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Himalaya-Gletscher bringen Klimarat in Bedrängnis

Neue Vorwürfe gegen den Weltklimarat: Der IPCC soll bei der Frage der Gletscher-Schmelze im Himalaya bei seinem jüngsten Sachstandsbericht von 2007 schlampig mit Quellen umgegangen sein. IPCC-Chef Rajendra Pachauri verspricht: "Wir werden das genau prüfen"

Von NICK REIMER

"Die Arbeit des Weltklimarates – das ist die beste Wissenschaft, die es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat." Diese Aussage stammt von Andreas Fischlin, Professor für Terrestrische Systemökologie in Zürich. Auf dem Weltklimagipfel auf Bali hätte der Schweizer einige Diplomaten am liebsten sprichwörtlich angesprungen - als Delegationsmitglied müsse er sich aber nun einmal an diplomatische Gepflogenheiten halten, so Fischlin seinerzeit. Hintergrund: Einer dieser besagten Diplomaten hatte im Gegenteil behauptet, es sei überhaupt nicht erwiesen, dass der Weltklimarat (Intergovernental Panel on Climate Chance - IPPC) die beste Wissenschaft abliefert.

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Tatsächlich ist seitdem immer wieder Kritik am Weltklimarat laut geworden. Erst Mitte November hatten Hacker den internen E-Mail Verkehr des britischen Professors und Direktor der britischen Climate Research Unit, Phil Jones, ausspioniert - und waren dabei auf die Forumlierung gestoßen, er habe einen "Trick" angewandt, um Daten zu verwerten. Dabei ging es um eine Erklärung der Temperaturempfindlichkeit von Baumringen. Jones' Arbeit war dann in den IPCC-Bericht eingeflossen, nicht allerdings jene zur Temperaturempfindlichkeit von Baumringen. Dennoch weideten Klimaskeptiker das genüsslich zur Schlussfolgerung aus: Der ganze Klimabericht sei erstunken und erlogen und die Temperaturen sinken weltweit.  

Nun ist eine peinliche Panne aufgetaucht: Der letzte IPCC-Bericht von 2007 warnt, dass die Himalaya-Gletscher mit hoher Wahrscheinlichkeit bis 2035 verschwunden sein werden. Die britische Sunday Times berichtete am gestrigen Sonntag, dass sich diese Aussage wissenschaftlich gar nicht belegen lasse, sondern lediglich auf einer Äußerung eines Wissenschaftlers in einem populärwissenschaftlichen Magazin basiere.

Demnach hat der britische Wissenschaftsjournalist Fred Pearce 1999 im Wochenmagazin New Scientist einen Beitrag zur Gletscherschmelze im Himalaya publiziert. Grundlage war ein Interview mit dem indischen Klimatologen Syed Hasnain. Die Studie des Klimatologen lege nahe, dass die Gletscher der Himalaya-Region bis 2035 verschwunden sein könnten, hieß es in diesem Text. Die Zahl 2035 habe der Forscher zwar genannt, sie beruhe jedoch nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern sei Hasnain zufolge nicht mehr als eine Spekulation, die im übrigen in keiner wissenschaftlichen Publikation vorkomme, erklärte Pearce jetzt.

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Der Artikel fand 2005 jedoch als Quelle Eingang in einen WWF-Bericht. Und über diesen einen Weg in den jüngsten Sachstandsbericht des IPCC von 2007, wo wiederum die WWF-Studie im Hinblick auf die Gletscher-Schmelze im Himalaya zitiert wird.

Indische Wissenschaftler hatten diese Passage des IPCC-Sachstandsberichtes bereits im vergangenen Jahr angegriffen: Richtig sei zwar, dass viele Gletscher seit 1960 kleiner geworden seien - andere dagegen aber gewachsen oder stabil geblieben. Nach ihren Untersuchungen sei der Zusammenhang zwischen dem Abschmelzen der Gletscher und dem Klimawandel nicht nachweisbar.

Andreas Fischlin, der eingangs zitierte Professor, hat selbst an diesem Sachstandsbericht 2007 mitgearbeitet. Seine Arbeitsweise als Arbeitsgruppenleiter beschrieb er auf Bali so: "In den letzten fünf Jahren habe ich 3.200 Forschungsberichte ausgewertet, 4.000 Komentare gelesen. 10.000 Kollegen haben allein in meinem überschaubaren Feld mitgearbeitet." Und deshalb kam Fischlin seinerzeit auch zu dem Urteil: "Es hat in der Menschheitsgeschichte nie eine umfassendere, bessere Wissenschaft gegeben, als die des IPPC."

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Die Vorwürfe gegen den Weltklimarat würden genau geprüft, hat IPCC-Chef Rajendra Pachauri am heutigen Montag gegenüber dem indischen Sender CNN-IBN gesagt. Pachauri hatte auf der Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 auch auf den Hackerangriff reagiert: Der Weltklimarat sei angesehen für seine "faire, neutrale und objektive Abwägung wissenschaftlicher Beweise", so Pachauri, und die Erderwärmung eindeutig: "Die Kosten des Klimawandels werden immer höher, je länger wir warten. Deshalb müssen wir jetzt handeln."

Daran wird auch eine falsch zitierte Quelle nichts ändern.

In anderen Teilen der Welt übrigens ist der Zusammenhang zwischen Erderwärmung und Gletscherschwund längst nachgewiesen. So kommen die Wissenschaftler Romanowski, Kusmuzenok, Mamamkanow und Pobresow in ihrem Standardwerk "Alles über den Issyk-Kul" zu dem Schluss, dass bei die Gletscher Zentralasiens bei anhaltender Erderwärmung Mitte des Jahrhunderts verschwunden sein werden. Der Issyk-Kul ist der zweitgrößte Bergsee der Welt, gespeist von den Gletschern des Tientschan in Kirgistan. Vladimir Vladimirovitsch Romanovsky, Leiter des Labor des "Instituts für Wasserprobleme und Hydroelektroenergie" an der Kirgisischen Akademie der Wissenschaften hatte diesem Magazin 2007 erklärt: "Nirgendwo auf der Welt ist der Klimawandel so weit fortgeschritten, wie in Zentralsasien. Nach dem Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel of Climate Change stieg die globale Temperatur zwischen 1950 und dem Jahr 2000 um ein halbes Grad. "Bei uns ist aber die Temperatur in nur 40 Jahren im Jahremittel um 2 Grad gestiegen. Und wenn das so weiter geht, wird sie 2070 fünf Grad höher sein", sagt Ramonovsky.

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Vier Gletscher auf dem Dach der Welt (Fotos: Reimer)

Mit dramatischen Folgen, zum Beispiel für den 700 Meter tiefen Issyk-Kul, dessen Wasserspiegel im vergangenen Jahrzehnt bereits um 90 Zentimeter sank. Oder für den Kara-Batkak-Gletscher im zentralen Tientschan - dessen Firngrenze schrumpfte binnen 40 Jahren um 18 Meter. Ramonovsky: "18 Höhenmeter, das muss man sich mal vorstellen!"

Zur Kenntnis genommen hat das die weltweite Wissenschaft indes noch kaum: Die Arbeiten von Vladimir Vladimirovitsch Romanovsky und seinen Kollegen sind bislang nur auf Russisch erschienen. Für eine Übersetzung des 400 seitigen Werkes ins Englische fehlt der Kirgisischen Akademie der Wissenschaften schlicht das Geld.


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