Wirtschaft und Umwelt streiten um Energiepolitik
Der neue Umweltminister Norbert Röttgen hält seine Antrittsrede
VON SARAH MESSINA
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) verspricht den Weg ins regenerative Zeitalter. Die Wirtschaft soll dafür nach dem "Leitsatz der Nachhaltigkeit" umgekrempelt werden: "Ökologie und Ökonomie sind zwei Seiten einer Medaille", so Röttgen in seiner Antrittsrede, die er am heutigen Mittwoch im Bundestag hielt. Maßgeblich verantwortlich für die Energiefragen fühlt sich aber auch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). In bester Tradition ihrer Vorgänger Sigmar Gabriel (SPD) und Michael Glos (CSU) rangeln die beiden Ressorts um die Federführung bei der Energiepolitik.
Bei seiner Antrittsrede im Bundestag sprach sich der neue Umweltminister für den Klimaschutz aus: Die Umweltpolitik werde "ein Markenzeichen dieser Regierung". Klimaschutz könne nur innerhalb eines marktwirtschaftlichen Ordnungssystems stattfinden, so Röttgen.
Die schwarz-gelbe Regierung sei "ambitionierter" als die Vorgängerregierung. Dabei verwies der Minister auf die Festschreibung der Klimaziele im Koalitionsvertrag: Bis 2020 will Deutschland seine Treibhausgase demnach um 40 Prozent unter den Stand von 1990 senken.das schwarz-rote Vorgänger-Kabinett hatte dafür noch zur Bedingung gemacht, dass andere Staaten ähnlich ambitionierte Klimaziele beschließen. Diesen Zusatz strichen nun die schwarz-gelben Koalitionäre.
Mit Röttgen ins regenerative Zeitalter?
Deutschland soll dem Umweltminister zufolge eine Vorreiterrolle übernehmen. Auch für die Klimakonferenz in Kopenhagen gebe es keinen Plan B, so Röttgen: "Kopenhagen muss ein Erfolg werden". Im Dezember müsse es zu einem verbindlichen Abkommen kommen, das auch die großen Kohlendioxid-Verschmutzer USA und China mit einbezieht.
Röttgen verglich die Ökokrise mit der Finanzkrise. Der Klimawandel sei jedoch "eine Überlebensfrage für hunderte Millionen von Menschen". Um der Klimakrise zu begegnen sei ein "grundlegendes, zügiges, systematisches und entschlossenes Umsteuern" nötig.
Ex-Umweltminister Sigmar Gabriel und Nachfolger Norbert Röttgen
Er wolle den "Weg ins regenerative Zeitalter" gehen, sagte Röttgen am Mittwoch in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit. Dazu werde der Anteil des Atomstroms im deutschen Strommix sinken müssen. Atomkraft könne nicht mehr als eine Brücke sein, weil es "seit Jahrzehnten an der gesellschaftlichen Akzeptanz" fehle. Und: Die ungelöste Endlagerfrage sei unabhängig davon zu stellen, "ob einzelne Kernkraftwerke möglicherweise ein paar Jahre länger laufen", als beim von rot-grün beschlossenen Atomausstieg.
"Wer den Atom-Konflikt befrieden will, muss Atomkraftwerke abschalten", sagte dagegen Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation ausgestrahlt die Äußerungen Röttgens zur Atompolitik. Die Position des neuen Umweltministers zur Entsorgungs-Frage mache "fassungslos".
SPD-Abgeordneter Ulrich Kelber kritisierte, nie habe ein Koalitionsvertrag "so ungehemmt und schamlos Klientelinteresse bedient". Als das Gegenteil von Nachhaltigkeit bezeichnete auch Grünen-Politikerin Bärbel Höhn die Regierungsvereinbarungen von schwarz-gelb zur Atompolitik.
Federführung noch offen
Ins Detail ging Röttgen am Tag seiner frei gehaltenen Antrittsrede allerdings ohnehin noch nicht. Und so ist bislang lediglich klar: Das Energiekonzept der schwarz-gelben Regierung wird zum ersten Knackpunkt. Erstmals soll es auf der Kabinettsklausur vom 18. bis 19. November auf der Tagesordnung stehen - und zwar im nun schon traditionsreichen Meseberg.
Rainer Brüderle und sein Vorgänger Karl-Theodor Freiherr zu
Guttenberg (CSU) bei der Übergabe des Ministerium
Allerdings dürfte es diesmal nicht so harmonisch zu gehen, wie auf der legendären Klima-Kabinettssitzung vor zwei Jahren: Bevor die Koaltionäre über Inhalte streiten, streiten sie erst einmal über Zuständigkeiten. Umwelt wie auch Wirtschafts-Ressort: Beide wollen federführend sein.
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) fühlt sich dabei offenbar bereits als für den "wesentlichen Teil der Energiepolitik" zuständigen Minister: Das Wirtschaftsressort sieht die Zuständigkeit klar bei sich. Im Bundesumweltministerium wird das freilich anders gesehen: Es sei bereits völlig klar, dass beide Minister zuständig für die Energiepolitik sind, so eine Sprecherin. Über die Federführung beim Energiekonzept werde in Meseberg entschieden.
(Fotos: Regierungonline.de, BMU, BMWI)
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 11 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








