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"So wird Ökostrom nicht verramscht"

BildAllen Hindernissen zum Trotz ist in Deutschland immer mehr Ökostrom verfügbar – wer "echten" Grünstrom mit Herkunftsnachweis will, muss sich allerdings außerhalb der Landesgrenzen umsehen, kritisiert Daniel Hölder, Energiepolitik-Chef bei der Clean Energy Sourcing AG in Leipzig. Damit nicht weiter der größte Teil des Ökostroms als "Graustrom" an der Börse verramscht wird, plädiert Hölder für ein neues Grünstrom-Modell, das für Erzeuger wie Kunden vorteilhaft wäre.

klimaretter.info: Herr Hölder, mit grünem Strom könnte Mecklenburg-Vorpommern rechnerisch seinen gesamten Strombedarf decken, zu manchen Stunden ist das bald auch bundesweit möglich. Ökostrom liegt auf Platz eins vor Braunkohlestrom. Wozu brauchen wir ein spezielles Marktmodell für Grünstrom, das uns sagt, es ist grüner Strom?

Daniel Hölder: Ökostrom, der über das EEG gefördert wird, kommt bei den Kunden, die EEG-Umlage zahlen, über die allgemeine Stromkennzeichnung an – unter dem Posten "Strom aus erneuerbaren Energien, gefördert nach dem EEG". Immer mehr Haushalte und Unternehmen – letztere sind für uns als Ökostrom-Vermarkter besonders wichtig –, wollen aber nachweislich 100-prozentigen Ökostrom beziehen. Bei den Firmen kommt die Motivation hauptsächlich aus dem Carbon Footprint, mit dem sie zeigen: Wir werden nachhaltiger, wir reduzieren unseren CO2-Ausstoß. Diese Unternehmen wollen nachvollziehbare Herkunftsnachweise für ihren Strom.

Und der EEG-Strom ist nicht "grün" genug?

Richtig. Außerdem ist es so: Will man ein Ökostromprodukt anbieten, hilft einem der "EEG-Anteil" aus der allgemeinen Stromkennzeichnung nicht weiter, weil der erst nachträglich eingerechnet wird. Um 100-prozentigen Grünstrom anbieten zu können, muss man auch 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien einkaufen, auch wenn dann ein Teil davon formal als "Strom aus erneuerbaren Energien, gefördert nach dem EEG" bezeichnet werden muss. Deshalb ist fast alles, was hierzulande gegenüber den Kunden als Grünstromprodukt gekennzeichnet wird, Grünstrom aus dem Ausland.

Der Umstand, dass deswegen im Grunde nur noch Wasserkraftstrom aus dem Ausland hier als 100-prozentiger Ökostrom vermarktet werden kann, klingt einigermaßen absurd.

Der Gesetzgeber hat – und da hat er ja auch recht – festgelegt: Wird die Stromerzeugung übers EEG gefördert, soll nicht derjenige, der den Strom nutzt, etwas von dieser besonderen Qualität des Stroms haben, sondern der Bezahler der EEG-Umlage. Deswegen kann jeder Stromvertrieb in Deutschland für jeden Euro, den er an EEG-Umlage abführt, einen entsprechenden Anteil in seinem abgesetzten Strom kennzeichnen als "Strom aus erneuerbaren Energien, gefördert nach EEG."

Das bedeutet aber, dass der EEG-Strom, der eine Einspeisevergütung bekommt oder der über die Marktprämie vermarktet wird – das ist derzeit fast der gesamte EEG-Strom – als Graustrom verkauft werden muss. Den EEG-Strom, den ich über die Marktprämie vermarkte, kann ich einem Kunden zwar problemlos verkaufen – aber als Grünstrom darf ich ihn nicht kennzeichnen.

Der Vertrieb eines fossilen Stromkonzerns, der kein Watt Ökostrom selbst erzeugt, könnte also, sofern er EEG-Umlage bezahlt, einen Teil seines Stroms als erneuerbar kennzeichnen?

Ja, das kann er, absolut. Er muss es sogar.

Nicht schlecht ...

Auf der anderen Seite aber wird diese Art "Grün"strom nicht wirklich wertgeschätzt. Das sagen uns die Unternehmen. Erklärt sich auf diese Weise zum Beispiel ein Autokonzern zu einem Grünstrom-Nutzer, wird er von den Umweltverbänden wegen der fehlenden Herkunftsnachweise zerrissen. Deswegen ist es das zentrale Anliegen unseres Modells, EEG-Strom als wirklichen Grünstrom für die Kunden vermarktbar zu machen.

