Kopenhagen muss Chefsache werden

Merkel und Steinmeier wurden von Klimaaktivisten "aufgeweckt"
Tausende Klimaktivisten haben am Montag weltweit die Politik aus ihrem "Klimaschlaf geweckt": Am Brandenburger Tor hat Julius van de Laar um 12.18 Uhr die Wecker schellen lassen. Van de Laar ist Sprecher des weltweiten Aktionsnetzwerkes Avaaz und hat als Wahlkämpfer für Barack Obama in den USA gearbeitet. Nun bringt er seine Erfahrungen bei der internationalen Klimaschutzbewegung ein. wir-klimaretter.de haben van de Laar gefragt, ob er an eine Trendwende in den Klimaverhandlungen in New York diese Woche glaubt und was er von der neuen deutschen Regierung erwartet
wir-klimaretter: Sie haben heute Frau Merkel und Steinmeier symbolisch aus ihrem Klimaschlaf geweckt: Meinen Sie das hat was genutzt?
Van de Laar: In unserem Straßentheater sind sie natürlich aufgewacht und haben den Weckruf entgegengenommen. Fakt ist: Angela Merkel und Frank Walter Steinmeier müssen auch in der Realität aufwachen und sich in Kopenhagen für ein gerechtes und ambitioniertes und verbindliches Abkommen einsetzen.
Bis jetzt hat Klimapolitik im Wahlkampf fast keine Rolle gespielt. Sogar im TV-Duell wurde Klimaschutz nicht mal erwähnt. Wie erklären Sie sich das?
Das ist ein gravierender Fehler. Es ist eine große Chance für Deutschland als Wirtschaftsland, jetzt in grüne Energien und grüne Jobs zu investieren. Dort haben wir ein enormes Potential neue Jobs zu schaffen. Auch Merkel und Steinmeier haben beide immer wieder angedeutet, dass ihnen das Thema wichtig ist – deshalb fordern wir mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz. Auch Umfragen zeigen das: Über 80 Prozent der Deutschen sind sich darüber im Klaren, dass Klimawandel ein wichtiges Thema ist. Ich bin überzeugt, dass CDU und SPD Wählerstimmen gewinnen können, wenn sie jetzt anfangen, über das Klimaproblem zu reden.
Immerhin haben Merkel und Sarkozy vor den Verhandlungen in New York angekündigt, mehr Druck für ein ehrgeiziges Klimaabkommen zu machen. Glauben Sie das?
Wir haben in den letzten Tagen den offenen Brief gelesen, den Angela Merkel zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Sarkozy geschrieben hat. Beide haben betont, dass ihnen dieses Abkommen sehr wichtig ist. Doch die Frage ist, ob das nicht nur Rhetorik ist, oder ob sie wirklich bereit sind, das auch umzusetzen.
Wird es in New York eine Trendwende geben?
Wir begrüßen jedes Zeichen einer Trendwende. Aber es darf nicht nur geredet werden. Es müssen nun auch endlich Taten folgen. Ich glaube, dass diese Woche sehr wichtig wird. Wir haben das Treffen in New York aber auch den Finanzgipfel in Pittsburgh vor uns. Das sind zwei große Treffen in denen durchaus Fortschritte gemacht werden können -- Klimawandel ist natürlich auch immer eine Finanzfrage. Deshalb erwarten wir, dass auch in Pittsburgh über den Klimawandel gesprochen wird. Ich bin zuversichtlich, dass Aktionen wie der heutige Weckruf den Klimaschutz in den Meetings eine hohen Stellenwert geben.
Was erwarten Sie in der Klimapolitik von der neuen deutschen Regierung in den ersten Monaten?
Wir müssen von der nächsten Bundeskanzlerin oder dem nächsten Bundeskanzler hören, dass er persönlich nach Kopenhagen fahren will, so wie das der englische Premier Gordon Brown gemacht hat. Kopenhagen muss Chefsache werden. Natürlich muss mit anderen Nationen wie China zusammengearbeitet werden, aber es dürfen keine laschen politischen Lösungen gefunden werden. Jetzt geht es darum, dass etwas passiert.
Trauen Sie das Frau Merkel zu?
Frau Merkel wurde früher als Klimakanzlerin gehandelt. Das war ein Spitzname, den sie damals hatte. Davon ist sie derzeit leider abgekommen. Sie darf jetzt aber nicht zurückrudern. Klimaschutz ist nicht nur für sie und den Wahlkampf der CDU, sondern auch für Steinmeier aber vor allem für die weitere Entwicklung Deutschlands eine riesen Chance.
Klimaaktivisten haben mittlerweile ein weltweites Netzwerk: Was ist in den nächsten Wochen bis Kopenhagen noch geplant, um die Politik aufzurütteln?
Man muss anerkennen, was AVAAZ Unterstützern auf der ganzen Welt und heute in Berlin gelungen ist: Es gab ja nicht nur die Aktion am Brandenburger Tor. Es haben über 2000 Events stattgefunden. In New York und anderen Großstädten sind hunderte Menschen zusammengekommen. Allein in Deutschland waren es heute über 80 Events. Das zeigt, dass sich viele Leute nicht mehr einfach auf ihre Politiker verlassen. Sie engagieren sich und übernehmen selbst Verantwortung.
Was haben Sie noch vor?
Sie können sicher sein, dass wir uns in den nächsten Wochen nicht ausruhen werden. In unserem Netzwerk haben sich über 3,6 Millionen Menschen zusammengeschlossen – allein mehrere Hunderttausend in Deutschland. Bis Kopenhagen werden wir sicherlich noch einige Akzente setzen.
Sie haben als Wahlkämpfer für Obama gearbeitet, in Deutschland aber haben Sie sich rausgehalten und organisieren nun den Klimaprotest: Wie kommt’s?
Ich habe in Amerika gesehen, wie sich Leute einsetzen. Dort ging es in erster Linie nicht um den Kandidaten, sondern darum, dass Leute sich engagiert und Verantwortung übernommen haben. Das Netzwerk Avaaz gibt mir nun die Möglichkeit, in Deutschland und weltweit Millionen Menschen zu mobilisieren. Das ist meine Passion. Avaaz bedeutet Stimme in vielen Sprachen. Das ist die Idee: Menschen eine Stimme zu geben – Ihnen die Möglichkeit zu geben sich zu organisieren, und gemeinsam für eine bessere Zukunft zu engagieren. Aus einer Stimme werden tausende – so kommt ein Wechsel zu Stande. Politik ist immer auch lokal - sie findet nicht auf Bundesebene statt, sondern immer dort, wo sich Leute einsetzen.
Interview: SUSANNE GÖTZE
(Fotos: Götze)
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