Kommunismus, Klimaschutz und andere Weltübel
Wenige Tage vor dem Klimagipfel in Kopenhagen luden Klima"skeptiker" zu einer Konferenz in Berlin: Etwa hundert Menschen trafen sich im Berliner Hotel Meliá und hörten Referenten zu, die den Einfluss des Menschen auf das Klima bestreiten oder für vernachlässigbar halten. Gemeinsam fühlte man sich vom etablierten Wissenschaftsbetrieb unterdrückt - und witterte zahlreiche Verschwörungen
Fred Singer ist enttäuscht vom Regierungswechsel in Deutschland. Der US-Atmosphärenphysiker war heute zu Gast bei einer "Internationalen Klimakonferenz" in Berlin. Zum Auftakt der Veranstaltung gab der emeritierte Professor, jahrelang prominentester Vertreter der These, dass Passivrauchen nicht so schädlich sei, eine Pressekonferenz. Insbesondere von der FDP, so Singer, hätte er sich erhofft, sie würde eine Wende weg vom Klimaschutz einleiten. Auch den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) tadelte er - dieser hatte sich kürzlich zu dem Ziel bekannt, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius begrenzen zu wollen.
Lord Christopher Monckton und Fred Singer bei ihrer Pressekonferenz in Berlin (Foto: Hanno Böck)
Der zweite Star der Veranstaltung ist noch schillernder: Christopher Monckton, 3. Viscount von Brenchley. Der britische Rechtskonservative saß bei der Pressekonferenz neben Singer. Einst beriet er Margaret Thatcher, heute warnt Monckton gern davor, mit einem potenziellen Kopenhagen-Abkommen werde eine kommunistische Weltregierung installiert. In Berlin ließ er das mit den Kommunisten weg - prompt fragte ihn eine Person aus dem Publikum, welche Rolle denn die Sozialistische Internationale in der Klimapolitik spiele. Ein zweiter Zuschauer verwies auf die "New World Order", eine in Verschwörungstheoretikerkreisen zirkulierende These einer Geheimorganisation, die die Fäden der Welt in der Hand halte.
Fast alle Medien in seiner britischen Heimat sind nach Moncktons Ansicht linksgerichtet oder marxistisch und würden seine wissenschaftlichen Ansichten und die anderer Klimaskeptiker ignorieren. Doch auch in Berlin interessierten sich die Medien nicht für ihn, auf der Pressekonferenz meldete sich kein Vertreter einer größeren Redaktion zu Wort - die Fragen kamen ausschließlich von anderen Tagungsteilnehmern.
Nach Singers Ansicht ist der Einfluss des Menschen auf das Klima zu vernachlässigen
Nach Angaben der Veranstalter - unter ihnen war auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung - gab es "überwältigendes" Interesse an der Tagung. Im Saal war Platz für etwa hundert Menschen, doch es bleiben einige Stühle leer. In seinem Hauptvortrag führt Fred Singer dann aus, es gebe seiner Ansicht nach keinen oder einen vernachlässigbaren Einfluss des Menschen auf den Klimawandel. Weiterhin sei eine hohe CO2-Konzentration in der Atmosphäre gut für das Pflanzenwachstum, weswegen die Entwicklungsländer den Industriestaaten eigentlich dankbar sein sollten für ihre Emissionen. Globale Erwärmung, falls sie denn stattfinde, sei insgesamt positiv zu bewerten.
Monckton ging in seinem Vortrag vor allem auf den kürzlichen "Hack" von privaten E-Mails der britischen Climate Research Unit (CRU). Dadurch wisse man nun, dass die Erkenntnisse der etablierten Klimaforschung manipuliert seien. Doch Belege für seine Behauptungen blieb er schuldig: Ein einziges Zitat aus einer E-Mail führte Monckton als Beweis dafür an, dass wissenschaftliche Daten vorsätzlich gelöscht worden seien - allerdings bezieht sich das Zitat auf die Löschung von E-Mails, nicht von Daten.
Im Laufe des Nachmittags sprach eine Reihe weiterer Referenten. Die meisten anwesenden Zuschauer waren offensichtlich davon überzeugt, die vorgetragenen Thesen zu physikalischen Kurven und meteorologischen fachgerecht beurteilen zu können. Lautstarker Widerspruch regte sich, als ein Referent anmerkte, er halte den Treibhauseffekt durchaus für real. An anderer Stelle mochte ein Hobbywissenschaftler aus dem Publikum die Formulierung eines Referenten nicht akzeptieren, der von menschengemachten CO2-Emissionen sprach.
Klima"skeptiker" warfen Greenpeace-Leuten vor, sie seien Agenten der Atomlobby
Vor dem Gebäude demonstrierte derweil eine Handvoll Greenpeace-AktivistInnen. Es kam zu einigen Wortgefechten zwischen KonferenzbesucherInnen und DemonstrantInnen: Interessanterweise outeten sich einige der Klima"skeptiker" als Atomkraftkritiker - und warfen den Greenpeace-Leuten vor, sie seien heimliche Agenten der Atomlobby, die das Märchen der Erderwärmung in die Welt gesetzt hätten, um ihre Anlagen umweltfreundlich erscheinen lassen zu können. Später, während der Konferenz, forderte dagegen ein Referent selbst "inhärent sichere Kernkraftwerke".

Greenpeace-DemonstrantInnen vor dem Hotel (Foto: Hanno Böck)
Die Klima"skeptiker" spielen im seriösen Wissenschaftsbetrieb praktisch keine Rolle. Jahrelang wurde die streitbare Szene reichhaltig von der Industrie finanziert, eine wesentliche Rolle spielte dabei die sogenannte Global Climate Coalition (GCC). Doch mittlerweile haben sich selbst die hartnäckigsten unter den fossilen Energieversorgern (zumindest offiziell) von den "Skeptikern" abgewandt, die GCC wurde 2002 aufgelöst. Ihre Sympatisanten rekrutieren sie heute vor allem dort, wo jede abstruse These als wissenschaftliche Revolution oder unterdrückte Wahrheit gefeiert wird - bei VerschwörungstheoretikerInnen und Esoterikfans.
Wissenschaftlich sind sie ähnlich irrelevant wie die Kreationisten. Doch wie auch bei diesen Leugnern der biologischen Evolution, führt wissenschaftliche Irrelevanz nicht zu einer gesellschaftlichen. Nach einer Umfrage der Londoner Tageszeitung The Times bezweifelt immerhin ein Drittel der britischen Bevölkerung die wissenschaftlichen Tatsachen, in anderen Ländern dürften die Zahlen ähnlich sein. Unverständlich ist das nicht - schließlich sind die Erkenntnisse der Klimawissenschaft alles andere als bequem und verlangen eine grundlegende Änderung des westlichen Lebensstils.
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