50 Milliarden Dollar in Flammen

Nach wie vor wird das bei der Erdölförderung anfallende Erdgas einfach abgefackelt. Zwar bemüht sich die Weltbank um eine Reduktion dieses Energie- und Klimafrevels. Aber weil in den USA Erdgas enorm billig geworden ist, stieg die abgebrannte Menge zuletzt wieder an.

Aus Washington Carey L. Biron (IPS), aus Berlin Nick Reimer

Die Weltbank will den Gasfackeln stärker zu Leibe rücken: Schätzungen zufolge werden jährlich weltweit zwischen 150 und 170 Milliarden Kubikmeter Kohlenwasserstoffgemische abgefackelt, die bei der Förderung oder Raffination von Erdöl anfallen. Diese Erdgasmenge entspricht dem Jahresverbrauch von Deutschland und Italien zusammen.


Erdölförderturm im Kaspischen Meer: Eine Gasfackel lodert rund um die Uhr. (Foto: Dragon Oil)

Bei der Ölförderung fällt immer auch Erdgas an. Die meisten Ölfelder liegen jedoch weit weg von der Gasförder-Infrastruktur: in Sibirien, vor den Küsten Afrikas, im Golf von Mexiko oder in der arabischen Wüste. Um das Erdgas verkaufen zu können, bräuchten die Ölgesellschaften parallel zu den Ölleitungen auch Gaspipelines von mehreren tausend Kilometern Länge. Das aber ist für das Nebenprodukt Erdgas "nicht wirtschaftlich", deshalb wird es einfach in Brand gesetzt.

Nach Weltbank-Erhebungen entsteht so ein enormer wirtschaftlicher Schaden: Würde man diese Gasgemische in den normalen Kreislauf der Erdgas-Gewinnung einbringen, ergäbe sich ein Rohstoffwert von 50 Milliarden US-Dollar (39 Milliarden Euro). Es ist aber nicht nur der wirtschaftliche Verlust, um den sich die Weltbank sorgt. Das Abfackeln der riesigen Gasmenge heizt auch die Erderwärmung beständig an.

Die Weltbank hat über ihre public-private partnership "Global Gas Flaring Reduction" (GGFR) ein Bündnis geschmiedet, um die Erdölproduzenten dazu zu bewegen, binnen der kommenden fünf Jahre 30 Prozent weniger Gas abzufackeln. "Eine Reduzierung um 30 Prozent in fünf Jahren ist ein realistisches Ziel", erklärte Rachel Kyte, Vizepräsidentin der Weltbank und dort zuständig für nachhaltige Entwicklung, am Donnerstag auf der GGFR-Tagung in London. Klimatisch hätte dies die gleiche Wirkung, als würden 60 Millionen Autos aus dem Verkehr gezogen.

Abfackeln ist für die Erdatmosphäre das kleinere Übel

Zwar ist das Abfackeln "klimafreundlicher", als wenn man das Erdgasgemisch einfach so in die Atmosphäre entweichen liese. Beim Abfackeln wird zum Beispiel Methan zu Kohlendioxid und Wasserdampf verbrannt. Der Treibhauseffekt vom dabei entstehenden CO2 ist aber 24-mal geringer als beim Methan. Dennoch entstehen so jährlich 400 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente völlig ohne Nutzen für den Menschen – fast die Hälfte des Treibhausgasausstoßes der Bundesrepublik.

Alternativen gibt es durchaus. Auffangen könnte man zum Beispel das Gas, extrem tief kühlen und dadurch verflüssigen: Flüssigerdgas hat nur noch ein Sechshundertstel des Volumens von Erdgas in Gasform. Dadurch wird sein Transport per Schiff oder Tanklaster attraktiv. Ein anderes Konzept sieht vor, das anfallende Erdgas vor Ort in Kleinkraftwerken zu verstromen: Stromleitungen sind in der Regel billiger als Pipelines. Ein weiteres Konzept sieht vor, das Erdgas einfach wieder in die Öllagerstätte zurückzupumpen – und so den Förderdruck auf die Ölmenge zu erhöhen.

