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Olkiluoto und das Sankt-Nimmerlein

Die Finnen sprechen eine eigenartige Sprache und unterrichten ihre Kinder (trotzdem) besser als andere Völker. Sie sind es gewohnt, für Monate im Halbdunkel zu leben, und sie mögen (vielleicht deshalb) die Atomenergie. In Pyhäjoki wollen sie ein neues Atomkraftwerk bauen, auf der Halbinsel Olkiluoto ziehen sie seit 2005 einen dritten Reaktor hoch. Eigentlich sollte der bereits 2009 Strom liefern. Doch jetzt müssen die Finnen sagen: "Keine Ahnung, wann wir fertig werden." 

Von Mathias Rittgerott

Lieber Leser, lassen Sie sich Zeit. Artikel über den finnischen Atomreaktorbau haben es nicht eilig, gelesen zu werden. Zeitdruck und Fristen, in Olkiluoto kennt man die Begriffe nicht. Seit 2005 wächst dort 220 Kilometer von Helsinki entfernt ein Kraftwerk in die Höhe, mal schneller, mal langsamer. Unaufhaltsam steigen die Kosten, unaufhaltsam läuft der Termin davon, an dem der Turmbau vollendet sein wird.


Atomkraftwerk Olkiluoto, hier in einer Aufnahme von 2009. Zu diesem Zeitpunkt sollte der neue Reaktor nach der ursprünglichen Planung eigentlich schon Strom liefern. Jetzt wird es frühestens 2014, wahrscheinlicher aber wohl der Sankt-Nimmerleins-Tag. Was aber hat das Windrad auf dem Foto zu bedeuten?! (Foto: Kallerna/Wikimedia Commons)

Ursprünglich sollte der 1.600-Megawatt-Koloss, drei Milliarden Euro teuer, 2009 ans Netz gehen. Hätten die Finnen sich darauf verlassen, wären die Lichter längst ausgegangen, dank Atomstrom. Zuletzt versprach der Konzern Areva, der zusammen mit Siemens baut, 2014 fertig zu sein und mit rund sechseinhalb Milliarden Euro auszukommen. Doch jetzt kippten die Franzosen auch diesen Termin. Einen neuen nennen sie vorsichtshalber nicht. Atomkraft am Sankt-Nimmerleins-Tag.

Nach der jüngsten Hiobsbotschaft forderte der Bauherr, Finnlands staatlicher Energieversorger Teollisuuden Voima Oyj (TVO), Areva/Siemens auf, einen neuen Termin zu nennen, wann man gedenke, fertig zu sein. Der Ton war scharf. Man sei schließlich Kunde, habe 2003 bestellt und das Konsortium sollte den Reaktor längst schlüsselfertig übergeben haben. Areva/Siemens hingegen beklagten, TVO zöge nicht mit an einem Strang. Die Finnen sollten sich anstrengen, dem Projekt einen "klaren Weg in die Zukunft" zu ebnen.

Dabei scheint, von weitem betrachtet, die Welt in Ordnung zu sein. Die Ostsee schimmert blau, auf ungezählten Inseln wachsen Wälder aus Nadelbäumen, in denen Finnen ihre Wochenendhäuschen versteckt haben. Auf der Halbinsel Olkiluoto sieht Block 3 bereits seit Jahren aus wie ein ausgewachsenes AKW. Während die beiden benachbarten Siedewasserreaktoren aus den späten Siebzigerjahren in schlichten, rechteckigen Kisten stecken, reckt sich die Kuppel des Druckwasserreaktors 65 Meter in die Höhe. So hoch ist auch der Berliner Reichstag. Am Bau waren maßgeblich deutsche Nuklearfirmen beteiligt. Sie lieferten den Reaktordruckbehälter, schweißten die Abklingbecken und setzten dem Rohbau das runde Dach auf. Doch drinnen scheint es nicht richtig voranzugehen. Und dort haben die Leute von Areva – fairerweise muss man sagen: mitsamt ihren auch deutschen Partnerfirmen – den Hut auf.

Pfusch am Bau: Schlechter Beton, schlechte Schweißnähte, fehlende Armier-Eisen

Von Beginn an häuften sich die Probleme. Die Aufsichtsbehörde Stuk stellte 3.000 Mängel fest und war beispielsweise mit der Güte des Betons unzufrieden, sie vermisste Armier-Eisen, Schweißnähte waren ihr zu schlecht. Kritiker aus aller Welt schimpften über Pfusch am Bau, auf dem polnischen Arbeitern nur zwei Euro Lohn pro Stunden bezahlt wurde.

