Bezahlte Schneemänner demonstrieren
300 Tonnen Kunstschnee, 500.000 Euro und ein riesiger Stab an bezahlten Mitarbeitern: Der hessischer Stromanbieter Entega hat nach Berlin zur Schneemann-Demo geladen. Hinter dem "Protest gegen die Erderwärmung" steckt in Wahrheit geschickte Firmen-PR
Aus Berlin NICK REIMER
"Kommt herein und baut Schneemänner", steht auf dem Plakat, dass zwei riesige Schneemänner gegenüber des Berliner Doms in ihren Schneemannshänden halten. Tatsächlich tummeln sich auf dem weißen Feld hunderte Schneemänner - kleine, dicke, große, lustige, traurige. Hostessen lächeln und verteilen Broschüren: "Große Schneemann-Demo gegen Klimaerwärmung", steht auf der ersten Seite, 33 Seiten später heißt es: "ermöglicht von entega".

Entega ist ein hessischer Stromanbieter, der einerseits der HEAG Südhessische Energie AG (HSE) und andererseits der Stadtwerke Mainz gehört. Äh, Moment: Waren die Stadwerke Mainz nicht die, die jahrelang ganz unbedingt ein Kohlekraftwerk auf den Ingelheimer Aue bauen wollten? Mit einer Leistung von 823 Megawatt Kohle verbrennen, um den Schneemännern den Garaus zu machen?
"Die Stadwerke sind ja aus dem Projekt ausgestiegen", erklärt eine Sprecherin der Kommunikations-Agentur J + K, die sich den lukrativen Schneemann-Job im Berliner Zentrum sichern konnte. Entega sei außerdem nur eine Tochter. Die Sprecherin: "Und ich kann ja als Tochter auch nichts dafür, wenn sich - sagen wir mal - der Onkel daneben benimmt".
Richtig ist: Der Bau des Mainzer Kohlekraftwerkes wurde bereits im Mai 2009 begonnen, stockte jedoch wegen laufender Verfahren. HSE und Entega hatten einen Stromabnahmevertrag für das Projekt gekündigt. Schließlich war es zu Finanzierungsschwierigkeiten gekommen, die dann das Aus für das Wunschprojekt der Stadtwerke Mainz bedeutete.

Lebende Schneemänner gab es auch eine ganze Menge auf der Schneemann-Demo von Entega. Vorstand Holger Mayer (links) wird sich bei Minus 10 Grad geärgert haben, nicht in so einem warmen Kostüm (rechts) gesteckt zu haben.
"Wir fanden die Idee des Künstlers Ralf Schmerberg überzeugend", sagt Holger Mayer, Vorstand des Stromhändlers Entega. Mayer meint die Schneemänner, nicht das Kohlekraftwerk. Schmerberg ist Filmemacher, der früher Werbespots gedreht hat, dann eine Dokumentation über die Proteste in Heiligendamm und so irgendwie das Klimathema für sich entdeckte.
Entega muss die Idee ziemlich gut gefunden haben: Drei Jahre lang bezahlt der Stromhändler Schmerberg für solche Aktionen. "Alles in allem kostet uns das wohl 500.000 Euro", erklärt Mayer gegenüber wir-klimaretter.de. Das macht natürlich hellhörig: Ein Stromhändler gibt eine halbe Million Euro, um Schneemänner zu bauen?
Auf einer Infotafel ist zu lesen: "Wir waren Teil des Problems, jetzt wollen wir Teil der Lösung sein." Entega arbeite deshalb an der nächsten Generation der Energieversorgung. Ökostrom, eben. Dabei produziert Entega gar keinen eigenen Strom, sondern handelt nur damit: 760.000 Kunden werden versorgt, nach Firmenangaben beziehen etwa die Hälfte der Kunden fossile Energie, die andere Hälfte Ökostrom. Und es sollen möglichst mehr Kunden werden: Entega möchte den Berliner Markt erobern und die Marke soll dabei möglichst von Anfang an mit dem Label "Ökostrom" verbunden sein.

Kamerafahrt am Rande: Die Firmen-PR braucht schließlich die Bilder, um sie später gewinnbringend ausschlachten zu können. Und die Damen und Herren mit den roten T-Shirts stehen mit Rat und Broschüre gern bereit.
"Wir lassen die Schneemänner hier stehen, solange bis sie in der Sonne tauen", ruft Schmerberg den Schaulustigen zu. Als Zeichen. Als politische Botschaft. Als Protest gegen die Erderwärmung, wie es Schmerberg nennt. "Hier an diesem wunderschönen Platz, an dem eigentlich kein Schloss wieder aufgebaut werden sollte", ruft der Künstler über Megafon. "Denn wenn es Raum in der Stadt gibt, sollte man den nicht gleich wieder zubauen".
Für Nichtberliner sei erklärt: Dort, wo die Schneeköppe stehen, stand früher der Palast der Republik der sozialistischen Betonköppe. Und nach dem Fall der DDR beschlossen dann die Demokraten, diesen Tempel der Arbeiter- und-Bauern-Herrschaft zu schleifen - um den Tempel der preußischen Königs-Herrschaft wieder auferstehen zu lassen.

Aber zurück zu den Schneemännern, um die es ja eigentlich geht. Oder vielleicht doch nicht? "Kunstaktion, Demonstration oder PR - ist doch scheißegal", hat Schmerberg den Kollegen von der taz erklärt. Wichtig sei die Botschaft.
Die war gleich wie nochmal? Na: Protest! Gegen die Erderwärmung! Angaangaq Angakkorsuaq, Ältester der Grönland-Inuit und Umweltbotschafter der Vereinten Nationen, wurde eingeflogen, um dem Berliner Schneefeld die richtige Spiritualität zu verpassen. Mit kehligem Gesang überzieht er die Schneemann-Demo mit melodiöser Kunst.
Kunst ist auch der Schnee: 300 Tonnen Kunstschnee hat der Veranstalter rankarren lassen, um die Schneemänner demonstrieren zu lassen. Das dabei Kohlendioxid frei wird, haben die Veranstalter natürlich im Blick: Das soll über ein Wiederaufforstungsprogramm in Kanada wieder eingespart werden.

Die "Demonstranten" vor dem Berliner Dom
Aber bei minus 10 Grad hat an diesem Sonntag kaum ein in die Berliner Mitte Gekommener Lust, selbst Hand an zu legen und Schneemänner zu formen. Das machen dafür die vielen bezahlten Stuards. Die Plakate zwischen den Schneemännern formulieren den Dreiklang: Klimakatastrophe - Eigenverantwortung - Stromanbieterwechsel. Und bei den freundlichen Hostessen lässt sich sicherlich ein Wechselformular auftreiben.
Die PR-Aktion ist übrigens nicht die erste, bei der ein Stromkonzern den Protest gegen die Erderwärmung für sich nutzt. Vattenfall hatte vor Jahresfrist Klimaunterschriften gesammelt. Und dabei sehr genau bei den Klimaschützern hingeguckt: Vattenfall heuerte ebenfalls Stuards und Stuartessen an und ging auf die Straße.
Der Trend kommt aus den USA: Werbeaktionen nutzen das Image der Graswurzelbewegung, was man dann "Astroturfing" nennt. Das kommt von "Kunstrasen". Oder eben von "Kunstschnee".

Fotos: Reimer
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