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Großmann stellt Nabucco in Frage

Der Noch-RWE-Chef zweifelt in seiner Amtsdämmerung am Sinn des milliardenschweren Pipeline-Projektes, das Erdgas aus Zentralasien nach Europa transportieren soll. Fraglich ist, was diese Ankündigungen bedeuten. Atom-Großmann, der seinen Hut als Manager des drittgrößten Energiekonzerns Europas im Juni nehmen muss, weil er die Zeichen der Energiewende verschlafen hat, ist längst vom Entscheidungsträger zur Witzfigur mutiert.

Aus Berlin Nick Reimer

Man müsse nicht unbedingt am Bau der milliardenschweren Pipeline Nabucco beteiligt sein, sagte RWE-Vorstandsvorsitzender Jürgen Großmann dem Wall Street Journal Deutschland. "Ob das dann Nabucco oder Turandot heißt, ist uns völlig egal". Entscheidend sei, dass kaspisches Gas nach Europa fließe und der Essener Energiekonzern eine ausreichende Menge davon bekomme. "Turandot" ist die letzte Oper von Giacomo Puccini, Pipeline-Namensgeber "Nabucco" wurde bekanntlich vom großen Meister Verdi geschrieben.

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"Wir freuen uns über alle Lösungen, die unser eigenes finanzielles Engagement möglichst gering halten", sagte Großmann, der im März 60 Jahre alt wird. Das ist verwunderlich: Einst hatte Großmann ein mächtiges europäisches Konsortium gezimmert, dem neben Konsortiumsführer RWE die österreichische OMV, die ungarische MOL, Transgaz aus Rumänien, die Bulgarian Energy Holding und die türkische Botas angehörten. Auch Bayerngas hatte jüngst erklärt, in das Konsortium einsteigen zu wollen. Es sollte Großmanns Fußabdruck in der Geschichte der Energieversorgung Europas werden.

Dass die Pipeline Nabucco jemals in Bau geht, wird allerdings immer unwahrscheinlicher. Eigentlich sollte die Pipeline bereits ab 2017 jährlich rund 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus dem kaspischen Raum nach Europa liefern. Hierfür hätte der Baubeginn schon 2011 sein sollen, jetzt ist von 2013 die Rede. Ursprünglich war für den Bau der rund 3.300 Kilometer langen Trasse aus Zentralasien nach Mitteleuropa die Summe von 7,9 Milliarden Euro veranschlagt worden. Die aktuellen Kostenschätzungen belaufen sich nun aber nach Angaben von EU-Energiekommissar Günther Oettinger auf 10 bis 14 Milliarden Euro.

Bisher scheut das Projekt-Konsortium konkrete Investitionszusagen. Diese hängen an fehlenden Verträgen über Gaslieferungen, die dann auch tatsächlich durch die Türkei bis nach Österreich geleitet werden könnten. Anfang Oktober hatte das Konsortium an Aserbaidschan ein Angebot  für den Gasexport aus dem großen Gasfeld Shah-Deniz-II abgegeben. Aserbaidschan wollte bis Ende 2011 entscheiden, an welche europäische Gaspipeline das Land liefern will. Neben Nabucco bewerben sich die Türkei-Griechenland-Italien-Verbindung (ITGI) und die Transadriatische Pipeline (TAP). Die Entscheidung steht noch aus. Zuletzt hatte  RWE einen Vertrag mit der kurdischen Regionalregierung unterzeichnet und so die irakische Regierung erzürnt. Bagdad warf RWE und damit indirekt auch Deutschland vor, die seperatistischen Bestrebungen von Irakisch-Kurdistan weiter anzuheizen.


Jürgen Großmann ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender der RWE AG. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Zudem ist das Konkurrenzprojekt von Nabucco wesentlich weiter. Im November billigte Bulgarien den Bau der Gaspipeline South-Stream, dem russischen Pendant zu der im November eröffneten Ostsee-Pipeline North Stream. Wie Gazprom-Präsident Alexei Miller bestätigte, will der Konzern 2013 mit dem Bau von South Stream beginnen. Erste Gaslieferzungen sollen bereits 2015 erfolgen. Die Pipeline soll Gas aus dem russischen Teil des Kaukasus nach Europa befördern. Damit will Russland die Ukraine umgehen, mit der die russische Regierung immer wieder wegen Erdgaslieferungen nach Europa in Streit geraten war.

Grossmann stellt Nabucco also grundlegend in Frage. Unklar ist allerdings, was sein Wort innerhalb des Konzern noch gilt. Der Vertrag des RWE-Chefs wurde nicht verlängert. Ende Juni muss er sein Amt an den Niederländer Peter Terium abgeben, der derzeit den 2009 von RWE übernommenen ehemaligen niederländischen Staatskonzern Essent leitet. Terium ist seit 2003 bei RWE und hat zuvor für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG gearbeitet. Gelohnt hat sich das Engagement innerhalb des Nabucco-Projektes in jedem Fall. Wichtig sei, so Großmann, dass sich RWE im Rahmen der Pipeline-Verhandlungen Explorationslizenzen in Aserbaidschan und Turkmenistan gesichert habe.

 

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