungen auf das Überleben ganzer Wirtschaftszweige hat, wollen auch in Deutschland viele noch nicht wahrhaben. Erst vergangenes Jahr wurden trotz des milden Winters wieder Millionen in Schneekanonen und Lifte investiert, und das nicht nur in den Alpen, sondern auch in Mittelgebirgen.

Wintersport bleibt möglich, wird aber teuer

In Schierke und Braunlage im Harz – dem "St. Moritz des Nordens" – sind im vergangenen Jahr über acht Millionen Euro in den Ausbau des Skitourismus geflossen, darunter auch Hilfen aus dem EU-Regionalfonds. Und das, obwohl das Gebiet – rund 900 Meter über dem Meeresspiegel – ohnehin als nicht besonders schneesicher gilt. Auch der Verband Deutscher Seilbahnen glaubt nicht so recht an den Klimawandel und meinte zu Beginn der Skisaison, die "Auswirkungen des Klimawandels auf Schnee und Schneeproduktion in deutschen Skigebieten sind gering". Zur Not gleiche die "effiziente Beschneiungstechnologie" die "Wetterschwankungen" wieder aus.

Auch wenn der Schnee nicht von einem Winter auf den nächsten ausbleibt, kann von Entwarnung keine Rede sein: "Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess", erklärt Andreas Marx vom Mitteldeutschen Klimabüro. Das Problem für die Wahrnehmung für die Tourismusbranche liege auf der Hand: "Nach zwei warmen Jahren kann es auch wieder kalt werden – die Erwärmung tritt nicht plötzlich ein", so der Klimaexperte.

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Vor allem in den unteren Lagen gibt es immer weniger Schnee – in Tschechien gehen die Schneehöhen schon seit 30 Jahren kontinuierlich zurück. (Foto: Susanne Götze)

Wenn die Betreiber in Wintersportgebieten in neue Anlagen investieren, die sich nach 20 bis 30 Jahren bezahlt machen, würde sich das heute gerade noch lohnen, so Marx. Bis 2050 könne noch mit einem halbwegs verlässlichen Schneefall auch in Mittelgebirgen gerechnet werden. Allerdings erhöhe sich auch schon bis dahin die Anzahl der besonders warmen und kalten Perioden – das Wetter werde extremer, aber nicht jeder Winter unbedingt wärmer.

Die von Forschern berechneten Klimaszenarien können diese Schwankungen allerdings nur schwer voraussagen, sondern geben nur einen allgemeinen Trend an. Auch hier gebe es "enorme Spannbreiten", erläutert Klimaforscher Marx, je nachdem, wie viel Kohlendioxid in den nächsten Jahrzehnten in die Atmosphäre abgegeben wird. "Die Szenarios rechnen mittlerweile mit zwei Grad bis 5,5 Grad durchschnittlicher Erwärmung bis 2100", so Marx.

Meinungen zum Klimawandel sind witterungsbedingt

Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass bei einer um zwei Grad erhöhten Jahrestemperatur zur Mitte des Jahrhunderts nur noch Skigebiete oberhalb von 1.500 Metern schneesicher sind. Zahlreiche Daten aus regionalen Klimaatlanten und Anpassungs-Studien bestätigen diesen Trend und zeigen, dass Wintersport in den nächsten drei Jahrzehnten nicht unmöglich, aber beispielsweise durch den stärkteren Einsatz von Beschneiungsanlagen ein teures Vergnügen werden könnte.

Wie und ob der Klimawandel wirklich ernst genommen wird, hänge in der Tourismusbranche vor allem vom Wetter ab, meint der Ökonom Andreas Hoy von der Universität Freiberg, der in den sächsischen Mittelgebirgen Umfragen zu Wintersport und Klimawandel gemacht hat. Das wenig verblüffende Ergebnis: Unter den Liftbetreibern und bei den Gemeinden in den Skigebieten glaubten noch vor wenigen Jahren über zehn Prozent gar nicht an einen Klimawandel und über 50 Prozent meinen, dass der Klimawandel keine Auswirkungen auf die Schneeverhältnisse der nächsten zwei Jahrzehnte haben werde. Nach dem letzten Winter, der in der Region fast komplett ausgefallen war, hätten jedoch entsprechend mehr Befragte plötzlich den Klimawandel und dessen Folgen im Blick gehabt.

Der Winter ist unberechenbar geworden

"Winterliche Witterungsphasen waren im zu Ende gehenden Winter meist nur von kurzer Dauer und beschränkten sich größtenteils auf den Süden Deutschlands." Dieses Fazit zog der Deutsche Wetterdienst für den gestern zu Ende gegangenen "meteorologischen Winter". Demnach lag die Durchschnittstemperatur dieses Winters in Deutschland mit 1,8 Grad Celsius um 1,6 Grad über dem Klimawert der international gültigen Referenzperiode von 1961 bis 1990. "Gegenüber der Vergleichsperiode 1981 bis 2010 betrug die Abweichung plus 0,9 Grad", schreibt der Wetterdienst.

Viele in der Tourismusbranche im deutschen Südosten sind spätestens nach dem vergangenen Winter aufgewacht, bestätigt auch Veronika Hiebl, Geschäftsführerin beim Tourismusverband Erzgebirge: "Im Winter 2014 gingen die Verluste ins zweistellige Minus." Auch dieser Winter sei alles andere als optimal. "Das Wetter ist unberechenbar geworden", meint Hiebl. Es sei deshalb an der Zeit umzudenken.

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Es taut: In vielen Wintersportgebieten kamen über die letzten zwei Winter Schneekanonen zum Einsatz, um die Pisten befahrbar zu machen. (Foto: Susanne Götze)

Der Tourismusverband hilft beispielsweise dabei, eine Mountainbike-Strecke aufzubauen und das Winterwandern als Angebot zu etablieren. "Die Fahrradsaison haben wir bisher von Mai bis Oktober festgesetzt – angesichts des Wetters gehen wir aber davon aus, die Saison um zwei Monate zu verlängern – also von April bis November", meint Hiebl. Zwar lohnten sich noch Investitionen in den Hochlagen wie am Wintersportareal um den 1.250 Meter hohen Fichtelberg. In niedrigeren Lagen müsse man sich aber schon fragen, ob es sinnvoll sei, weiteres Geld in den Ski-Tourismus zu stecken, gibt die Tourismus-Expertin vorsichtig zu bedenken.

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