Licht aus! Notwehr gegen Neon-Reklame
In Frankreich ist es unter umweltbewussten Jugendlichen ein beliebter Sport: Das Abschalten aufdringlicher und energieverschwendender Leuchtreklamen. Kommenden Samstag steigt erstmals eine gemeinsame Aktion. In 24 Städten sollen gleichzeitig Lichter ausgehen
Aus Brüssel FELIX WERDERMANN
Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Clowns: Die zwei jungen Männer tragen Perücken in grün und orange, dazu bunte Westen. Auf den zweiten Blick sehen sie aus wie Einbrecher: Per Räuberleiter versuchen sie, eine Häuserwand zu erklimmen. Erst auf den dritten Blick erkennt man, dass sie etwas abschalten wollen: Den Arm gestreckt, ein Handgriff genügt, und das Licht ist aus.

Zu sehen ist diese Szene auf einem Video aus der Anfangszeit eines Sports, der unter französischen Jugendlichen zum Trend geworden ist: Das Ausknipsen aufdringlicher Leuchtwerbung aus Neon-Röhren. Die nächtlichen Aktionen sind vor allem ein Zeichen: gegen die Energieverschwendung, gegen die Lichtverschmutzung, gegen den Werbe-Terror. Legal, gewaltfrei und ganz simpel – das macht den Charme aus.
Im Sommer 2007 begann der sogenannte "Clan du Néon" in Paris, an Geschäften die leuchtende Reklame auszuknipsen. Im ganzen Land fanden sich Nachahmer, inzwischen sind auf der Website des "Clan du Néon" 13 lokale Gruppen aufgelistet. Aber auch in Luxemburg und Belgien wurden schon in einigen Städten die Werbelampen abgeschaltet.

Bislang waren dies isolierte Aktionen, doch am kommenden Samstag soll sich das ändern: In 24 verschiedenen Städten soll es gleichzeitig dunkel werden, unter anderem in Paris, Lyon und Toulouse. Aber auch in Brüssel haben sich Aktivisten zum nächtlichen Spaziergang verabredet – insgesamt haben rund 600 Personen über das Online-Netzwerk Facebook ihr Kommen zugesagt. Per Mailverteiler wird zudem mit einer "großen Neon-Feier am Samstag" geworben.
Nichts leichter, als das Licht auszuschalten
Die junge Protestgeneration nutzt das Internet aber nicht nur zur Mobilisierung: Nach der gemeinsamen Aktion sollen selbstgemachten Videos im Netz zu sehen sein, vorherige Aktionen sind bereits bei YouTube dokumentiert. Dort sieht man auch, wie einfach die Aktion ist: Meist ist direkt neben den Werbe-Leuchten ein Schalter angebracht, für Wartungsfirmen etwa. Um ihn zu erreichen gibt es verschiedene Methoden: Manche Aktivisten nehmen Anlauf und springen in die Höhe, andere klettern lieber nach oben, mit einer Leiter oder direkt an der Fassade. Und wer es bequem mag, nimmt einfach einen langen Stab und knipst das Licht aus.

Juristisch haben die Umweltschützer nicht viel zu befürchten: Die Besitzer der Geschäfte können am nächsten Morgen den Schalter wieder umlegen, ein dauerhafter Schaden entsteht nicht. Und mögliche Umsatzeinbußen, weil potenzielle Kunden verlorengehen, sind schwer nachzuweisen. Auch für den Einsatz am Sonnabend wird mit den Worten geworben: "Diese Aktion ist zu 100 Prozent legal!"
Bestraft worden sei bislang noch niemand, heißt es auf der Website des Clan du Néon. "Das größte Risiko ist vielleicht den Fußknöchel zu verstauchen oder sich die Hand aufzuscheuern." Das Schlimmste, was bisher passierte: Eine Gruppe wurde für zwei Stunden mit aufs Polizeirevier genommen.
Eine "sehr schöne Sache"
Trotzdem wollen viele Aktivisten lieber anonym bleiben und tarnen sich mit Sonnenbrillen und Perücken, auf der Website gibt es gar eine Art Dresscode. Andere Mitglieder des "Clans" laufen unverkleidet durch die Straßen und lassen ihr Gesicht sogar auf den Videos erkennen. Namen aber finden sich nirgends – weil keine Einzelpersonen herausgestellt werden sollen, so die offizielle Begründung.

Viele Umweltverbände und Privatpersonen zeigen ihre Sympathie offen. Freizeit-Astronomen etwa freuen sich sehr darüber, dass sie bei ihrem Hobby durch weniger künstliches Licht gestört werden. Selbst der französische Umweltminister spricht von einer "sehr schönen Sache".
Der Groll über ausgeschaltete Neon-Röhren bei betroffenen Geschäftsleuten dürfte sich ohnehin in Grenzen halten, schließlich werden dadurch auch Kosten gespart. Ein Meter Neon-Röhre verbraucht durchschnittlich etwa 50 Watt, rechnen die Umweltaktivisten vor. Mehrere hundert Euro pro Jahr ließen sich bei Verzicht auf das nächtliche Lichtspiel einsparen. Geöffnete Geschäfte aber, Kneipen oder auch alle Apotheken, so der Kodex des Clan du Néon, werden verschont.
(Fotos: Clan du Néon)
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