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Gutachten-Schlacht um längere Akw-Laufzeiten

Ein Ausstieg aus dem Atomausstieg brächte deutlich niedrigere Strompreise, versprach erst kürzlich die Industrielobby BDI. Mit zweifelhaften Argumenten, wie ein genauer Blick zeigt. Nun melden sich die Stadtwerke mit einer Studie zu Wort - und warnen, längere Akw-Laufzeiten wären eine "massive Behinderung" für Wettbewerb und klimaschonenden Kraftwerke

VON TORALF STAUD

Erst im Herbst will die Bundesregierung ein Energiekonzept erarbeiten und über längere Akw-Laufzeiten entscheiden, aber die verschiedenen Interessenverbände bringen sich längst in Stellung. Atomlobby und Umweltverbände natürlich, aber auch der Bundesverband der Deutschen Industrie oder die Stadtwerke. Während der BDI Anfang Januar mit der Aussicht auf deutlich niedrigere Strompreise für den Weiterbetrieb der Reaktoren warb, halten nun acht große Stadtwerke mit einem eigenen Gutachten entgegen: Ein Ausstieg aus dem Atomausstieg, warnen sie, würde den Wettbewerb auf dem Strommarkt und Investitionen in neue Kraftwerke "massiv behindern".

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Rund achtzig Prozent des deutschen Kraftwerksparks besitzen heute die vier Stromriesen ("Verbundunternehmen"). Ohne Atomausstieg werden sie auch 2025 noch über zwei Drittel verfügen - und es bleibt viel weniger Raum für den Zubau neuer, klimaschonender Erzeugungskapazitäten   (Grafik: Bruckner)

Man wolle eine Diskussion über die wirtschaftspolitischen Folgen längerer Akw-Laufzeiten anstoßen, sagt Thomas Bruckner, Professor für Energiemanagment und Nachhaltigkeit an der Universität Leipzig. Im Auftrag der 8KU, einem Verbund großer Stadtwerke etwa aus München, Nürnberg, Mannheim, Leipzig und Hannover, hat er die Auswirkungen auf den Strommarkt durchgerechnet: Die vier Energieriesen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW beherrschen nämlich noch immer rund 80 Prozent der Kraftwerkskapazitäten – und können damit nach Ansicht vieler Kritiker die Strompreise manipulieren. Werden ihre Reaktoren wie unter Rot-Grün vereinbart abgeschaltet, sänke der Marktanteil bis 2025 auf 52,6 Prozent. Kippt aber nun Schwarz-Gelb den Atomausstieg, so Bruckner, würde das Vierer-Oligopol in fünfzehn Jahren immer noch mehr als 66 Prozent der deutschen Erzeugung beherrschen – mit allen negativen Folgen.

Längere Akw-Laufzeiten: 57 Milliarden Euro mehr für die Großkonzerne und drei Milliarden weniger für die Stadtwerke

Die Stadtwerke, aber auch andere Newcomer auf dem deutschen Markt, haben in den vergangenen Jahren für Milliardensummen neue Kraftwerke gebaut. "Wir sind von einem Atomausstieg ausgegangen und haben dementsprechende Investitionsplanungen gemacht", sagt etwa Albert Filbert, Vorstandschef der Stadtwerke Darmstadt, deren Tochter Entega einer der größten deutschen Ökostromanbieter ist. Nach Angaben des Stadtwerkverbandes VKU sind derzeit weitere Projekte im Volumen von 6,4 Milliarden Euro im Bau oder im konkreten Genehmigungsverfahren. Neben Windparks sind das vor allem dezentrale Erdgas-Kraftwerke, die zugleich Wärme und Strom produzieren und deshalb hocheffizient sind. Sie sind flexibel regelbar und damit die ideale Ergänzung zur schwankenden Windkraft – doch wegen ihrer relativ hohen Kosten würden diese Gaskraftwerke voraussichtlich als erste durch länger laufende Akw vom Markt verdrängt. Die Bruckner-Studie prognostiziert den Stadtwerken Einnahmeverluste von mehr als drei Milliarden Euro, die vier Stromriesen dagegen könnten sich über 57 Milliarden Euro Zusatzeinnahmen freuen, wenn ihre Akw acht Jahre weiterlaufen dürfen.

