Kohlepartei besucht deutsches Desertec
Aus Lieberose JÖRG ZEIPELT
Die Sonne brennt auf den Märkischen Sand. Es soll der heißeste Tag des Jahres sein. Mitten in dieser brandenburgischen Wüste eröffnen Projektentwickler Juwi und Solarmodulhersteller First Solar den mit 54 Megawatt Maximal-Leistung größten Solarpark Deutschlands – Desertec auf Deutsch sozusagen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee nutzt den Anlass für einen Wahlkampftermin.
Eigentlich sollte ja Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier kommen. Das Beste war gerade gut genug für Eröffnung des größten Solarparks Deutschland. Den Segen gab dann aber letztlich Tiefensee, der für Steinmeier spontan einsprang. Die Präsentation glückte: Der Park, mit 162 Hektar fast so groß wie der Tiergarten in Berlin, überschritt bei strahlend blauem Himmel die 40-MW-Leistungsgrenze. Das ist Rekord in Deutschland. Auch weltweit können derzeit nur die Spanier einen leistungsstärkeren Park vorweisen. Für Juwi und First Solar Grund genug, die Anlage an diesem Tag feierlich einzuweihen.
Natürlich preisen nun alle das Projekt: Tiefensee spricht von Arbeitsplätzen, die hier und woanders entstehen. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck betont die Rolle seines Landes als Energieland – davon, dass im Vergleich zu anderen Bundesländern die Erneuerbaren Energien in Brandenburg den höchsten Anteil an der Stromversorgung liefern.
Während Tiefensee und Platzeck das 560.000. Solarmodul anbringen, bauen die Arbeiter weiter. Bis Ende des Jahres sollen nämlich rund 700.000 Module eine maximale Leistung von 53 Megawatt liefern – genug um 33.000 Tonnen CO2 pro Jahr aus konventioneller Energieerzeugung einzusparen und rechnerisch 15.000 Haushalte mit Strom zu versorgen.
Juwi-Gründer Matthias Willenbacher will durch seine Anlagen die Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland verringern. Der Besitzer eines rein elektrisch angetriebenen Sportwagens hat außerdem eine Vision: „Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird vielleicht schneller gehen, als viele glauben. Ich habe die Hoffnung, dass wir 100 Prozent Erneuerbare in den nächsten 20 Jahren schaffen.“ Willenbacher muss nach seinem Ausspruch lächeln. Natürlich auch Tiefensee und Platzeck. Im Wahlprogramm der SPD ist keine Spur von so viel Idealismus. Tiefensee und Platzeck glauben nämlich, dass neben den Erneuerbaren vor allem die Kohle in den nächsten Jahren eine neue Zukunft bekommt - auch Steinmeier setzt sich dafür ein. Das betonte der Kanzlerkandidat erst letzte Woche bei einem Kohlegrubenbesuch im Ruhrgebiet.
Kohleenergie versorgt zurzeit noch die meisten Brandenburgischen Haushalte. Davon zeugen die Wasserdampffahnen, die gleich hinter den Baumkronen am Ende des Solarmodulfeldes von den Kühltürmen des Kraftwerks Jänschwalde aufsteigen. Das dort für 2015 geplante CO2-Abscheidedemonstrationskraftwerk nennt Platzeck in einem Atemzug mit den Errungenschaften der Solarenergie. Das zeigt die Schizophrenie der SPD und ihres Wahlkampfes: Nicht Fisch und nicht Fleisch.
Die Brandenburger wissen dagegen genau was sie wollen. Gerade deshalb sollten die beiden SPD-Minister vielleicht mal Wahlkampf bei den Bürgern machen. Denn in den von Windkrafträdern gesäumten Dörfern der Region hält man nicht viel von der Kohle. Viele Landbewohner zeigen mit großflächigen Plakaten an ihren Häusern ihre Ablehnung zu dem Vorhaben, Kohlendioxid in der Region zu verpressen, um damit der Braunkohle neues Leben einzuhauchen. „Erneuerbare Energien mit uns immer, CO2-Lager nimmer“, heißt es da, oder „Kein CO2-Lager, weder hier noch anderswo.“
(Fotos: Zeipelt, Juwi)
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