"Ausschreibungen sind viel zu riskant"

BildZwar werden die Erneuerbaren 2015 wichtigster Stromerzeuger bleiben, aber der Kampf um den Energiemarkt wird härter, sagt Sönke Tangermann, Vorstand von Greenpeace Energy. Scharf kritisiert er die fehlende Unterstützung durch die Politik. Die Bundesregierung habe nicht vor, irgendetwas für die Ökostrombranche zu tun. Eher gebe es einen Plan, großen Energieanbietern noch ein Geschäftsmodell zu bieten.

Sönke Tangermann (41), Rechtswissenschaftler, war für einen Projektentwickler für Windparks tätig, bevor er 2005 Geschäftsführer von Planet Energy, der Kraftwerks-Tochter von Greenpeace Energy, wurde. Vor einem Jahr wurde Tangermann gemeinsam mit Nils Müller, seinem langjährigen Ko-Geschäftsführer bei Planet Energy, in den Vorstand der Greenpeace Energy eG berufen.

klimaretter.info: Herr Tangermann, 2014 haben sich die Erneuerbaren zwar als Nummer eins beim Strom durchgesetzt, die Photovoltaik aber legte eine "Atempause" ein, wie die Bundeskanzlerin kürzlich beim Neujahresempfang des Bundesverbandes Erneuerbare Energie salopp formulierte. Was erwarten Sie 2015?

Sönke Tangermann: Man muss da zwischen den Technologien unterscheiden. Der wichtigste Stromerzeuger werden Erneuerbare in diesem Jahr bleiben – schon allein, weil bei den Konventionellen nicht wirklich was dazukommt. Bei den Erneuerbaren wird vor allem die Windkraft zulegen. Denn 2015 gibt es bei Windstrom noch keine Degression bei der EEG-Vergütung. Viele Projektierer werden versuchen, ihre Anlagen noch 2015 zu errichten. Das wird auch 2016 noch passieren – denn was ab 2017 wird, wenn wir auch bei Wind zu Ausschreibungen kommen, das ist die große Frage. Wir befürchten, dass es dann schwieriger wird.

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Anfang 2012 nahm Greenpeace Energy die Windparks Buchhain I und II in der Lausitz in Betrieb. (Foto: Marc-Oliver Schulz)

Wenn die Erneuerbaren die wichtigsten Stromerzeuger sind, müssen sich Ökostromer auch fragen lassen, wie viel Verantwortung sie für die Stabilität und Zuverlässigkeit des gesamten Stromsystems übernehmen.

Ich glaube, wir werden einerseits einen sehr zersplitterten Markt behalten, nach wie vor werden andererseits aber die großen Energieversorger den Ton angeben, die mit einem Netzbetreiber angebandelt sind, oder die großen Netzbetreiber selbst …

Amprion, 50Hertz und so weiter ...

… genau – die bekannten großen Vier. Dazu kommen noch einige Stadtwerke mit ihren Netztöchtern. Ausbleiben werden vermutlich große Wechselbewegungen der Kunden wie in der Vergangenheit. Nach der Katastrophe von Fukushima haben ja sehr viele Verbraucher umgedacht und sind zu Ökostrom gewechselt. Und noch immer haben wir einen überraschend großen Anteil von Menschen, die sich überhaupt noch nicht gefragt haben, bei welchem Stromanbieter sie eigentlich sind. Ob die jetzt plötzlich zu mobilisieren sind, zum Beispiel zu Ökostromern zu wechseln, wage ich zu bezweifeln.

Greenpeace Energy gehört, sagt eine aktuelle Studie, zu den nachhaltigsten Stromanbietern im Lande. Gerade bei der Liquidität liegt Ihr Unternehmen mit Abstand an der Spitze. Man könnte auch sagen: Ihre "Kriegskasse" ist gut gefüllt. Wofür werden Sie sie einsetzen?