Das geht nur außerhalb des EEG-Umlagesystems?

Das heutige Standardinstrument, um EEG-Strom zu vermarkten – die Marktprämie –, bemisst sich am Spotmarktpreis für Strom. Zum Monatsende steht fest, wie hoch der durchschnittliche Spotmarktpreis war, und daraus errechnet sich die Marktprämie. Daraus folgt aber: Der EEG-Strom, den ich den Monat über vermarktet habe, hatte immer genau den Spotmarkt-Wert.

Ein realer Stromvertrieb kauft aber nicht am Spotmarkt Strom, sondern auf Termin. Ein Kunde aus der Industrie oder ein privater Haushalt – alle wollen mindestens ein Jahr im Voraus einen festen Strompreis haben. Um das versprechen zu können, kaufe ich für sie auf Termin die entsprechenden Strommengen ein. Das kann ich mit dem EEG-Marktprämien-Strom nicht machen. Bei dem weiß ich ja erst am Monatsende, was er mich gekostet hat.

Der Windkraftbetreiber oder der Solarstromerzeuger haben allerdings einen festen Abnahmepreis, der im Grunde über Jahre gilt. Wie passt all das zusammen?

Genau, eigentlich hat auch EEG-Strom einen Terminpreis, der im Vorhinein für einen späteren Zeitpunkt festgelegt ist. Der Anlagenbetreiber hat sogar einen sehr langfristigen Preis zugesagt bekommen – beim Windmüller sind es rund neun Cent für 20 Jahre. Aber dieser langfristige Terminpreis wird durch die Marktprämie, die sich nach dem Spotmarktpreis richtet, zu einem Spotmarktpreis, den ich erst im Nachhinein kenne.

Wenn ich als Vertrieb Marktprämien-Strom nutzen würde, wären das zwei vollkommen voneinander getrennte Geschäfte: Das eine die Direktvermarktung, wo ich den Strom zum Beispiel beim Windmüller kaufe, am Spotmarkt verkaufe und dem Windmüller den durchschnittlichen Spotmarktwert bezahle, und dann zum anderen die Kundenversorgung, für die ich Strom auf Termin einkaufe und vom Kunden einen fest vereinbarten Strompreis bekomme. Zwischen beiden gäbe es derzeit nicht wirklich eine Verknüpfung.

Dagegen setzt Ihr Unternehmen zusammen mit anderen Ökostromern auf ein Grünstrom-Markt-Modell. Könnten Sie denn damit den gesamten 25-Prozent-Anteil, den der Erneuerbaren-Strom heute hat, direkt an die Kunden bringen?

Das wäre kein Problem. Unser Modell würde es nur außerhalb des EEG-Umlagesystems machen. Möglich wäre übrigens auch ein anderes Modell, das in der Debatte war, die so genannte Echtzeitwälzung.

Echtzeitwälzung?

Wir würden zu einer physischen Wälzung des erzeugten Stroms zurückgehen. Der gesamte EEG-Strom würde auf die Vertriebe verteilt. Aber im Gegensatz zur Wälzung als Grundlastband, wie es im EEG bis 2009 galt, würde der Strom als tatsächlicher Einspeiselastgang an die Vertriebe weitergegeben. Den hätten sie dann als echten Grünstrom im Portfolio und müssten den Rest dazukaufen.

Das hieße wirkliche Vorfahrt für Ökostrom ...

Das wäre der richtige Weg. Das große Manko, das wir heute haben, ist, dass wir den Erneuerbaren-Strom nur in den Spotmarkt integrieren, dass aber die Stromwirtschaft im Terminmarkt denkt. Auch konventionelle Kraftwerke verkaufen ihren Strom ein bis drei Jahre im Voraus.

Und in diese festgefügten Verhältnisse wird derzeit über den Spotmarkt der ganze EEG-Strom nachträglich hineingepresst?

Genau. Ich komme sozusagen mit meinen Erneuerbaren, wenn alle Geschäfte schon gelaufen sind. Eigentlich ist der Spotmarkt vor allem als letzte Optimierung gedacht. Da werden jetzt aber fast 30 Prozent des Stromabsatzes hineingedrückt – in ein Marktsegment, in dem es fast keine Verbraucher als Käufer gibt.

