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Die Tonne Treibhausgas für zwei Pils

Um den atemlosen Preisverfall an den Strombörsen zu stoppen, will die EU den Emissionshandel korrigieren. Sie will Zertifikate schneller und umfangreicher aus dem System nehmen, um Klimaschutz wirtschaftlich attraktiver zu machen.

Von Nick Reimer

Die Ideen des Chicagoer Ökonomen Ronald Coase haben sich durchgesetzt. Wenn schon externe Kosten (hier: für die Nutzung der Atmosphäre als Müllkippe für Kohlendioxid) in den Wirtschaftskreislauf internalisiert werden müssen, dann sei das effizienteste Instrument dafür ein eigener Marktplatz.


Zweitgrößte Kohlendioxid-Quelle Deutschlands: Neun Braunkohle-Blöcke in Jänschwalde (Brandenburg). (Foto: Reimer)

So wurde der Emissionshandel geboren. Unternehmen müssen für jede Tonne ausgestoßenes Treibhausgas ein sogenanntes Zertifikat erwerben. Sparen sie Zertifikate ein – etwa weil sie klimaschonend produzieren – können sie das Zertifikat an der Börse in Leipzig oder aber der in London verkaufen. Klimaschutz als Handelsgegenstand.

Was aber, wenn der Preis für den Platz auf der Müllkippe in den Keller rauscht? Zum Schluss kostete eine Tonne Treibhausgas kaum mehr als zwei große Pils. Um die sieben Euro pendelte die Tonne in Leipzig an der Strombörse EEX. Von der EU-Kommission politisch gewünscht ist aber, dass der Preis für eine Tonne Kohlendioxid wenigstens 30 Euro beträgt. Der Emissionshandel, das Flagschiff des europäischen Klimaschutzinstumentariums, steckt in der Krise.

Dabei geht es auch um Einnahmen, die sowohl von den EU-Mitgliedsstaaten als auch der Kommission in ihre Politik eingerechnet wurden. So hat Deutschland durch den drastischen Preisverfall bei den Emissionszertifikaten deutliche Abstriche von den eingeplanten 10,5 Milliarden Euro zu befürchten. Die Einnahmen sollen in den Energie- und Klimafonds fließen und unter anderem Maßnahmen zur energetischen Gebäudesanierung und zur Verbesserung der Energieeffizienz fördern, ebenso Energiespeicher- und Netz-Technologien. Auch energieintensive Unternehmen sollen ab 2013 jährlich 500 Millionen Euro "zum Ausgleich von emissionshandelsbedingten Strompreiserhöhungen" erhalten. 

Beschluss: Für 2012 gibts 1,4 Milliarden Zertifikate weniger

Nun hat der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments den Weg für eine künstliche Verknappung frei gemacht. Die Zahl der Zertifikate soll im kommenden Jahr um 1,4 Milliarden reduziert werden. Notwendig ist dafür eine Überarbeitung der Emissionshandelsrichtlinie. Der Ausschuss beschloss zudem eine schärfere Degression des sogenannten Deckels – im Emissionshandels-Deutsch "Cap". Die Politik kürzt diesen erlaubten Deckel jährlich, das heißt sie verknappt die Zertifikate.

Bislang gehorcht diese Verknappung dem Kürzungsfaktor 0,0174. Jedes Jahr werden also 1,74 Prozent weniger Verschmutzungsrechte in Umlauf gebracht. Nun will der Umweltausschuss jenen Fehler korrigeren, der seit Jahren das System erkranken ließ. Es gibt zu viele Zertifikate und das Tempo der Verknappung reicht nicht aus, um Preissignale und damit Investitionen zu generieren. Deshalb soll dieser lineare Kürzungsfaktor ab 2014 auf 2,25 Prozent steigen.

Der Effekt an den Strombörsen war enorm. Als Reaktion auf den Beschluss kletterte der Preis für eine Tonne Treibhausgas bis Redaktionsschluss um 32 Prozent auf 9,75 Euro. Experten beziffern die Menge, die mit dem neuen Verknappungspfad eingespart werden kann, auf 8,5 Milliarden Tonnen bis 2050 – und zwar nur durch die angeschlossenen Industrie-Anlagen. In Deutschland sind etwa 2.000 davon betroffen. Aber dieser halbe Prozentpunkt Kürzungstempo würde ein knappes Drittel dessen einsparen helfen, was die Welt derzeit jährlich ausstößt.


Größte deutsche Kohlendioxid-Quelle: Der Braunkohlekraftwerkskomplex Niederaußem. (Foto: Stodtmeister/Wikimedia Commons)

Noch aber ist nichts in trockenen Tüchern. Emmanuel Fages, Analyst einer der wichtigsten Geschäftsbanken Frankreichs, der Société Générale, erklärte dem Spezialdienst Environment Finance: "Das ist noch früh in der Gesetzgebung." Allerdings stellte er angesichts des starken Kursgewinns auch fest, "dass der Markt den Plänen eine große Erfolgs-Wahrscheinlichkeit zuschreibt".

Zudem spricht dafür, dass die mächtigen Lobbys der Energiewirtschaft ausnahmsweise einmal für Klimaschutz sind. Denn wenn die Zertifikatspreise so niedrig bleiben, gibt es für sie keinen Anreiz, in Treibhausgas-sparende Technologien zu investieren. Ende Januar berät nun der Industrieausschuss.

[Erklärung]  
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