Dabei sollten die Bauten des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Finnland und im französischen Flamanville Schaufenster sein für den Export neuer Atomtechnik. Weltweit sei Atomenergie auf dem Vormarsch, die Branche wollte eine Renaissance sehen und sich selbst von Fukushima die Feierlaune nicht verderben lassen. Der EPR habe nämlich eine Art Pfanne unter dem Reaktor, die bei einer Kernschmelze die flüssigen Brennstäbe auffange. Sicher sei das.


Olkiluoto, wie es nach einer Fotomontage des Bauherrn aussehen soll, wenn es denn fertig sein wird. Links (mit der Kuppel) steht Block 3. (Foto: TVO)

Mitfeiern wollen auch deutsche Unternehmen. Viel Freude am Bau von Atomkraftwerken haben sie derzeit freilich nicht. So möchte Eon zwar viel Geld in einen Reaktor stecken, der schon 2020 von der Halbinsel Pyhäjoki aus Strom liefern soll. Doch der Finanzplan ist zusammengebrochen, nachdem sechs Firmen aus dem Konsortium ausgestiegen sind. Außerdem rechnen Gutachter damit, dass das Bauwerk gemäß finnischer Tradition deutlich teurer wird als geplant. Nach Fukushima wurden Sicherheitsanforderungen erhöht. Die Ingenieure und Zulassungsbehörden beugen sich nun erneut über die Pläne. Wer den Reaktor bauen wird, ist noch nicht entschieden. Die Konzerne Toshiba/Westinghouse haben ihren Hut in den Ring geworfen. Und Areva.

Der Zeitplan ist in Pyhäjoki bereits Makulatur und wurde auf 2014 verschoben. Etwa Ungehöriges und in Olkiluoto Undenkbares war passiert: Finnen haben ihre versteckte atomkritische Seite gezeigt und Einwände erhoben.

Was, wenn die Turbine, die nicht stillstehen darf, stillsteht?

In Olkiluoto hat Siemens den "nichtatomaren Teil" gebaut. Also den Generator, der in einer Halle steht, die doppelt so groß ist wie das Berliner Kanzleramt. Die Siemensianer sind längst fertig und trotzdem noch da. Immer wieder muss der Generator angeworfen werden. "Von Hand", sagt ein Insider. Die weltgrößte Turbine würde sich durch ihr eigenes Gewicht beschädigen. "Die Teile sind so genau gefertigt, dass die Turbine nicht jahrelang stillstehen darf." Doch genau das würde sie ohne Siemens' Handarbeit tun, weil Areva nicht fertig wird.

Den Bürgermeister der Kleinstadt Eurajoki, auf dessen Gemarkung Olkiluoto liegt, lassen Verzögerungen und Bedenken kalt. Tschernobyl? "Russische Technik. Bei uns undenkbar", sagt Hiltiö Harri. Fukushima? "Ein Tsunami. Bei uns undenkbar." Die mehr als 4.000 Bauarbeiter aus aller Welt bringen Geld in das Energiestädtchen mit seinen 6.000 Einwohnern. TVO, Finnlands staatlicher Energieversorger, spült Geld in die Kasse der Kommune. Gern darf der Konzern am Ostseestrand sein Endlager in den Granit sprengen. "Eurajoki offers energetic life", verspricht der Ort. Und über tausend Arbeitsplätze.


Zeit? Bekommt eine andere Dimension, wenn es um Atomkraft geht. (Foto: Tiago Fernandes/Wikimedia Commons)

Trotz alle Querelen und Sorgen weiß auch TVO in Olkiluoto zu feiern. Am letzten Freitag im August beging der Konzern beim Ausbau des dortigen Zwischenlagers das Richtfest, in dem abgebrannte Brennelemente der beiden bestehenden Rektoren und irgendwann in Zukunft auch der Müll aus Olkiluoto 3 gelagert werden soll. "Die Arbeiten sind im Zeitplan", sagt TVO-Baumanager Juha Riihimäki. 2013 soll das Lager fertig sein, 2014 soll der erste Müll kommen. Man kann Riihimäki einen mutigen Mann nennen.

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