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Ein grünes Gewissen für Gaskunden ist teuer

Seit gut zehn Jahren können klimabewusste Verbraucher Ökostrom beziehen. Neuerdings gibt es auch bei Gas grüne Angebote. Aber was genau steckt dahinter? Und wie ökologisch kann Biogas überhaupt sein, wenn die Rohstoffe aus Massentierhaltung oder gar Gentechnik stammen? Ein Wegweiser

VON HANNO BÖCK

Drei Jahre ist es bereits her, dass Deutschlands größter Ökostrom-Anbieter Lichtblick auch Biogas in sein Angebot aufnahm. Doch bei einigen Umweltschützern kam das gar nicht gut an: In den landwirtschaftlichen Betrieben, von denen Lichtblick ihre Rohstoffe bezieht, gehe es wenig ökologisch zu, so der Vorwurf. Als Biogas-Kunde finanziere man indirekt umstrittene Anlagen zur Massentierhaltung, die von lokalen Umweltinitiativen seit Jahren gekämpft würden.

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Eine Biogas-Anlage in Lübeck. (Foto: Alex Marshall/Wikipedia)

Schnell war klar: Der Hamburger Marktführer für grüne Energie hatte sich in ein Minenfeld begeben. Denn rund um Biogas tobt eine Debatte, die in ähnlicher Form auch bei Agrosprit oder dem Einsatz von Palmöl in Blockheizkraftwerken geführt wird: Die Umwelt- und Klimabilanz jeder Energiegewinnung aus Biomasse hängt stark von den Bedingungen ab, unter denen die Biomasse produziert wurde.

Das sogenannte Biogas wird - im Abgrenzung zum Erdgas aus fossilen Lagerstätten - aus Biomasse gewonnen, das können Gülle aus landwirtschaftlicher Tierhaltung sein, eigens angebauter Mais oder auch Bioabfälle aus Haushalten. Es entsteht durch Vergärung und ist eine Mischung aus Methan, Kohlendioxid und zahlreichen Spurengasen wie Stickstoff, Schwefelwasserstoff und Ammoniak. Sein Brennwert ist deshalb deutlich niedriger als der von Erdgas.

Biogas-Angebote für Endkunden enthalten oft nur fünf Prozent Biogas

Anfangs wurde Biogas vor allem zur Stromerzeugung genutzt - es wurde direkt an den Biogasanlagen verbrannt und die Elektrizität ins Netz eingespeist. Viele Anlagenbetreiber, aber längst nicht alle, nutzten zudem die Abwärme, etwa zu Heizzwecken - aber auf dem platten Land gibt es häufig nicht genügend Verwendungsmöglichkeiten. Erst in den vergangenen Jahren wurden Verfahren entwickelt, Biogas so zu säubern und aufzubereiten, dass es ins allgemeine Erdgasnetz eingespeist werden kann. Dies ist aber noch relativ teuer, und die verfügbaren Mengen sind vergleichsweise klein. Die meisten Biogas-Angebote für Endkunden enthalten deshalb nur einen geringen Anteil des eigentlichen Biogases - Lichtblick etwa bietet eine Mischung von fünf Prozent Bio- und 95 Prozent konventionellem Erdgas.

Und naürlich erhalten die Kunden nicht wirklich das Biogas, das Lichtblick produzieren lässt. Dieses wird fernab vom Abnehmer ins allgemeine Netz eingespeist - beim Kunden in der Wohnung kommt ganz anderes Gas. Ähnlich wie beim Ökostrom bezahlt der umweltbewusste Verbraucher nur dafür, dass irgendwo ins Netz soviel alternative Energie eingespeist wird, wie er im Laufe des Jahres verbraucht.

Sind Biogas-Anlagen mitschuldig an der Massentierhaltung?

Als Lichtblick im Jahr 2007 das erste derartige Angebot startete, war der Hauptlieferant eine Biogasanlage im brandenburgischen Jüterbog. Diese bezog ihre Gülle aus einer nahegelegenen Schweinemastanlage, der verwendete Mais stammte zu großen Teilen aus Monokulturen. Diese Anbauweise erfordert einen besonders hohen Einsatz von Kunstdüngern und Pestiziden – was alles andere als klimafreundlich ist, denn die Herstellung ist energieintensiv, und bei der Ausbringung entsteht Lachgas, ein hochaktives Treibhausgas.

Lichtblick hat auf die Kritik inzwischen reagiert und die Zusammenarbeit mit der Anlage in Jüterbog aufgegeben. Auf Anfrage teilte Lichtblick mit, dass man momentan vor allem mit einer Biogasanlage in Niederndodeleben (Sachsen-Anhalt) zusammenarbeite. Weiteres Gas werde zugekauft, ähnlich wie bei Strom von der Strombörse sei die genaue Herkunft damit nicht mehr ermittelbar. Für den Lichtblick-Kunden bleibt also teilweise intransparent, unter welchen Bedingungen "sein" Biogas erzeugt wird.

