UN-Länder nicken Klimaziele ab
Der Copenhagen Accord hat eine erste Hürde genommen: Die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer haben fristgerecht ihre Klimaziele an das UN-Klimasekretariat UNFCCC übermittelt. Neue Entwicklungen gab es dabei nicht
VON SARAH MESSINA
Die Erwartungen hatte bereits in der vergangenen Woche Klimasekretariatschef Yvo de Boer gedämpft: Die Frist im Rahmen des Copenhagen Accords, dem Papier, das auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen nach zähen Debatten des Plenums lediglich "zur Kenntnis" genommen wurde, sei eine "weiche" Frist: Auch nach diesem Termin können Länder sich dazu äußern, welche Ziele sie sich beim Klimaschutz setzen und ob sie überhaupt mit den Copenhagen Accord "in Verbindung gebracht werden" möchten, so de Boer.

Damit bleiben sämtliche Hintertürchen für die internationale Klimapolitik jederzeit erreichbar: Klimaziele die unter dem nicht beschlossenen und nicht verbindlichen Copenhagen Accord eingereicht werden, sind genauso wenig beschlossen und verbindlich. Und auch Nachzügler können sich im Vorfeld des nächsten Klimagipfels im Dezember in Mexiko jederzeit ebenso wenig beschlossen und verbindlich zu ihren Klimaplänen äußern. Entsprechend formlos sah auch das Prozedere aus: Ein kurzer Anruf oder eine kurze schriftliche Mitteilung reichten aus.
Zwei Drittel der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen sind (unverbindlich) erfasst
Wahrgenommen haben diese Möglichkeiten immerhin die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Damit sind Klimaziele von Staaten in einer Liste erfasst, die für mehr als zwei Drittel des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich sind, so das UNFCCC. Diese Liste will das UN-Klimasekretariat in Kürze veröffentlichen, um auch andere Staaten zu kitzeln, ihre Klimaziele anzugeben.
An das UNFCCC gingen vor allem Wiederholungen und Bekräftigungen: Die USA bekräftigten ihr in Kopenhagen auf den Verhandlungstisch gebrachtes Klimaziel einer Kohlendioxid-Reduktion von 17 Prozent bis 2020 (Basisjahr 2005). Abhängig ist das Reduktioinsziel jedoch sowohl von den Angeboten anderer Staaten als auch von der nationalen Klimagesetzgebung, die seit einigen Monaten mit wechselnder Aussicht auf Erfolg im US-Senat feststeckt. Kanada hat sich diesem Ziel angepasst und will ebenfalls 17 Prozent reduzieren.
Die Europäische Union hat ihre geplante Reduktion von 20 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 eingereicht, inklusive dem Angebot zur Erhöhung auf 30 Prozent – wenn andere Länder vergleichbare Anstrengungen unternehmen. Den Anstoß Großbritanniens, der Niederlande und Dänemarks, bedingungslos auf 30 Prozent zu gehen, wurde von EU-Mitgliedsstaaten wie Polen abgeschmettert.
Japan plant seine Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 um 25 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Australien bleibt bei einer Zielsetzung von 5 bis 25 Prozent gegenüber 2000 – abhängig von den Verpflichtungen anderer Länder.
Die BASIC-Länder Brasilien, Südafrika, Indien und China hatten im Vorfeld ebenfalls angekündigt, eine Mitteilung an das UNFCCC zu machen. China will die Kohlendioxid-Intensität ihres Bruttoinlandsprodukts pro Einheit um 40 bis 45 Prozent unter den Stand von 2005 bringen, Indien um 20 bis 25 Prozent. Die indische Regierung hatte gleichzeitig jedoch sehr deutlich gemacht, dass die Klimapläne keinen verbindlichen Charakter haben. Unter dem Kyoto-Protokoll sind Schwellenländer von verbindlichen Reduktionszielen ausgenommen und auch der Bali Action Plan, der eigentlich bereits in Kopenhagen zu einem neuen Klimaabkommen führen sollte, sieht für die Entwicklungs- und Schwellenländer nur freiwillige Klimaschutzmaßnahmen vor.
Auch kleinere Staaten wie Mali, die Phillippinen oder pazifische Inselstaaten wie die Malediven haben ihre Ziele beim UNFCCC eingereicht.
Der status quo bedeutet einen Temperaturanstieg von 3,5 Grad Celsius
Der weitere Verlauf der UN-Verhandlungen um ein neues und verbindliches Klimaabkommen und die Rolle des Copenhagen Accords sind jedoch weiter offen. Bleibt es bei den bislang ins Gespräch gebrachten Kohlendioxid-Reduktionen, kann die Zielmarke einer Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2-Grad nicht erreicht werden. Der Weltklimarat hält dafür eine Kohlendioxid-Reduktion von 25 bis 40 Prozent unter den Stand von 1990 für nötig. Davon sind auch die innerhalb der Frist bestätigten Zahlen immernoch genauso weit entfernt, wie schon in Kopenhagen: Plus 3,5 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts konnte man da auf dem Thermometer von Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und Ecofys ablesen.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 21 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








