Umwelt-Medienpreis 2008 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Hundert Tage Schwarz-Gelb: Kurs auf Gestern

In Sachen Klima ist die zweite Regierung Merkel nach hundert Tagen noch nicht auf gemeinsamem Kurs: Die deutschen Umweltverbände geben der Kanzlerin und ihren Ministern deshalb Kosenamen wie "Kabinett der Widersprüchlichkeiten" und klagen über dessen "Schlingerkurs". Im Namen von Lobbyinteressen werde ein Rollback in der Umwelt- und Klimapolitik eingeleitet. Hotels seien Merkel und Co. eben wichtiger als der Ökolandbau

VON SUSANNE GÖTZE UND SARAH MESSINA

Nach der Bundestagswahl im September herrschte Katerstimmung in der Umweltbewegung: Schwarz-Gelb als Synonym für reaktionäre Umweltpolitik hatte es an die Macht geschafft. Da half es auch nichts, dass die Anti-Atom-Aktivisten die Koalitionsverhandlungen belagerten: Zumindest der Einstieg in den Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg wurde im Koalitionsvertrag besiegelt. Hundert Tage nach dem Regierungsantritt von Schwarz-Gelb ist die umweltpolitische Apokalypse zwar nicht eingetreten, doch der Kurs auf Gestern ist vereinzelt bereits spürbar.

thumb_091024_westermerkelhofer_cdude.jpgHeute geht es in der neuen Regierung zu wie bei einem Maskenball: Hinter der Fassade werden flüsternd Weichenstellungen vorgenommen. Klare Ansagen nach außen gibt es kaum. Da kommt es gelegen, dass ein energiepolitisches Gesamtkonzept ohnehin erst für Herbst und die Zeit nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen angesetzt ist. Unpopuläre Themen wie die Verlängerung der Akw-Laufzeiten sind damit bequem vertagt. Gespräche mit der Atombranche im Kanzleramt finden dennoch statt - aber hinter verschlossenen Türen. Und wo es noch keine Linie in Sachen Energie und Klima gibt, stört es auch nicht, wenn sich Merkels Kabinett ein wenig erratisch durch die Energie- und Klimapolitik bewegt.

Da macht noch jeder was er will: Während Bundesumweltminster Norbert Röttgen (CDU) bei der Solarförderung beherzt zum Rotstift greift und gleichzeitig betont, der "unabdingbare" Atomausstieg werde durch längere Laufzeiten von etwa acht Jahren nur verzögert, scheint etwa Kollege Rainer Brüderle (FDP) aus dem Wirtschaftsministerium geradezu darauf zu brennen, Akw-Betreibern Laufzeitverlängerungen von mehr als acht Jahren zuzugestehen. Dann ist da eine Agrarministerin Ilse Aigner (CDU), die zwar zum Weltagrargipfel unter der Fragestellung des Klimaschutzes nach Berlin einlädt, Klimaschutz und ausreichende Nahrungsmittelproduktion aber für unvereinbar hält. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) überraschte zwar mit der Neueinrichtung einer eigenen Klimaabteilung in seinem Haus - die in Meseberg beschlossene Erhöhung der Lkw-Maut war dennoch mit dem Regierungswechsel vom Tisch. Und ein Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), der Klimahilfen für Entwicklungsländer auf längst versprochene Gelder zur Armutsbekämpfung anrechnen will, leistet sich die Klarstellung, sein Ministerium sei "kein Weltsozialamt". 

Auch die Kanzlerin, die noch in ihrer Antrittsrede betonte, der Klimaschutz sei "eine der herausragendsten umweltpolitischen Herausforderungen unserer Zeit" ist bislang eher auf die Bremse getreten: Im Vorfeld des Weltklimagipfels sprach sich Merkel dafür aus, das EU-Klimaziel nicht ohne Vorbehalt auf 30 Prozent zu erhöhen. Das "Pokern" der Weltgemeinschaft ist der internationalen Klimapolitik jedenfalls nicht gut bekommen. Geschmeckt hat das wohl auch der Kanzlerin nicht.

merkel1_cr.png
Übertragung der Reder der deutschen Kanzlerin auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen

"Die Regierungspolitik der letzten 100 Tage gibt ein konfuses Bild ab", resümierten die fünf führenden Umweltverbände WWF, Greenpeace, Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Deutsche Naturschutzring (DNR) am Donnerstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin. Dass etwa Brüderle seinem neuen Job als Antipode des Umweltministers derzeit mehr als gerecht wird, zeige sich auch darin, dass er wie seine Vorgänger Glos und Guttenberg bis jetzt ein Energie-Effizienzgesetz verhindert hat, das eigentlich seit dem Klimaprogramm von Meseberg ansteht. Klimapolitisch habe die neue Regierung schlicht versagt: Die sogenannte "Klimakanzlerin" müsse sich endlich in Brüssel dafür stark machen, dass die EU auf internationaler Ebene wieder Vorreiter werde. Der WWF Deutschland forderte die Regierung deshalb auf, sich für ein langfristiges Ziel von bis zu 95 Prozent CO2-Einsparungen bis 2050 stark zu machen.