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So stellt sich der Städter ein Rinderleben vor. Aber Biogas kommt meist aus Massentierhaltung - ohne Weiden (Foto: Darkone/Wikipedia)

Harte Ökokriterien für die Herkunft von Biomasse gibt es bisher nicht, jedoch betont Firmensprecher Ralph Kampwirth, dass man zumindest den Einsatz von gentechnisch veränderten Maispflanzen "sicher ausschließen" könne. Diffiziler ist die Lage bei der Gülle. Lichtblick argumentiert, man verwende lediglich Abfallstoffe, die ansonsten ungenutzt auf Äckern landen würden. "Um es mal zuzuspitzen: Kein Schwein wird wegen der Gülle gehalten", so Kampwirth.

Nach Ansicht von Lichtblick ist also die Fleischnachfrage Ursache der fragwürdigeb Massentierhaltung, nicht die Nutzung in Biogasanlagen. Kritiker halten dagegen, dass durch die Biogas-Erzeugung Geld an die Mastbetriebe fließe, zudem sei die Güllenutzung in Biogasanlagen inzwischen teilweise Genehmigungsvoraussetzung für Massentierhaltungsbetriebe. Im Klartext: Ohne Gülle-Abnehmer dürften sie nicht betrieben werden.

"Echtes" Biogas bietet bisher nur die Düsseldorfer Naturstrom AG

Im vergangenen Sommer sind auch die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) ins Gasgeschäft eingestiegen. Die Schwarzwälder, die in den 90-er Jahren erfolgreich die Übernahme des lokalen Stromnetzes mit mehreren Bürgerentscheiden durchgesetzt hatten, nahmen die Gelegenheit wahr, auch das lokale Erdgasnetz zu übernehmen. Auch im restlichen Baden-Württemberg bieten die EWS nun Gas für Endkunden an - allerdings bislang noch konventionelles Erdgas. Durch Aufschlag eines sogenannten "Sonnencent" (0,01 Cent/kWh bis 0,1 Cent/kWh, je nach Tarif) werde zumindest der Ausbau von erneuerbaren Energien gefördert. Langfristig, heißt es in Schönau, wolle man über Biogas nachdenken; angesichts der Kritik am Konkurrenten Lichtblick erscheint die Zurückhaltung nur verständlich. Für umweltbewußte Gas-Kunden könnte ein Wechsel zur EWS dennoch attraktiv sein – geht es doch langfristig auch darum, bestehende Strukturen auf dem Energiemarkt aufzubrechen und neuen, ökologisch orientierten Konkurrenten der großen Konzerne eine Chance zu geben.

Ein rundum ökologisches Angebot versucht seit einigen Wochen die Düsseldorfer Naturstrom AG: Zur Wahl stehen drei verschiedene Tarifen – zehn Prozent Biogas (6,25 Cent / kWh), 20 Prozent (7,00 Cent / kWh) oder gar hundert Prozent (12,95 Cent/kWh), hinzu kommt jeweils ein monatlicher Grundpreis von 8,95 Euro. Einzig hier können Privatkunden also eine Vollversorgung mit Biogas ordern. Zugleich verspricht Naturstrom sehr ambitionierte Öko-Kriterien: Die Nutzung von Gülle aus Massentierhaltung sei ausgeschlossen, ebenso der Einsatz jeglicher Biomasse aus gentechnisch veränderten Pflanzen.

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Biogas im Kleinen. (Foto: Florian Gerlach/Wikipedia)

Der vierte unabhängige und bundesweite Ökostromanbieter, Greenpeace Energy, hält sich bislang zurück. Man beobachte die Marktsituation, heißt es dort, doch momentan sei es unmöglich, genügend ökologisch erzeugtes Biogas zu bekommen. Einige konventionelle Gasanbieter hingegen bieten bereits "Ökotarife" an, beispielsweise die Berliner Gasag (eine Tochter von Eon, Vattenfall und GDF Suez) mit einem zehnprozentigen Biogas-Anteil. Die EnBW kündigte kürzlich ebenfalls Biogas-Angebote an, darunter auch eines mit hundert Prozent. Doch wie bei Ökostrom raten Umweltschützer, von grünen Angeboten der Atom- und Kohlekonzerne die Finger zu lassen - denn letztlich würden damit nur "alte" Anbieter gestärkt, und möglicherweise würden die Gewinne aus dem Öko-Angebot später für wenig umweltfreundliche Investitionen in neue Kohle- und Atomkraftwerke verwendet.

Und was kostet nun der Wechsel zu einem klimaschonenderen Gasanbieter? Die verschiedenen Tarife sind ziemlich komplex und schwer vergleichbar. Bei einem Jahresverbrauch von 5000 Kilowattstunden (etwa ein Ein-Personen-Haushalt mit Heizung und Warmwasser) kostet das EWS-Angebot (reines Erdgas) 384 Euro, das von Lichtblick (fünf Prozent Biogas) 408 Euro. Bei Naturstrom werden 419 Euro für zehnprozentiges Biogas fällig, 457 Euro für zwanzig Prozent und 754 Euro für hundert Prozent. Bei einem konventionellen Anbieter liegen die Preise übrigens zwischen 350 und 400 Euro.

Zumindest die Angebote mit geringem Bio-Anteil bewegen sich also preislich im üblichen Rahmen - ein wirklich reines Öko-Gewissen, wie man es bei Naturstrom bekommen kann, hat dagegen seinen Preis.

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