Umwelt-Medienpreis 2008 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Nach Kopenhagen: "Widerstand wird Pflicht"

Darüber, dass die Klimakonferenz in Kopenhagen ein Desaster war, ist sich die Klimabewegung einig. Doch in Feierlaune sind selbst Gegner des UN-Gipfels nicht. Aktivisten räumen jetzt ein, dass es der Klima-Protestszene noch an Schlagkraft und Entschlossenheit mangelt. Nun sind neue Strategien gefragt

Aus Berlin SUSANNE GÖTZE

Überrascht hat die historische Niederlage des Klimagipfels in Kopenhagen eigentlich niemanden. In der Protestszene wurden schon früh Zweifel laut ob eines befriedigenden Ergebnisses. „Die Staats- und Regierungschefs haben sich selbst delegitimiert – da brauchten wir gar nichts mehr machen“, meint Tadzio Müller, Aktivist des Climate Justice Networks.

startbanner-kl_chr
100.000 demonstrierten in Kopenhagen für mehr Klimagerechtigkeit

Doch trotz Großdemo, Alternativgipfel und zivilem Ungehorsam hat es auch die Klimabewegung in Kopenhagen nicht zu großem Ruhm gebracht. Wenige Wochen nach dem Gipfel fragen sich die Aktivisten nun: Wie weiter nach Kopenhagen? „Auf den Strassen in Kopenhagen wurde eine neue Bewegung geboren, aber sie musst erst noch laufen lernen“, meinte Chris Methmann von Attac auf der Veranstaltung „Wie weiter nach dem Gipfel“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Die junge Protestszene sei noch unkoordiniert, chaotisch und kleinteilig. „Wir müssen besser klar machen, wer die Verantwortlichen für die Klimakrise sind und wofür wir eintreten“, meint der Attaci. Das heißt für die Aktivisten Methmann und Müller erst einmal: Bündnisse schmieden, Ziele definieren und gemeinsame Forderungen aufstellen.

Polarisierung des Protests: Auf Kuschelkurs oder Anti-COP?

Doch Gemeinsamkeiten finden, ist ein Kernproblem der Klimabewegung. Da gibt es einmal die Fraktion der linksradikalen Kräfte, die sich pauschal gegen die UN-Klimaverhandlungen stellt. Sie glauben erstens nicht, dass es jemals zu einem befriedigendem Ergebnis kommt und sprechen zweitens der COP die Legitimation ab, Entscheidungen zu fällen. Sie fordern einen anderen Diskurs unter antikapitalistischen Vorzeichen. Zeitverschwendung also, sich überhaupt mit der UN abzugeben. „Selbst wenn wir immer wieder betonen, dass wir ein ehrgeiziges Abkommen haben wollen: Wir wissen doch, dass es nie eins geben wird – egal wie viele COPs es noch geben wird“, meint Climate-Justice-Action Aktivist Müller, der in Kopenhagen verhaftet wurde.

Im Gegensatz dazu hätten sich eine Reihe von NGOs auf einen „Kuschelkurs“ mit den Delegationen eingelassen, meint Umweltexperte Methmann - und mit netten Aktionen um ein „faires und ambitioniertes Abkommen“ gebettelt. Doch für viele dieser zivilgesellschaftlichen Organisationen kam dann die Enttäuschung: Zu Beginn des High-Level-Segmentes wurden die NGO-Vertreter mehrheitlich nicht mehr ins Verhandlungszentrum gelassen, obwohl sie eine Akkreditierung besaßen. Viele Stände blieben deshalb in den letzten Tagen unbesetzt – ihr Stimme war nicht erwünscht.

auswahl_tumult5-kl_chr
Protest im Verhandlungszentrum: In der zweiten Woche war das unerwünscht

Dass es auch auf der COP 16 und 17 nicht viel anders wird, als in Kopenhagen, sehen sogar liberalere Kräfte wie Jürgen Maier vom Forum Umwelt & Entwicklung so. „Das UN-Prozedere beruht nun mal auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner“, so Maier, der bei allen 15 Klimaverhandlungen dabei war. Er vertritt die gemäßigtere Sichtweise von Umwelt-NGOs, die sich trotz oder gerade wegen der Gipfelpleite für einen „globale kohlenstoffarme Strukturwende“ einsetzen. Wenn es international nicht gehe, müsse eben parallel dazu auf nationaler Ebene gestritten werden: Beispielsweise mit einer Stärkung der Erneuerbaren und der Verhinderung von Kohlekraftwerken.