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Wie wird der Ökostrom an die Verbraucher verkauft – auf direktem Weg oder auf dem Umweg über die Strombörse? An der Frage scheiden sich die energiepolitischen Geister. (Foto: EU)

Unser Grünstrom-Modell würde hier den Druck aus dem Markt nehmen und die Position der Vermarkter des EEG-Stroms an der Börse verbessern. Zurzeit verkaufen diese praktisch mit einem offenen Orderbuch. Jeder, der die Wetterprognose genau verfolgt, kann sich ausrechnen, was am folgenden Tag an Wind- und Solarstrom erzeugt und am Spotmarkt angeboten wird. Das liegt für alle auf dem Tisch. Bei unserem Grünstrom-Modell würde die Börse aber nicht so genau vorher wissen, wann unser Händler seinen überschüssigen Strom verkauft – ob am Dienstag oder erst am Wochenende. Diese Art der Vermarktung des Ökostroms wäre tendenziell werthaltiger, er würde weniger als bisher verramscht.

Mit Ihrem Grünstrom-Markt-Modell wollen Sie also grünen Strom erster Klasse schaffen. Warum?

Um Strom aus EEG-Anlagen als Grünstrom verkaufen zu können, müssen wir erstens das erwähnte Gerechtigkeitsproblem lösen, dass ich EEG-Strom nicht als grünen Strom verkaufen kann, solange jemand anderes dafür bezahlt. Und zweitens möchten wir aus der Systematik der Spotmarktpreise raus. Wir wollen grünen Strom komplett außerhalb des EEG-Umlagesystems vermarkten.

Ein entscheidende Voraussetzung für die Akzeptanz so eines Modells ist: Es muss für die, die nicht mitmachen, kostenneutral sein. Dazu wird in unserem Modell das EEG-Umlagesystem faktisch auf der Ebene des Stromvertriebs abgebildet. Ich habe dann eine direkte Geschäftsbeziehung, kaufe Ökostrom direkt mit allen Risiken beim Anlagenbetreiber und verkaufe ihn auch direkt mit allen Risiken an den Stromkunden. Und damit es kostenneutral für das Umlagesystem ist, muss ich anteilig genauso viel und genauso teuren Strom aus EEG-Anlagen einkaufen, wie alternativ über das Umlagesystem gefördert würde.

Als Rahmenbedingung gilt weiter, dass ich in diesem System denselben Anteil volatiler Quellen – also Wind und Sonne – wie im EEG-System handeln muss. Damit kann ich mir in unserem Modell nicht nur die einfach zu managenden erneuerbaren Quellen heraussuchen und die komplizierten dem EEG-System überlassen.

Ob das dann als Grünstrom erster Klasse wahrgenommen werden wird, werden die Kunden entscheiden.

Wer kann all das leisten – nur große Grünstromunternehmen?

Energiewirtschaftlich ist das Modell zweifellos anspruchsvoll. Eine Bürgerenergiegenossenschaft wird das nicht allein umsetzen können. Sie bräuchte dafür beispielsweise eine Handelsabteilung, die rund um die Uhr arbeitet. Das ist aber auch bei der Marktprämien-Vermarktung der Fall. Stromwirtschaft ist leider aufwendig. Es gilt, große Mengen zu bewegen.

Aber auch wegen der geltenden Pflicht zur Direktvermarktung brauchen Bürgerenergiegenossenschaften schon jetzt jemanden an ihrer Seite. Und genauso wie es in der Marktprämie einen harten Wettbewerb zwischen den Direktvermarktern zum Vorteil der Anlagenbetreiber gibt, wird es auch für die Grünstrom-Vermarktung einen Wettbewerb um die Abwicklung geben. Unser Unternehmen ist beispielsweise Partner eines Windparks. Der hat eigene Stromkunden, aber wir wickeln für ihn im Hintergrund die Geschäfte ab. Das zu tun, interessiert viele Akteure am Strommarkt. Unser Modell bietet damit Anlagenbetreibern und Bürgerenergiegenossenschaften große Chancen, echte Grünstromprodukte aufzusetzen und damit ihren Strom an interessierte Kunden zu verkaufen.

Daniel Hölder ist Leiter Energiepolitik der Clean Energy Sourcing AG. Das Unternehmen gehört zu den führenden Anbietern und Direktvermarktern von Strom aus EEG-Anlagen. 2008 als Tochter von Q-Cells geschaffen, wurde es 2010 ausgegründet. Der Umsatz betrug 2013 mehr als 700 Millionen Euro.

Interview: Jörg Staude

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