Auf die Kehrseiten eines Ausstiegs aus dem Atomausstieg haben vor den Stadtwerken bereits das Bundeskartellamt oder die Monopolkommission der Bundesregierung hingewiesen. Doch in dem BDI-Gutachten von Anfang Januar war von nichts dergleichen die Rede; es konzentrierte sich stattdessen auf das Versprechen zusätzlicher Jobs und einer Dämpfung des Strompreisanstiegs um 25 Prozent. Doch bei Prognosen lohnt stets ein Blick auf die zugrundeliegenden Annahmen. Vor zwei Jahren etwa sorgte eine Warnung der Deutschen Energieagentur (dena) vor einer „Stromlücke“ für Furore, Gegengutachten von Greenpeace oder dem Umweltbundesamt wiesen hinterher auf zweifelhafte Methodik hin. Die Stadtwerke-Studie kommt denn auch auf niedrigere Preisvorteile durch verlängerte Akw-Laufzeiten – unter anderem weil sie sich auf Spotmarktpreise der Strombörse stützt, die BDI-Berechnungen hingegen auf Großhandelspreise für Grundlaststrom, also eine engere Datenbasis. Natürlich würden diese Preise niedriger liegen, wenn durch die Akw mehr Grundlaststrom auf dem Markt sei, sagt Thomas Bruckner, aber er sei "skeptisch, ob davon viel bei den Endkunden ankommt".

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Mit Plakatmotiven wie diesem werben die Stadtwerke seit einigen Monaten für sich - selbstbewusster als früher melden sie sich nun auch in politischen Debatten zu Wort   (Grafik: www.meine-stadtwerke.de)

Das nämlich wäre der Haupteffekt längerer Reaktorlaufzeiten: ein purer Stromüberfluss. Auch die BDI-Studie räumt ein, dass Deutschland "langfristig Nettostromexporteur bleibt", wenn die Akw wirklich am Netz bleiben sollten. Die Studie erwähnt richtigerweise, dass niedrigere Preise eine "höhere Stromnachfrage" zur Folge haben werde. Doch bei der Berechnung des angeblichen Preisvorteils für Privatkunden von 144 Euro pro Haushalt wird von konstantem Verbrauch und "einer preisinelastischen Nachfrage" ausgegangen. Dies aber steht nur in einer Fußnote.

Weiterhin verspricht der BDI, die Preise für CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandel würden durch einen Weiterbetrieb der Akw deutlich sinken. Das klingt erstmal plausibel, weil die Reaktoren fossile Kraftwerke auf Gas- oder Kohlebasis ersetzen würden. Damit würde das EU-weite Gesamtbudget für Kohlendioxid-Emissionen entlastet, die Zertifikate wären weniger knapp und damit auch weniger teuer. Doch die Autoren von den Instituten R2B und EEFA in München und Münster, die das Papier für den BDI schrieben, ignorieren den politischen Rahmen: Bei der Festlegung des deutschen CO2-Budgets war der Atomausstieg einkalkuliert worden. Kippt dieser nun, dürfte auf EU-Ebene logischerweise auch neu über die Emissionsobergrenzen diskutiert werden. Wie der Emissionshandel nach 2020 aussieht, ist völlig offen – trotzdem prognostiziert die BDI-Studie Preissenkungen bei CO2-Zertifikaten bis 2030.

Die Stadtwerke wollen beim schwarz-gelben Energiekonzept mitreden - das sei "selbstverständlich", heißt es im Umweltministerium

"Innovative Technologien", warnt Stadtwerke-Gutachter Bruckner, würden durch eine Laufzeitverlängerung "deutlich erschwert". Und das gelte nicht nur für Erdgas- oder neue Kohlekraftwerke, die schlicht teurer sind als längst abgeschriebene Atommeiler. Für Windparks dürfte es schwerer werden, zu jedem Zeitpunkt all ihren sauberen Strom loszuwerden – weil die schwer regelbaren Reaktoren das Netz mit einer festen Menge Atomenergie verstopfen. Auch die CCS-Technologie zur Abscheidung von Kohlendioxid in Kohlekraftwerken, so Bruckner, könnten Probleme bekommen: Diese Investitionen rechnen sich nämlich nur, wenn CO2-Zertifikate teuer sind – auf dem vom BDI vorhergesagten Preisniveau wären sie unrentabel.

Thomas Bruckner nennt in seiner Studie mehrere "energiepolitische Handlungsoptionen", mit denen sich die negativen Folgen einer Laufzeitverlängerung mildern ließen: "angebotsseitige Belastungen" wie eine Steuer auf Brennelemente, eine Sondergewinnabgabe für die Akw-Betreiber oder auch der Zwang, im Gegenzug für das Weiterlaufen der Reaktoren andere Kraftwerkskapazitäten abzugeben. Den Stromkonzernen dürfte keine davon so richtig gefallen.

Eine "breite Debatte" und einen "transparenten Prozess" fordern die Stadtwerke jedenfalls, bevor Schwarz-Gelb über längere Reaktor-Laufzeiten entscheidet. Als Zeichen seines gewachsenen Selbstbewusstseins verlangt der VKU, bei den Gesprächen für das künftige Energiekonzept mit am Tisch zu sitzen – aus dem Bundesumweltministerium heißt es dazu, dies werde "selbstverständlich" geschehen. Die Akw-Betreiber dürfen sich wohl auf anstrengende Verhandlungen einstellen.

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