"Gemeinsam sind wir stark"

Geht es nach Müller und dem aktionsorientierten, antikapitalistischen Teil der Bewegung muss es mehr zivilen Ungehorsam und „kollektive Regelverstöße“ geben, wie es Müller nennt. Denn da wo die etablierten Strukturen versagen und somit das Allgemeinwohl gefährden, sei Widerstand Pflicht. Doch auch er plädiert wie Methmann und Maier statt eines einseitigen „Gipfelhopings“ für mehr nationalen Protest. „Wir müssen in Deutschland verschiedene Akteure wie die Anti-Kohle Bewegung und die Atomkraftbewegung zusammenbringen – nur so werden wir wirklich groß und können etwas bewegen“, so Müller.

Die Klimaaktivisten wollen sich dieses Wochenende in Lüneburg treffen, um über ein weiteres Vorgehen zu beraten. Ein Programmpunkt ist „Auf nach Bonn und Mexiko - scheiß auf die COPs“. Es wird also auch bei kommenden UN-Treffen nicht an Protest fehlen – soviel steht fest.

(Fotos: Reimann)

 

 

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]
Dies könnte Sie auch interessieren:
Camp in rheinischem Braunkohlerevier
Camp in rheinischem Braunkohlerevier
Unweit der Abbruchkante des Braunkohletagebaus Garzweiler 2 veranstaltet die BUNDjugend ihr diesjähriges Klimacamp. Borschemich – nirgendwo in Deutschland wird mehr Kohlendioxid produziert. Im Oktober ist ein Aktionstag geplant.
Aus Borschemich Hanno Böck  [mehr...]
Protest vor Merkels Atom-Kungelrunde
Protest vor Merkels Atom-Kungelrunde
Merkel besucht auf ihrer Energiereise das Atomkraftwerk Lingen. Sie redet mit den Chefs von RWE und Eon, für die Umweltschützer vor dem Tor bleibt keine Zeit. Die lassen Luftballons aufsteigen, die eine radioaktive Wolke darstellen sollen. Schon am Morgen hatte Greenpeace einen Spruch auf den Kühlturm projiziert: "Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel!" Von Felix Werdermann  [mehr...]
Klimaaktivistin aus Haft entlassen
Klimaaktivistin aus Haft entlassen
Die Klimaaktivistin Franziska Wittig ist gerade aus der Haft entlassen worden. Ihr erstes Ziel ist der Rathausplatz von Bühl, wo Freunde und Unterstützer ein veganes Frühstücksbuffet aufgebaut haben. Vor zwei Jahren besetzte sie die Baustelle des Kohlekraftwerks in Hamburg-Moorburg und wurde dafür zu 15 Tagessätzen verurteilt. Sie zahlte nicht und ging stattdessen in das Gefängnis. Von Johanna Treblin  [mehr...]
Klimaprotest vor Gericht
Klimaprotest vor Gericht
Prozess gegen Klimaaktivisten in Kopenhagen: Gegen vier der 2.000 während des Klimagipfels weggesperrten  will die dänische Justiz nun offenbar ein Exempel statuieren. Aktivistennetzwerk  "Klimakollektivet" ruft zu Demonstration auf.
Aus Stockholm Reinhard Wolff  [mehr...]
Klimacamp vor Royal Bank of Scotland
Klimacamp vor Royal Bank of Scotland
Das britische Klimacamp hat seine Zelte vor dem Hauptquartier der Royal Bank of Scotland (RBS) in Edinburgh aufgeschlagen. Damit wollen die britischen Klimaretter gegen Investitionen der Royal Bank in Kohlekraftwerke und in den Abbau von Teersand protestieren. Unterstützung erhält auch der lokale Proteste gegen Kohletagebau.
Aus Edinburgh Hanno Böck  [mehr...]

Meinungen: Kommentar

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

tagebau-lausitz-470_boeck Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]

Werbung

Aus der Redaktion

Was, bitte, sollen denn diese Aufkleber?

germanyIm Redaktionsalltag gibt es immer wieder Themen und Texte, die uns besonders auffallen. Die brisanter sind als andere. Oder spannender. Oder bewegender. Mit bunten Aufklebern werden unsere Redakteurinnen und Redakteure (und gelegentlich auch Gäste) Sie künftig auf solche Texte hinweisen
Aktion des Monats

Raus aus der Tiefsee!

Seit drei Monaten sprudelt Öl aus der havarierten Bohrinsel von BP. Nehmen Sie an der Petition von Greenpeace teil, um neue Tiefseebohrungen zu verhindern! [mehr...]
Aktuelles Dossier 

Von Kopenhagen nach Cancun

Im August trifft sich die Weltklimadiplomatie zum dritten Mal in diesem Jahr um den nächsten großen Klimagipfel in Mexiko vorzubereiten. Mehr zur Bonner Konferenz hier  [mehr...]
herne_gp_ulrichbaatz_teas
Serie

Wie Klimakiller kippen

Reihenweise planten Stromkonzerne in Deutschland neue Kohlekraftwerke - doch rund ein Dutzend davon ist bereits verhindert worden. Gibt es Erfolgsrezepte für den Widerstand? [mehr...]
logo-afrika
Serie

Die Welt schaut nach Afrika

Der etwas andere Blick zur Fußball-WM: Klimaretter.info beleuchtet verschiedene Aspekte der Erderwärmung, die in Afrika sichtbar sind wie auf keinem zweiten Kontinent [mehr...]

