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"Zeit für die schönen Dinge des Lebens"

BildWachstum ist heute ein Indikator für Erfolg: Je mehr produziert wird und je höher die Gewinnmarge, desto besser. Kritiker sehen es genau umgekehrt: Für Mensch und Umwelt ist gerade die Entschleunigung der Weg ins Glück, meint Unternehmens­forscherin Jana Gebauer vom Institut für Ökologische Wirtschafts­forschung (IÖW). Immer mehr Unternehmen in Deutschland hätten das schon verstanden und würden auf "Besser statt mehr" setzen. Teil 1 unserer Serie zur "Degrowth 2014".

Bildklimaretter.info: Frau Gebauer, in Leipzig soll auf der vierten Degrowth-Konferenz ab morgen fünf Tage lang über Wachstums­kritik und Postwachstum gesprochen werden. Gibt es überhaupt Unternehmen, die freiwillig auf Wachstum verzichten?

Jana Gebauer: "Verzicht" würden sie es gar nicht nennen. Die Unternehmen in unseren Studien müssten vielmehr verzichten, wenn sie quantitativ wachsen würden – und zwar auf Qualität in jeder Hinsicht. Beispielsweise der Stahlmöbelhersteller Richard Henkel oder die Waldviertler Werkstätten: Sie verzichten auf den Mehrverkauf von Neuprodukten. Aber sie stabilisieren sich durch Reparaturdienste und andere Angebote für die Kunden.

Ist der Übergang zu einem solchen Postwachstum betriebswirtschaftlich für ein einzelnes Unternehmen überhaupt möglich?

Nehmen wir die Stabilität der Unternehmensgröße. Viele Firmen praktizieren sie bereits, sei es gezwungenermaßen aufgrund der harten Markt- und Wettbewerbssituation oder freiwillig aus verschiedenen Gründen. Größenwachstum ist für die Mehrzahl der kleinen und mittleren Unternehmen – und damit für den Großteil der Unternehmen insgesamt – gar kein zentrales Ziel. Es wird sogar bewusst begrenzt. Damit diese Unternehmen dann auch erfolgreich agieren können – existenzsichernd, ökologisch und sozial verträglich, entwicklungs-, qualitäts- und bedürfnisorientiert –, sind aber unbedingt die Vernetzung und der Austausch untereinander nötig. Und die gesellschaftliche Entkopplung von Wachstum und Erfolg.

Wenn ein Unternehmen von Wachstum auf Postwachstum umstellt, wo ist dann der Unterschied zu "normalen" sozialen und ökologischen Ansätzen?

Zunächst ist ein sozial-ökologischer Ansatz für eine Orientierung auf Postwachstum zentral. Aber man bringt gewissermaßen den Advocatus Diaboli, den "Anwalt des Bösen", ins Spiel und muss sich vieles grundsätzlich fragen: Machen wir das Gleiche wie die anderen und nur ein bisschen mehr Öko? Oder deckt unsere Leistung ein echtes Bedürfnis ab? Trägt sie über den gesamten Zyklus von Herstellung, Nutzung und Nachnutzung spürbar zu sozialen und ökologischen Verbesserungen und Entlastungen bei? Verdrängen wir durch unsere Produkte nur die etwas weniger nachhaltigen vom Markt – oder befördern wir ganz neue Geschäftsmodelle und Konsummuster, die auf geringste Umwelt- und Klimabelastungen und höchste Qualitäten in fairen Arbeits- und Lebensbeziehungen zielen?

Als Kundin im Biosupermarkt beispielsweise bekomme ich heute mehr, als ich konsumieren kann – mit fast genauso viel Verpackungs- und Werbemüll und bei zum Teil ähnlich schlechten Arbeits- und Lieferantenbedingungen wie bei einem "normalen" Supermarkt. Hier gehört definitiv die Sinnfrage gestellt.

Auf welche konkreten betriebswirtschaftlichen Prinzipien setzen solche Unternehmen?

Im Idealfall handeln sie – aus der einzelbetrieblichen wie aus gesamtwirtschaftlicher Sicht – vernünftig. Da gilt der Dreisatz von Effizienz, Konsistenz und Suffizienz, der zu einem "Besser statt mehr" führt. Das betrifft unter anderem eine höhere Qualität sowie die Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit ihrer Produkte. Der Verkauf wird oft regional begrenzt und mit Beratung, Reparaturangeboten und der aktiven Einbeziehung der Konsumenten gekoppelt.

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Postwachstumsunternehmen können uns zeigen, wie wir in lebensfreundlichere Gefilde kommen, meint Jana Gebauer. (Foto: Edward Schipul/Wikimedia Commons)

Diese Unternehmen entziehen sich auch – auf bislang eigene Kosten – der Entwertungsspirale und dem Verdrängungswettbewerb in engen Märkten. Innovativ und kreativ, aber auch konsequent und ausdauernd zu sein und zu bleiben, ist dafür ebenso notwendig wie selbstbestimmt entscheiden zu können und mit Gleichgesinnten zu kooperieren. 

Können diese Leuchtturm-Projekte zum Vorbild für makroökonomische Ansätze werden?

Sie müssen zum Vorbild für makroökonomische und gesamtgesellschaftliche Ansätze werden, vor allem, was das zugrunde liegende Paradigma betrifft. Schon Adam Smith und John Stuart Mill war klar, dass ökonomisches Wachstum nun mal begrenzt ist. Sie zeigten beide allerdings unterschiedliche Konsequenzen auf: Entweder gibt es einen zunehmend erbitterten Verdrängungswettbewerb bis zum Untergang oder – vereinfacht gesagt – mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens.

Die postwachstumsorientierten Unternehmen zeigen uns solche Ausfahrten, die in lebensfreundlichere Gefilde führen. Egal, wo wir aktiv sind: Wir sollten uns beeilen, hinterherzukommen.

Interview: Susanne Götze

Jana Gebauer arbeitet im Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung und hat die Studie "Wachstumsneutrale Unternehmen" mitverfasst. Gebauer ist Diplom-Kauffrau und arbeitet seit 2005 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am IÖW.

BildAußerdem erschienen in unserer Serie zur Degrowth-Konferenz der Wachstumskritiker in Leipzig:

Auftakt: Internationale Degrowth-Konferenz in Leipzig startet
Teil 1: "Zeit für die schönen Dinge des Lebens" - Degrowth in Unternehmen
Teil 2: "Die Bewegung muss aktivistischer werden" - Theorie und Praxis
Teil 3: "Ein magischer Moment" - Statements zur Degrowth-Eröffnung
Teil 4: Degrowth noch zu europäisch - Kritik aus Lateinamerika
Teil 5: Raus aus dem Hamsterrad - Wohlstand anders definieren

[Erklärung]  
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