Es stimmt, unser Unternehmen hat zuletzt gute Ergebnisse eingefahren. Wir hatten aber auch schon schlechtere Jahre. Dass wir gegenüber Eon gut aussehen, wundert mich nicht, aber schon, dass das aber auch gegenüber anderen Ökostromern der Fall ist. Unsere, wie Sie sagen, "Kriegskasse" haben wir aber gefüllt, um neue Märkte erschließen zu können. Wir werden nicht, wie es zum Beispiel Lichtblick tut, Kunden kaufen, um unseren Bestand zu erhöhen. Wir wollen aus eigener Kraft wachsen, mit der Überzeugungskraft unseres Produkts und dem, was wir außerhalb des Produktes tun.

Vor allem wollen wir uns um die Integration der sogenannten fluktuierenden Erzeugung, also von Wind und Sonne, kümmern. Das ist die eigentliche Herausforderung bei den Erneuerbaren. Andere werben damit, dass sie 100 Prozent Öko- oder 100 Prozent Wasserstrom haben oder gar Wasserkraft aus Deutschland – als wenn die nationale Herkunft plötzlich das große Argument wäre. Es kommt aber nicht darauf an, dass die Ökoenergie aus Deutschland kommt, sondern darauf, dass der Mix anspruchsvoll ist und einen hohen Anteil fluktuierender Erzeugung hat. Nur darüber kann der Anteil der erneuerbaren Energien wachsen.

Wollen Sie dazu auch die Nachfrage beeinflussen, also zum Beispiel die belohnen, die ihren Bedarf in nachfragestarken Zeiten verringern?

Die Nachfrage-Seite, das Demand-Side-Management, ist nur ein Aspekt. Wir schauen auf alles, was einen Beitrag leisten könnte – also auf virtuelle Kraftwerke, auf Speicher oder den kurzfristigen Handel mit erneuerbaren Energien. Da gibt es einen ganz großen Blumenstrauß an Möglichkeiten.

Ihr Unternehmen hat zum Jahresanfang wie hunderte andere Erzeuger den Strompreis gesenkt. Zeichnet sich hier eine Trendwende ab?

Mittelfristig wird der Strompreis für die Endverbraucher noch etwas weiter zurückgehen, denn auch die EEG-Umlage wird sinken. Der Strompreis an der Börse ist allerdings bereits so niedrig, dass es niemandem gelingen wird, dafür neue Kraftwerke zu bauen und diese einigermaßen auskömmlich zu betreiben. Und irgendwann werden wir ja einmal die Frage stellen müssen, zu welchen Preisen wir überhaupt neue Kraftwerke bauen können. Da ist es völlig egal, ob wir über Atom, Kohle, Gas oder erneuerbare Energien sprechen.

Wir haben kürzlich eine Studie veröffentlicht zur Frage, was Strom wirklich kostet. Die zeigt, dass es eigentlich keine Erzeugungsart gibt, die tatsächlich zu so niedrigen Kosten erzeugen kann, wie das die heutigen Preise suggerieren. Gegenwärtig wird dieses niedrige Niveau durch Kohle und Atom verursacht. Das sind beides Auslaufmodelle. Und weil sie es sind, werden langfristig die Strompreise wieder steigen.

Einfluss darauf haben auch politische Entscheidungen. 2015 wartet die Branche auf die Regelungen zu den Kapazitätsmärkten oder zum Grünstrom-Markt. Bis jetzt liegt nur ein interner Entwurf zu den Ausschreibungsmodellen für Freiflächen-Photovoltaik vor. Wie finden Sie den?

Bestimmte Entwicklungen gehen hier nicht in die richtige Richtung, vor allem beim Ausschreibungsmodell für Photovoltaik. Mit dem soll offenbar eine stärkere Marktkonzentration auf weniger Player angereizt werden. Die großen Energieversorger, auf die es mit der Ausschreibung wieder zulaufen soll, haben in den ganzen 15 Jahren, die wir jetzt intensiv Energiewende betreiben, aber viel zu wenig im Bereich Erneuerbare auf die Reihe bekommen.

