Umweltleistungen: Was kostet die Welt?
Während der Kapitalstock der Wirtschaft wächst, nimmt der Kapitalstock der Natur ab. Bislang fällt das kaum weiter auf, schließlich wird der Wert der so genannten "Umweltleistungen" nicht gemessen. Eine Buchhaltung für Ökosysteme soll das ändern
Aus Bangkok CHRISTIAN MIHATSCH
Normalerweise kümmern sich Politiker vor allem um die Mehrung des Privatbesitzes ihrer Wähler. Sie versuchen das Bruttoinlandprodukt zu steigern, also den Kuchen an Gütern und Dienstleistungen den die verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft anschliessend untereinander aufteilen. In letzter Zeit waren aber vermehrt öffentliche Güter im Mittelpunkt des Interesses. Das Paradebeispiel ist das Klima, zu dessen Rettung gerade eine mässig erfolgreiche Grosskonferenz abgehalten wurde. Aber auch beim letzjährigen Wirtschaftsnobelpreis geht es ums Gemeinwohl: Als erste Frau erhielt Elinor Ostrom den Preis für ihre Arbeiten zum Allmendmanagement. Und schliesslich zielt auch das diesjährige Jahr der Biodiversität auf den Schutz eines Gemeinguts ab.

Das zunehmende Interesse an den (Umwelt-) Gemeingütern ist dabei kein Zufall. Durch die wachsende Weltbevölkerung und den steigenden Wohlstand in vielen Ländern nimmt die Belastung der Umwelt zu. Dadurch werden Umweltleistungen gefährdet, etwa die Fischbestände in den Weltmeeren. Das Millenium Ecosystem Assessment unterscheidet zwischen vier Typen von Umweltleistungen: Versorgungsleistungen wie Nahrung, Wasser, Holz, Regulierungsleistungen wie Klima, Schutz vor Überschwemmungen oder Wasserqualität, Kulturleistungen wie Schönheit der Natur und Freizeitnutzung und Unterstützungsleistungen wie Photosynthese oder der die Entstehung von Mutterboden.
All diese Leistungen stellt uns unsere Umwelt zur Verfügung - kostenlos. Doch der Wert dieser Leistungen wird kaum je gemessen und fliesst auch nicht in das Bruttoinlandprodukt ein. Es handelt sich um öffentliche Güter. Und so kommt es zum "Fluch der Allmend", der Übernutzung. Statt nur die Gewinne abzuschöpfen, leben wir von der Substanz. Der erste Schritt hin zu einem besseren Management der Umweltressourcen ist denn auch die Messung und Bewertung der Umweltleistungen. Und genau dies tut eine Studie, "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" kurz TEEB. Die Resultate sind erschreckend. Allein durch die Abholzung der Wälder entsteht Jahr für Jahr ein Verlust von zwei bis fünf Billionen Dollar (5.000.000.000.000 Dollar).

Damit dem nicht so bleibt, empfiehlt TEEB den Politikern der Welt fünf Massnahmen:
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Bezahlung von Umweltleistungen: Während die Profite der Abholzung in die Taschen einiger weniger Holzproduzenten und Farmer fliessen, trägt die gesamte Menschheit den Schaden in Form des Klimawandels. Die Verluste übersteigen dabei die Gewinne um ein Vielfaches. Dennoch haben die Menschen vor Ort oft keinen Anreiz ihre Umwelt zu schützen. Hier können Direktzahlungen, sogenannte Payments for Ecosystems Services , Abhilfe schaffen: Die Brasilianer und Indonesier werden dafür bezahlt, den Wald stehen zu lassen. Der globale Nutzen zahlt sich so auch für die direkt Betroffenen aus.
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Abbau von umweltschädlichen Subventionen: Die weltweiten Subventionen für Landwirtschaft, Fischerei, Transport und Energie belaufen sich auf eine Billion pro Jahr. Ein Drittel davon geht allein für die Verbilligung von Öl, Gas und Kohle drauf. Der Raubbau an der Natur wird also noch finanziell gefördert.
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Regulierung und Preise: Dank dem europäischen Emissionshandelsystem haben CO2-Emissionen einen Preis. Ein ähnlicher Ansatz bewährt sich in den USA auch zum Schutz von Mooren. Oft sind aber auch staatliche Vorschriften der ökonomisch und ökologisch beste Ansatz, wie etwa das Verbot herkömmlicher Glühbirnen.
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Ausweisung von Schutzgebieten: 13,9 Prozent der Landfläche, 5,9 Prozent der Küstengewässer und 0,5 Prozent der Hochsee sind geschützt, Das ist zuwenig. TEEB empfiehlt 15 Prozent der Landfläche und grosse Teile der Weltmeere unter Schutz zu stellen. Die Teilnehmer des 9. World Wilderness Kongresses gehen sogar noch weiter: Sie verlangen, dass die Hälfte der Welt unter Schutz gestellt wird.
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Investitionen in Umweltinfrastrukturen: Oft sind Investitionen in Umweltinfrastrukturen sehr viel lukrativer als der Versuch Umweltleistungen technisch zu ersetzen. So kostete in New York die Einrichtung eines Wasserschutzgebiets 1,5 Milliarden Dollar, während der Bau einer Wasseraufbereitungsanlage sechs bis acht Milliarden gekostet hätte.
Aber selbst wenn sich die Länder der Welt nun konsequent an die Umsetzung dieser Vorschläge machen würden, bleibt das Dilemma der öffentlichen Güter: Ihre Nutzung hat oft keinen Preis und sie werden daher nach und nach zerstört. Langfristig am wirkungsvollsten dürften so Initiativen sein, die das Bruttoinlandprodukt um soziale und ökologische Indikatoren erweitern. Die EU versucht derzeit im Rahmen der „Beyond GDP“ (Über das BIP Hinaus) Initiative solche Indikatoren zu entwickeln. Denn erst wenn die Menschen merken, dass sie trotz BIP Wachstum in Wahrheit ärmer geworden sind, werden sie ihre Politiker auch in die Pflicht nehmen können. Und dadurch, so die Hoffnung, bekommen die öffentlichen Güter die Aufmerksamkeit die sie verdienen.
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