Werbung

Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Mitte Juli haben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte[…] [mehr...]

Aktuelle Blogs

Klimaretter-Dossiers

Bonn III - Die Sommerkonferenz der Klimadiplomaten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
1. Klimakonferenz 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel Cochbamba - Kopenhagen von unten
Kopenhagen 2009 - Wie der Mega-Gipfel scheiterte
Bundestagswahl - Das Klima war nur Nebensache
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung?

Werbung


Ressorts

Politik

merkel-kabinett

Regierung beschließt Sparpaket

Kürzen, kürzen, kürzen - jetzt gibt es über das Wie und Wo einen Regierungsbeschluss. Vor allem die sozial Schwachen müssen Einschnitte verkraften. Mehreinnahmen will die Regierung aber auch durch das Streichen von umweltschädlichen Subventionen erreichen. Zudem wurde die Luftverkehrs-Steuer beschlossen. Nur die Brennelementesteuer bleibt weiter offen - und wird erst mit dem Energiekonzept verhandelt. Von Johanna Treblin
[mehr...]
Energie

strommasten-nick

Bürgernetz Nordhessen will kommunale Stromnetze

In Grebenstein hat sich die Bürgernetz Nordhessen KG gegründet. Die Firma strebt eine Rekommunalisierung der Energieversorgung an und bietet Bürgern die Möglichkeit finanzieller Beteiligung [mehr...]
Protest

facebook-datacenter

Greepeace fordert Öko-Facebook

Facebook richtet ein neues Rechenzentrum ein, welches mit Kohlestrom versorgt wird - Greenpeace und 280.000 andere Facebook-Mitglieder protestieren [mehr...]
Wirtschaft

agrosprit-madera-pacificethanol

Kalifornien unterstützt Agrotreibstoffe

Der US-Bundesstaat Kalifornien will die angeschlagene Agrospritfirma Pacific Ethanol mit mehreren Millionen Dollar unterstützen. Der Gründer ist politischer Verbündeter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger [mehr...]
Mobilität

landnahme-foe

Illegale Landnahme für Agrosprit

In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen [mehr...]
Forschung

Korallen-Konstanzestaud

Massives Korallensterben in Indonesien

Die dramatische Erwärmung der Oberflächentemperatur in den Gewässern um Indonesien hat für eine massive Korallenbleiche und das Absterben vieler Korallenriffe gesorgt   [mehr...]
Umwelt

wolken-indo

Millionenschäden durch Extremwetter in Hessen

Tornado auf Usedom, Tornado in Mittelhessen: An gleich zwei Orten in Deutschland wütete am Montagabend starker Sturm [mehr...]
Konsum

kuhlschrank_innen_sima

100 Euro für einen neuen Kühlschrank

Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar

tagebau-lausitz-470_boeck

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]
Standpunkte

atom-traktor-campact

Energiekonzept: Die Trickserei der schwarz-gelben Bundesregierung

Heute übergeben die Bietergemeinschaft Prognos, das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) und die Gesellschaft für Strukturforschung (GWS) der Bundesregierung die Energieszenarien, die als Grundlage für das angekündigte nationale Energiekonzept dienen sollen. Es geht nicht darum, den Umstieg in eine solare Zukunft aufzuzeigen, sondern die Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich zu machen, sagt Michael Müller, Staatssekretär a.D. und Mitherausgeber von klimaretter.info in seinem Standpunkt.
[mehr...]
Rezension

MKG_Klimakapseln_HausRucker_EnvironmentTransformer_cr
Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz geht, sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet heute die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
[mehr...]
Kolumnen

etscheid

Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Nur ein dünner Strahl warmes Wasser, Hände werden kalt gewaschen, die Dusche dauert zwei Minuten - beim Einseifen wird das Wasser ausgeschaltet. Der Morgenritus ist für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen nicht einfach. [mehr...]
Überraschung der Woche

Matthias-Willenbacher-klein-juwi

Erdgas, Merkels Gegenbewegung und Oliver Bierhoff

Kalenderwoche 34: Erdgas ist nicht Brückentechnologie, sondern eine Ergänzung des Strommixes auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren, sagt Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info. Und Oliver Bierhoffs Vater war im Vorstand von RWE – wie überraschend.
[mehr...]