Die Regierung glaubt aber, die großen Player bringen mehr als die Vielzahl quirliger und handlungsschneller Anbieter, die wir zurzeit haben. Wir dagegen wissen, dass die Energiewende gerade dadurch ermöglicht wurde, weil es eine Vielzahl von Anbietern gibt, die Kraftwerke für erneuerbare Energien bauen. Das sind doch diejenigen, die sich um jeden einzelnen Landwirt, um jeden einzelnen Bürgermeister kümmern und kümmern können.

Der kommende Verlust von Vielfalt wird Konsequenzen haben. Der Rückhalt für die Energiewende in der Bevölkerung kann dadurch verloren gehen. Bürgerenergieprojekte werden nicht realisiert, weil die Ausschreibungsmodelle viel zu riskant sind und den Großen in die Karten spielen.

Greenpeace Energy als größte unabhängige Energiegenossenschaft hätte doch keine Problem mit Ausschreibungen. Können Sie da so ein ganz glaubwürdiger Vertreter der Interessen derjenigen sein, die sich ein Solardach aufs Haus setzen lassen?

Dass die neuen Ausschreibungsregeln uns künftig keine Probleme bereiten werden, dafür würde ich heute nicht meine Hand ins Feuer legen. Warum würde ich sonst über die mangelnde Akteursvielfalt sprechen? Mit der Entwicklung eines Projekts begibt man sich in ein finanzielles Risiko und auch wir als Greenpeace Energy haben kein Dutzend Vorhaben in petto, wo man sagen könnte: "Ach, wenn da mal drei oder vier hinten runterfallen, das macht nichts." Wir gehen mit höchstens drei oder vier Projekten in eine solche Ausschreibung und müssen sehen, dass wir zum Zuge kommen. Gelingt uns das nicht, müssen wir unsere Aufwendungen möglicherweise abschreiben. Für uns ist das nicht ohne. Wir sehen das mit Sorge.

Wenn dann noch ab 2017 die Ausschreibungen bei der Windkraft dazukommen, könnte es sein, dass Sie und andere Ökostromer aus dem Markt gedrängt werden – einfach, weil Sie keine neuen Kapazitäten dazubekommen. Ihre Forderung, bei Ausschreibungen einen Teil für Bürgerenergieprojekte zu reservieren, dient so gesehen nur dazu, diese Akteure am Markt zu halten?

Absolut. Und das gilt nicht nur, weil es Bürgerenergieprojekte sind, sondern auch, um den Ausbau der erneuerbaren Energien weiterhin zu sichern. Es wird strukturelle Probleme geben, wenn nur noch große Player am Markt sind. Den Rückhalt bei denen, die von Photovoltaik und Windparks in der Nachbarschaft direkt betroffen sind, behält man nur durch Partizipation. Und Bürgerenergie steht für Partizipation. Konzentration auf wenige große Player steht eben nicht dafür. Deswegen kommt da ein Riesenproblem auf uns zu.

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Bereits vor einigen Jahren installierte Greenpeace Energy auf dem Dach der Stuttgarter Messe eine der größten Gebäude-Solaranlagen in Lande. (Foto: Dirk Wilhelmy)

Ein offenes Ohr für Ihre Anliegen haben Sie bei der Kanzlerin nicht gefunden – beim Neujahrsempfang ist Angela Merkel auf keine einzige Forderung der Erneuerbaren-Branche eingegangen.

Das ist das Traurige, dass die Bundesregierung offensichtlich nicht vorhat, irgendetwas in unserem Interesse umzusetzen. Beim Ausschreibungsmodell werden, so wie es jetzt geplant ist, die Großen bevorzugt und es geht gegen eine breite Akteursvielfalt. Das ist gegen jede Lehre von Marktwirtschaft, dass man plötzlich die Playerzahl beschränkt durch Regulierung.

Wir haben uns intensiv in die politische Diskussion eingebracht und wurden auch angehört. Das Problem ist nur: Wir wurden nicht erhört. Gegenwärtig spielt es für die Regierung offensichtlich keine Rolle, ob man fundierte Argumente hat oder nicht. Offensichtlich gibt es einen Plan, den großen Energieanbietern noch ein Geschäftsmodell zu bieten.

Der Kampf um die Marktanteile könnte härter werden als in den letzten Jahren.

Ja.

Interview: Jörg Staude

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