Potenzialatlas: Platz machen für Erneuerbare
Bis 2020 können Erneuerbare nach Branchenprognosen 47 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland decken - Und das bei hohen Erträge auf wenig Fläche. Wieviel Platz brauchen Wind, Sonne & Co heute und zukünftig? Das zeigt erstmals ein Potenzialatlas der Agentur für Erneuerbare Energien
Aus Berlin SARAH MESSINA
Deutschland erstreckt sich auf eine Fläche von 357.104 Quadratkilometern: Landwirtschaft, Wald, Industrie, Wohngebiete und Verkehrswege müssen Platz finden. Auch die Energiegewinnung aus Erneuerbaren braucht zunehmend Fläche. Windparks, Bioenergie oder Solaranlagen können jedoch auf relativ geringem Flächenverbrauch viel Energie erzeugen. Das zeigt der Potentialatlas 2020, den die Agentur für Erneuerbare Energien am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat.
Nach Branchenprognosen können Erneuerbare bis 2020 bereits 47 Prozent des Strombedarfs, 25 Prozent des Wärmeverbrauchs und 22 Prozent des Kraftstoffverbrauchs decken. 50 Milliarden Euro an Kosten für fossile Energieimporte könnten so eingespart werden. Vorhandene Fläche für Wind, Sonne & Co muss jedoch auch richtig genutzt werden: "Der Atlas zeigt, welche Potenziale im Energieland Deutschland stecken", sagt Agenturdirektor Jörg Mayer.
Windenergie - überall nutzbar mit hohem Flächenertrag
Eine tragende Rolle für die Energieversorgung aus Erneuerbaren spielt die Windenergie: Bis 2020 soll ihr Anteil an der Stromversorgung bereits 25 Prozent ausmachen (6,2 Prozent Offshore und 18,8 Prozent Onshore). Windenergie ist in Deutschland fast überall nutzbar. Ihr Potential ist derzeit jedoch nur in einem Bruchteil erschlossen. 270.000 Hektar Fläche beziffert der Potentialatlas den Flächenbedarf inklusive Abstandsflächen bis 2020 für Windanlagen an Land - heute sind es bereits 170.000 Hektar. Diese Flächen sind jedoch nicht "besetzt", sondern können gleichzeitig auch landwirtschaftlich genutzt werden. Berechnet man die nicht anders nutzbare reine Fundamentsfläche kommt man bis 2020 auf einen Bedarf von lediglich 2.700 Hektar.
Großes Plus ist auch der Flächenertrag: Der liegt bereits heute mit 24 Millionen Kilowattstunden pro Hektar deutlich über dem Flächenertrag der Braunkohle (3,1 Millionen Kilowattstunden pro Hektar) und wird bis 2020 pro Hektar auf 41,4 Millionen Kilowattstunden steigen. Zur "Verspargelung" der Landschaft führt das dem Potentialatlas zufolge jedoch nicht: Durch das Ersetzen alter Anlagen mit neueren und leistungsfähigeren Windanlagen (Repowering) soll künftig in diesem Bereich mehr Strom mit weniger, zu Windparks gebündelten Anlagen erzeugt werden.
Solarenergie - Potenzial auf Dächern und Freiflächen
Auch bei der Photovoltaik liegt noch einiges an Potenzial brach: Sonnenergie nimmt im Potenzialatlas 2020 etwa 6,6 Prozent der Stromversorgung ein. Bislang werden jedoch nur 2,5 Prozent der geeigneten Gebäudeflächen zur Strom- oder Wärmeerzeugung genutzt.
Solarparks auf Freiflächen "belegen" heute rund 1.700 Hektar. Weil solche Solarparks bereits heute vergleichsweise günstig sind, wird von einem Wachstum auf 10.000 Hektar bis 2020 ausgegangen- vergleichbar mit der Fläche der Stadt Gelsenkirchen. Auch wenn das Hauptaugenmerk der Branchenprognosen auf deutschen Dächern liegt, können Freiflächen unter bestimmten Voraussetzungen nicht nur rentabel, sondern auch im weiteren Sinne von Nutzen sein: Zum Beispiel wenn sie auf ehemaligen Militärflächen gebaut werden, wie etwa beim Solarpark Lieberose in Brandenburg. Die Sanierung der Flächen ist hier ein willkommener "Nebeneffekt" der Energieerzeugung. "Auf vorbelasteten Standorten können Solaranlagen wie diese viele Vorteile für den Umwelt- und Naturschutz mit sich bringen", sagt Carsten Wachholz, Referent für Energiepolitik und Klimaschutz des Naturschutzbund Deutschland. Auch Solarparks auf Ackerflächen haben einen Mehrwert bei der Umwandlung zu Grünland.
Größter Flächenfaktor: Bioenergie
Im Jahr 2020 wird nach dem Potenzialatlas etwa 15 Prozent der gesamten Energieversorgung aus Biomasse erzeugt. Das bedeutet zwar einen Anstieg der heutigen Anbauflächen für die Energieerzeugung von 1,6 Millionen Hektar auf 3,7 Millionen Hektar. Die Versorgung mit Lebensmitteln sei dabei allerdings zu keinem Zeitpunkt gefährdet, sagt Daniela Thrän vom Deutschen Biomasseforschungszentrum: "Trotz des steigenden Anteils der Bioenergie gibt es jedes Jahr deutliche Überschüsse bei der Getreideernte in Deutschland und der EU". Rechnet man die Verwertung von Reststoffen wie Stroh, Gülle oder Holz sowie brachliegende Flächen hinzu zeige sich auch bei der Bioenergie noch ein großes Potenzial.
Planung vermeidet Nutzungskonkurrenz
Gemeinden können mit den entsprechenden Planungsinstrumenten Nutzungskonkurrenzen auf Agrarflächen entgegenwirken. Vom Bebauungsplan bis zur Kartografierung geeigneter Dächer: "Die kommunale Bauleitplanung muss für die Ausgewogenheit der unterschiedlichen Interessen Sorge tragen", sagt Wolfgang Zirngibl, Bürgermeister im niederbayerischen Ascha, die sich mit Biogasanlage, Holzhackschnitzelkraftwerk und Solarfreiflächen vollständig mit Erneuerbaren selbstversorgen will. Ascha ist zwar gerade einmal 1.500 Einwohner stark. Was im Kleinen klappt, kann jedoch genauso im im Großen funktionieren, sagt Zirngibl. "Mit der richtigen Planung kommt keine Flächennutzung zu kurz".
(Fotos: Bundesverband Windenergie, Agentur für Erneuerbare Energien, Bundesumweltministerium)
Den Potenzialatlas finden Sie HIER
Mehr zur Branchenprognose 47 Prozent bis 2020 finden Sie HIER
Und wo die Erneuerbaren nach dem Jahr 2009 stehen, können Sie HIER nachlesen
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