Auch in Sachen Biodiversität versuchen die Umweltverbände, nun den grünen Schleier der Regierung zu lüften. So habe die Kanzlerin höchstpersönlich mit großem Tam-Tam das Internationale Jahr der Biodiversität 2010 eröffnet - doch die Regierung tue alles, um den Status Quo aufrecht zu erhalten, kritisierte Nabu-Chef Olaf Tschimpke. Den großspurigen Ankündigungen von Bundesprogrammen für Biologische Vielfalt müssten nun endlich finanzielle Zusagen und konkrete Maßnahmen folgen. Tschimpke ist jedoch skeptisch: "Die Bundesregierung ist gefangen in ihren Lobbystrukturen." Wer keine starke (Wirtschafts-)Lobby habe, sei unter Schwarz-Gelb nicht angesagt.

Um den Verlust der Artenvielfalt aufzuhalten, müssten laut Nabu und BUND zuallererst die Agrarpolitik radikal geändert und Subventionen für die großen Agrarbetriebe abgeschafft werden, die keine "ökologischen Leistungen" erbringen würden. Doch statt den Bio-Landbau zu fördern, werden eben Hoteliers begünstigt: "Das zeigt die Prioritäten dieser Regierung", wetterte auch DNR-Präsident Hubert Weinzierl.

Einige Masken sind bereits gefallen: Bei der Gebäudesanierung und der Solarförderung sind Kürzungen beschlossene Sache - zu abrupt und zu unkoordiniert, finden jedoch die Umweltverbände. Mit derartigen Einschnitten sei langfristige Planung für Investoren schlicht nicht machbar. BUND-Chef Weiger fragt das Kabinett nicht zu unrecht: "Warum denkt man denn nicht mal darüber nach, wie viel Subventionen in den Atom- und Kohlebereich fließen?“

Ganze 62 Mal habe die neue Regierung im Koalitionsvertrag das Wort "nachhaltig" benutzt. Doch das Prinzip Nachhaltigkeit sei schon längst zu einer "Beliebigkeitsfloskel" verkommen, kritisieren die Verbände.

Sie werden wohl auch in den nächsten hundert Tagen viel Grund für Kritik bekommen.

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]
Dies könnte Sie auch interessieren:
Stromspar-Hilfe für die Armen
Stromspar-Hilfe für die Armen
Das Programm "Stromspar-Check" zieht Bilanz: Über 30.000 einkommensschwache Haushalte haben die kostenlose Energiesparberatung in Anspruch genommen. Insgesamt wurden über 250.000 Energiesparlampen verteilt. Wie es mit dem Programm im nächsten weitergeht, ist aber unklar – wegen der unsicheren Finanzierung durch das Umweltministerium. Aus Berlin Felix Werdermann  [mehr...]
Arktis-Aktivisten vor Grönland festgenommen
Arktis-Aktivisten vor Grönland festgenommen
Nach 40 Stunden Besetzung der Ölplattform Stena Don vor Grönland zwingen eisige Stürme die vier Kletterer in die Knie. Auf der Brücke wartete bereits die Polizei  [mehr...]
Bundeswehr befürchtet Peak Oil
Bundeswehr befürchtet Peak Oil
Eine interne Studie der Bundeswehr malt ein düsteres Szenario für die Zeit nach dem Ölfördermaximum. Deutschland könne gezwungen sein, verstärkt mit autoritären Regimes zu kooperieren. Die Ölknappheit werde in einigen Weltregionen zur Destabilisierung führen und könne rechte und nationalistische Parteien stärken.
Von Hanno Böck  [mehr...]
Umweltminister: Ab jetzt besser anpassen
Umweltminister: Ab jetzt besser anpassen
Französisch-Britisch-Deutsche Initiative für Cancún: Statt der beschlossenen 20 Prozent bis 2020 solle Europa sein Ziel auf 30 Prozent Reduktion gegenüber 1990 anheben  [mehr...]
100 Euro für einen neuen Kühlschrank
100 Euro für einen neuen Kühlschrank
Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine  [mehr...]

Meinungen: Kommentar

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

tagebau-lausitz-470_boeck Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]

Werbung

Aus der Redaktion

Was, bitte, sollen denn diese Aufkleber?

germanyIm Redaktionsalltag gibt es immer wieder Themen und Texte, die uns besonders auffallen. Die brisanter sind als andere. Oder spannender. Oder bewegender. Mit bunten Aufklebern werden unsere Redakteurinnen und Redakteure (und gelegentlich auch Gäste) Sie künftig auf solche Texte hinweisen
Aktion des Monats

Raus aus der Tiefsee!

