Für ein CO2-freies Deutschland hier abbiegen
Geht alles weiter wie bisher, wird Deutschland seine Klimaziele für 2050 verfehlen: Werden jetzt jedoch die richtigen Maßnahmen ergriffen, könnten Atom- und Kohlestrom schon bald keine Rolle mehr spielen: Mitte des Jahrhunderts könnte Deutschland nahezu CO2-frei sein. Die Umweltstiftung WWF hat von Prognos AG und Öko-Institut einen 500-seitiges Navigationssystem für die künftige Regierung erstellt. Das Fazit: Klimaschutz kann sich kein Stückwerk mehr leisten
Aus Berlin SARAH MESSINA
Wenn Strom fast ausschließlich aus erneuerbaren Energien gewonnen wird, Atom- und Kohlekraft kein Thema mehr sind und Energieeffizienz sich auszahlt: Die Vision der Umweltstiftung WWF sieht Deutschland bereits 2050 nahezu kohlendioxidfrei. Nach Berechnungen von Prognos AG und Öko-Institut ist das nicht einmal teuer: Gerade einmal 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts müssten aufgewendet werden, um das „Modell Deutschland" zur Realität zu machen.
Das Navigationssystem zum „Klimaschutz bis 2050" lieferte der WWF am Donnerstag gleich mit den passenden Handschuhen zum Anpacken. Denn derzeit sieht die Realität so aus: Deutschland wird das Klimaziel einer Treibhaus-Reduktion von 80 Prozent bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht erreichen. Wird die Klimapolitik wie bisher fortgesetzt, sind gerade einmal 45 Prozent möglich. Um die schlimmsten Folgen des Klimawandels einzugrenzen reicht das nicht.
„Union und FDP entscheiden derzeit nicht nur über die Politik der nächsten vier Jahre, sondern über unsere Zukunft", sagt Felix Matthes vom Öko-Institut. Langfristig und schnell muss die neue Regierung demnach handeln, um die zur Verfügung stehenden Zeitfenster für das „Modell Deutschland" nicht zu verpassen.
Folgt man dem 500-seitigen Maßnahmenkatalog zum „Modell Deutschland" durch Energie- und Gebäudesektor, Verkehr, Landwirtschaft und Industrie, wäre nach Ansicht der beauftragten Wissenschaftler sogar eine Reduktion um 95 Prozent bis 2050 möglich. Der Kohlendioxid-Ausstoß pro Kopf würde in Deutschland von derzeit 11 Tonnen jährlich auf 0,3 Tonnen sinken. 83 Prozent der Stromerzeugung könnten Mitte des Jahrhunderts aus Erneuerbaren gedeckt werden. Auf Deutschlands Straßen fahren dann zu 80 Prozent Fahrzeuge mit Hybrid- oder Elektromotoren, die etwa 60 Prozent effizienter als heute sind.
Neben der Verlagerung des Güterverkehrs sollen auch nachhaltig produzierte Biokraftstoffe zur Reduktion von Treibhausgasen beitragen. Auch im Alltag macht sich das "Modell Deutschland" bemerkbar: Gekocht wird am energiesparenden Induktionsherd, der Haushalt wird etwa mit wasserfreien Wachmaschinen geführt und die Energiesparlampe hat den Staffelstab längst an die LED-Leuchte übergeben. Durch eine massiv ausgebaute Dämmung verringert sich der Heizwärmebedarf um 85 Prozent. In der Landwirtschaft sorgt verändertes Konsumverhalten mit weniger Fleisch auf dem Teller zu einer signifikanten Senkung von Methan- und Lachgasemissionen.

Abfallwirtschaft, Landwirtschaft, Erneuerbare: Die Grafik zu den Beiträgen einzelner Handlungsbereiche zur Treibhausreduktion bis 2050
Das Modell Deutschland erfordert ein Umdenken in Sachen Klimapolitik: „Mit den bisherigen Maßnahmen wird Deutschland das geforderte Reduktionsziel jedenfalls dramatisch verfehlen", sagt auch WWF-Klimaexpertin Regine Günther. Wirtschaft, Umwelt, Verkehr, Bauen, Landwirtschaft und Entwicklung: Eine "runde" Klimapolitik funktioniere nur Sektoren übergreifend. Mit der Zentralisierung des Themas, wie etwa von Wirtschaftspolitikern von Union und FDP gefordert, habe das nichts zu tun. Sondern vielmehr mit einer besseren Koordinierung aller Ressorts, um das Potential auf dem Weg zum CO2-freien Deutschlands auszuschöpfen. Die Studie sende eine klare Botschaft an die laufenden Koalitionsverhandlungen, so Günther: „Klimaschutz kann sich Stückwerk nicht mehr leisten."
(Bilder: Sabrina Müller/WWF)
Die vollständige Studie finden Sie auf 500 Seiten HIER
Und eine handliche Kurzfassung finden Sie HIER
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