20 große Erdölunternehmen sind Mitglied bei GGFR, darunter Exxon Mobil, BP, Shell, Statoil, ConocoPhillips Chevron und Total. Zudem arbeiten 19 Staaten mit: Von Indonesien bis Nigeria, von Mexiko bis Russland sind alle großen Ölförderländer an Bord. Und die Allianz kann auch Fortschritte vermelden, nach ihren Angaben wurde die umstrittene Praxis bis 2011 bereits um 20 Prozent eingeschränkt. Dadurch seien etwa 274 Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen eingespart worden.

Auch in London präsentierte die Weltbank Erfolge: Mexiko und Aserbaidschan hätten in nur zwei Jahren das Gasabbrennen um zwei Drittel beziehungsweise um die Hälfte gesenkt. Katar und Kongo wurden dafür gewürdigt, das Gas zur Stromherstellung zu nutzen. Doch die Bank wies auch darauf hin, dass Fortschritte in Russland, Mexiko, Irak oder Kasachstan weiter auf sich warten lassen.

Es seien "weitaus umfangreichere Maßnahmen erforderlich". Vizepräsidentin Rachel Kyte bringt eine ethische Komponente ins Spiel: "Jeder fünfte Mensch auf der Welt lebt ohne Strom. Wir können es uns daher nicht mehr leisten, dieses Gas zu verschwenden." Bent Svensson, Chef des GGFR-Bündnises: "Würden die 40 Milliarden Kubikmeter, die in Afrika jedes Jahr abgefackelt werden, in modernen Kraftwerken verarbeitet, könnte die Stromerzeugung südlich der Sahara glatt verdoppelt werden."

Die Energiewirtschaft selbst geht davon aus, dass sich das Problem von allein lösen wird: "Je höher der Gaspreis, desto rentabler werden Projekte, an die man bisher noch nicht dachte", sagte schon vor Jahren ein Experte vom Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) dem Spiegel. Genau das aber ist auch ein Dilemma. Auf der Weltbankliste nicht aufgeführt sind die USA, die das Gasabfackeln seit 2007 mehr als verdreifacht haben. Dies ist die größte Steigerung weltweit. Aufgrund neuer Technologien erleben die USA zurzeit einen Boom bei der Erdgasproduktion. Anders als früher, fördern sie inzwischen auch Gasvorkommen in Schiefer und anderen Gesteinen mithilfe der sogenannten Fracking-Technologie. Die Folge: Erdgas ist in den USA so billig wie nie – kein Argument gegen das Abfackeln.


Wo es keine Infrastruktur und keine ökonomischen Anreize gibt, wird das bei der Ölförderung anfallende Erdgas einfach abgefackelt. (Foto: Patrick Kelle/​Wikimedia Commons)

"Wegen der nicht ausreichenden Kapazitäten der Erdgasleitungen und der Verarbeitungsanlagen wurden 35 Prozent des geförderten Erdgases in North Dakota verbrannt oder anderweitig nicht vermarktet", berichtete die US-Regierung Ende 2011. Die USA sind inzwischen der fünftgrößte Abfackler nach Russland, Nigeria, Iran und Irak.

Eine im April verabschiedete neue Richtlinie der US-Umweltagentur EPA will das Abfackeln von Methangas reduzieren. US-Produzenten haben nun bis 2015 Zeit, um die notwendigen neuen Technologien einzuführen, die das Abbrennen von Gas überflüssig machen. Bis dahin plädiert allerdings auch die EPA für das Abfackeln als geringeres Umweltübel.

Zu den USA wollte die Weltbank in diesem Zusammenhang keinen Kommentar abgeben. Fest steht aber: Trotz aller Bemühungen in verschiedenen Ländern stieg die Menge an weltweit abgefackeltem Erdgas binnen Jahresfrist um etwa zwei Milliarden Kubikmeter. Als Gründe nennt die Weltbank die Aktivitäten Russlands – und vor allem die im US-Bundesstaat North Dakota.

"Gemessen an den Treibhausgasmengen, die die Industrieländer nach dem Kyoto-Protokoll bis zum Jahr 2012 vermeiden müssen, sind das 13 Prozent", sagt Weltbank-Experte Svensson.
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