"Bodenschutz ist Klimaschutz"
Zur Eröffnung der größten Ernährungsmesse der Welt – der Grünen Woche in Berlin – melden sich jedes Jahr auch Kritiker der herrschenden Agrarpolitik zu Wort. Im frisch gedruckten „Kritischen Agrarbericht“ verurteilen Wissenschaftler, Umweltschützer und Biolandwirte den rücksichtslosen Umgang mit dem wertvollsten Gut des Bauern: dem Boden. Industrielle Landwirtschaft würde die Fruchtbarkeit der Böden unwiederbringlich zerstören und aus CO2-Senken Klimasünder machen
Aus Berlin SUSANNE GÖTZE
Auf der Grünen Woche gibt es zwei „ökologische Realitäten“: Einmal die von Bundeslandwirtschaftsminiserien Ilse Aigner und Bauernpräsident Gerd Sonnleitner – auf der anderen Seite die des Agrarbündnisses. Letzteres sind 24 unabhängige Umwelt- Tierschutz und Entwicklungsorganisationen sowie Biolandwirte und Unternehmen, die anläßlich der Grünen Woche einmal im Jahr den „kritischen Agrarbericht“ verfassen.

Am Freitag öffnet die Grüne Woche für Besucher: Heute präsentierten sich Ministerin Aigner und Bauernpräsident Sonnleitner (Foto: Messe Berlin)
Gemeinsam haben sie ihre Skepsis gegenüber der Industrialisierung der globalen Landwirtschaft – deren Vorteile von der Politik und Herrn Sonnleitner dieser Tage in den schillernsten Farben präsentiert wird. Im 18. Kritischen Agrarbericht haben die im Agrarbündnis organisierten Verbände die wertvollste Ressource des Bauern - den Boden - thematisiert. Der Appell des 300 Seiten starken Bericht ist eindeutig: Durch die Landwirtschaft werden Böden ausgebeutet, ihre Fruchtbarkeit zerstört bis sie schließlich erodieren und als Brache enden. „Unser Boden ist die belebte, dünne Haut unserer Erde“, gab Hubert Weiger vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bei der Vorstellung des Berichtes zu bedenken. Durch industrielle Landwirtschaft und Tierhaltung werde zerstört, was von der Natur in Jahrhunderten gebildet worden sei.
Die Herausgeber des Berichtes warnen vor allem vor zunehmender Erosion wertvoller Humusschichten und der „Verarmung“ der Böden durch Übernutzung und chemischen Düngemitteleinsatz. Auch für das Klima sei eine nachhaltige Bodennutzung nicht unbedeutend: „In den Böden ist mehr CO2 enthalten als in unserer Atmosphäre“, erklärte Weiger. „ Deshalb ist Bodenschutz auch Klimaschutz“. Der Bericht geht vor allem auf die für den Bauern so wichtigen Humusschichten ein. Diese werden teilweise sogar als CO2-Senken betrachtet, da sie relativ viel CO2 speichern können.
Zur Erhaltung wertvoller Humuschichten trage vor allem die ökologische Landwirtschaft bei, da ihre Produktionsmethoden schon den Naturschutz und eine bodenschonende Fruchtfolge einschließe, folgern Wissenschaftler in dem Bericht. Für das Klima sei auch positiv, dass es im Ökolandbau mehr Grünland gebe, das generell mehr Humus enthält und so mehr CO2 speichert als Ackerböden. Ökohöfe haben meist einen geringeren Tierbestand und setzen auf Freilandhaltung. Die industrielle Fleischindustrie dagegen brauche Unmengen von Futtermitteln, die oft aus Monokulturen in Entwicklungsländern importiert würden, merkte Bernd Voß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) an.
Potemkinsche Dörfer oder der Erlebnisbauernhof
Während das Agrarbündnis seinen Bericht vorstellte, eröffnete ihr Konterpart, der Präsident des deutschen Bauernverbandes Gerd Sonnleitner, den so genannten Erlebnisbauernhof der Grünen Woche. Dort werden Kühe, Schweine und andere Haustiere ausgestellt und angeblicher Bauernalltag veranschaulicht. „Eine gezielte Desinformation der Öffentlichkeit“, findet Heidrun Betz vom Tierschutzbund. Hier werde eine „heile Welt“ vorgegaukelt, die es schon längst nicht mehr gebe.
„Den Besuchern der Grünen Woche werden Potemkinsches Dörfer vorgeführt“, stimmt auch
Weiger mit ein. So würden die Tiere auf dem Erlebnisbauernhof genug Patz haben und seien weich auf Stroh gebettet – das sei eine Verdrehung der Tatsachen. „Die Realität ist, dass es immer wenigere aber größere Tierzuchtbetriebe gibt“, erklärte Heidrun Betz vom deutschen Tierschutzbund. Zuchtfabriken mit über 22.000 Sauplätzen seien mittlerweile die Regel bei großen Agrarunternehmen. Die Tiere würden unter widrigsten Umständen gehalten: zu wenig Platz, ohne „Einstreu“ und auf harten Betonstreben.

22.000 Schweine in einem Stall: Widrige Umstände oder willkommene Effizienzsteigerung?
Nur wenige Minuten später behauptet Agrarministerin Aigner allerdings eine Halle weiter, dass sie außer „kleinen Verbesserungen“ keinen Handlungsbedarf bei der Lebensmittelproduktion sehe. Im Gegenteil: Sie sei stolz auf die Effizienzsteigerung in der deutschen Landwirtschaft und auf die herausragende Qualität der Produkte. Immerhin hat sich auch Frau Aigner das Mäntelchen des Klimaschutzes angezogen: Ab heute tagen in Berlin bis zu 50 Agrarminister aus verschiedenen Ländern zum Thema „Landwirtschaft und Klimawandel – neue Konzepte von Politik und Wirtschaft“. Auf der Grünen Woche zeigte sich Aigner aber heute selbstzufrieden: Man habe schon viel für den Klimaschutz in der Landwirtschaft getan. Wo und wie führte die Ministerin allerdings nicht aus.
Ab morgen werden die „Potemkinschen Dörfer“ der Grünen Woche für die Allgemeinheit geöffnet. Dann kann das „Grosse Fressen“ beginnen – wenn einem nach dem kritischen Agrarbericht nicht schon der Appetit vergangen ist. Doch diesen gibt es - wenn, dann nur in der Bio-Halle zur Einsicht.
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