Seit drei Monaten sprudelt Öl aus der havarierten Bohrinsel von BP. Nehmen Sie an der Petition von Greenpeace teil, um neue Tiefseebohrungen zu verhindern! [mehr...]
Aktuelles Dossier 

Von Kopenhagen nach Cancun

Im August trifft sich die Weltklimadiplomatie zum dritten Mal in diesem Jahr um den nächsten großen Klimagipfel in Mexiko vorzubereiten. Mehr zur Bonner Konferenz hier  [mehr...]
herne_gp_ulrichbaatz_teas
Serie

Wie Klimakiller kippen

Reihenweise planten Stromkonzerne in Deutschland neue Kohlekraftwerke - doch rund ein Dutzend davon ist bereits verhindert worden. Gibt es Erfolgsrezepte für den Widerstand? [mehr...]
logo-afrika
Serie

Die Welt schaut nach Afrika

Der etwas andere Blick zur Fußball-WM: Klimaretter.info beleuchtet verschiedene Aspekte der Erderwärmung, die in Afrika sichtbar sind wie auf keinem zweiten Kontinent [mehr...]

Werbung

Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Mitte Juli haben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte[…] [mehr...]

Aktuelle Blogs

Klimaretter-Dossiers

Bonn III - Die Sommerkonferenz der Klimadiplomaten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
1. Klimakonferenz 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel Cochbamba - Kopenhagen von unten
Kopenhagen 2009 - Wie der Mega-Gipfel scheiterte
Bundestagswahl - Das Klima war nur Nebensache
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung?

Werbung


Ressorts

Politik

merkel-kabinett

Regierung beschließt Sparpaket

Kürzen, kürzen, kürzen - jetzt gibt es über das Wie und Wo einen Regierungsbeschluss. Vor allem die sozial Schwachen müssen Einschnitte verkraften. Mehreinnahmen will die Regierung aber auch durch das Streichen von umweltschädlichen Subventionen erreichen. Zudem wurde die Luftverkehrs-Steuer beschlossen. Nur die Brennelementesteuer bleibt weiter offen - und wird erst mit dem Energiekonzept verhandelt. Von Johanna Treblin
[mehr...]
Energie

strommasten-nick

Bürgernetz Nordhessen will kommunale Stromnetze

In Grebenstein hat sich die Bürgernetz Nordhessen KG gegründet. Die Firma strebt eine Rekommunalisierung der Energieversorgung an und bietet Bürgern die Möglichkeit finanzieller Beteiligung [mehr...]
Protest

facebook-datacenter

Greepeace fordert Öko-Facebook

Facebook richtet ein neues Rechenzentrum ein, welches mit Kohlestrom versorgt wird - Greenpeace und 280.000 andere Facebook-Mitglieder protestieren [mehr...]
Wirtschaft

agrosprit-madera-pacificethanol

Kalifornien unterstützt Agrotreibstoffe

Der US-Bundesstaat Kalifornien will die angeschlagene Agrospritfirma Pacific Ethanol mit mehreren Millionen Dollar unterstützen. Der Gründer ist politischer Verbündeter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger [mehr...]
Mobilität

landnahme-foe

Illegale Landnahme für Agrosprit

In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen [mehr...]
Forschung

Korallen-Konstanzestaud

Massives Korallensterben in Indonesien

Die dramatische Erwärmung der Oberflächentemperatur in den Gewässern um Indonesien hat für eine massive Korallenbleiche und das Absterben vieler Korallenriffe gesorgt   [mehr...]
Umwelt

wolken-indo

Millionenschäden durch Extremwetter in Hessen

Tornado auf Usedom, Tornado in Mittelhessen: An gleich zwei Orten in Deutschland wütete am Montagabend starker Sturm [mehr...]
Konsum

kuhlschrank_innen_sima

100 Euro für einen neuen Kühlschrank

Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar

tagebau-lausitz-470_boeck

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]
Standpunkte

atom-traktor-campact

Energiekonzept: Die Trickserei der schwarz-gelben Bundesregierung

Heute übergeben die Bietergemeinschaft Prognos, das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) und die Gesellschaft für Strukturforschung (GWS) der Bundesregierung die Energieszenarien, die als Grundlage für das angekündigte nationale Energiekonzept dienen sollen. Es geht nicht darum, den Umstieg in eine solare Zukunft aufzuzeigen, sondern die Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich zu machen, sagt Michael Müller, Staatssekretär a.D. und Mitherausgeber von klimaretter.info in seinem Standpunkt.
[mehr...]
Rezension

MKG_Klimakapseln_HausRucker_EnvironmentTransformer_cr
Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz geht, sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet heute die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
[mehr...]
Kolumnen

etscheid

Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Nur ein dünner Strahl warmes Wasser, Hände werden kalt gewaschen, die Dusche dauert zwei Minuten - beim Einseifen wird das Wasser ausgeschaltet. Der Morgenritus ist für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen nicht einfach. [mehr...]
Überraschung der Woche

Matthias-Willenbacher-klein-juwi

Erdgas, Merkels Gegenbewegung und Oliver Bierhoff

Kalenderwoche 34: Erdgas ist nicht Brückentechnologie, sondern eine Ergänzung des Strommixes auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren, sagt Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info. Und Oliver Bierhoffs Vater war im Vorstand von RWE – wie überraschend.
[mehr...]