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Stromerzeugung statt Straßenlärm

Zum ersten Mal hat das bundesweite Bündnis Bürgerenergie (BBEn) 2017 das "Bürgerenergieprojekt des Jahres" gekürt. Eine der drei ausgezeichneten Genossenschaften ist die Energiegenossenschaft Inn-Salzach, die eine Photovoltaik-Lärmschutzwand initiierte und damit eine angrenzende Schule versorgt.

BildDie Photovoltaik sorgt hier für Ruhe. Wenn auf der Staatsstraße 2550 im oberbayerischen Neuötting ein Lkw vorbeidonnert, bleibt es vor der nahegelegenen Montessori-Schule erstaunlich ruhig – einer mit Solarmodulen bestückten Lärmschutzwand sei Dank. Die Energiegenossenschaft Inn-Salzach (EGIS) hat sie initiiert.

"Wir haben bei vielen Firmen angefragt, aber nur eine davon war bereit, die Photovoltaikwand mit uns zu entwickeln", sagt Pascal Lang, Vorstandsvorsitzender der EGIS eG. Es war die Firma Kohlhauer aus Gaggenau. Anderthalb Jahre Vorlauf waren nötig, dann wurden die Lärmschutzelemente mit Solarmodulen binnen drei Tagen in die neu aufgebaute Wand eingelassen.

"Jetzt hoffen wir, dass unser Projekt möglichst viele anderen Energiegenossenschaften motiviert, Ähnliches aufzubauen", sagt Lang, der beruflich als Energie- und Klimaschutzmanager beim Landkreis Altötting arbeitet. Lärmschutz werde ja immer wichtiger, und die bisherigen Anfragen anderer Genossenschaften zeigten bereits, dass es großes Interesse gibt.

Leise und sauber

Fünf Meter hoch, 234 Meter lang zieht sich die Lärmschutzwand seit September 2016 entlang der Landstraße. Im oberen Teil sind Solarmodule eingelassen, die in der Summe eine Nennleistung von 64,4 Kilowatt erreichen. Der jährliche Ertrag ist mit 50.600 Kilowattstunden prognostiziert und wird nach ersten Schätzungen auch erreicht.

BildTrennt die Landstraße von der Stadt und versorgt eine Schule mit sauberem Strom: Solar-Lärmschutzwand der EGIS eG. (Foto: Falk Heller)

Der gute Wert resultiert zum einen daraus, dass die Wand nicht ganz senkrecht steht; man hat sie um fünf Grad geneigt, um die Sonne noch besser einfangen zu können. Und zweitens erzielt man im Winter eine Ausbeute, die jede Dachanlage schlägt, weil dann die Sonne flach steht. Dass kein Schnee auf den Modulen liegen bleibt, ist im Winter ein weiterer Vorteil.

Auch die Stadt habe durch die Photovoltaik in der Wand Geld gespart, betont Pascal Lang. Denn im oberen Teil des Bauwerks konnten durch die Module anderweitige Schalldämmelemente eingespart werden.

"Wir nutzen das Projekt natürlich auch im Unterricht"

Der Strom fließt zu einem guten Teil in die unmittelbar angrenzende Montessori-Schule. Diese wird von einem Trägerverein geführt, was gegenüber einer städtischen Schule von Vorteil war, weil kommunale Einrichtungen oft über Bündelausschreibungen mit Strom versorgt werden. Eine solche Konstellation macht es immer etwas schwerer, Eigenverbrauchskonzepte umzusetzen.

Die Schule, die sich seit einem Jahr in dem Neubau befindet, war sofort für die Idee zu haben. Rund 40 Prozent der von der Lärmschutzwand erzeugten Strommenge können nun direkt vor Ort verbraucht werden. Die Schule bekommt zugleich einen attraktiven Stromtarif.

Im Foyer zeigt ein Monitor die Ertragsdaten der Anlage und den aktuellen Verbrauch der Schule sowie ein paar Hintergründe wie etwa den Sonnenverlauf am jeweiligen Tag. "Sonnenhöchststand 13.05 Uhr" steht an diesem Tag auf dem Monitor. "Wir nutzen das Projekt natürlich auch im Unterricht", sagt Ursula von Hofacker, Geschäftsführerin der Schule.

BildEine von drei Urkunden, die das Bürgerenergieprojekt des Jahres ehren, erhielt die Energiegenossenschaft Inn-Salzach - (v.l.) Pascal Lang und Elmar Wibmer vom Egis-Vorstand sowie Egon Scheich vom Egis-Beirat. (Foto: Falk Heller)

Knapp 76.000 Euro investierte die Genossenschaft in die Solaranlage, die Module machten 65 Prozent davon aus. Nach 20 Jahren werde sich eine Rendite zwischen fünf und sechs Prozent ergeben, hoffen die Investoren.

Für die EGIS eG ist die Lärmschutzwand natürlich nicht das einzige Projekt. Aber ein ganz besonderes, denn Lärmschutzwände mit integrierter – nicht einfach angeschraubter – Photovoltaik sind bislang ausgesprochen selten.

Ein zweites ungewöhnliches Projekt, das schon viele Besucher angelockt hat, ist ein reaktiviertes Wasserrad in der Altöttinger Herrenmühle. In dem Anwesen, das bereits im Jahr 1441 erstmals urkundlich erwähnt wurde, war das mittelschlächtige Zuppinger-Wasserrad mit fünfeinhalb Metern Durchmesser und 1,75 Metern Breite im Jahr 1967 stillgelegt worden. Die Atomkraft, so die bizarre Vision damals, werde die Wasserkraft verzichtbar machen.

Das historische Wasserrad kennt hier jeder

In den Jahren 2014 bis 2016 sanierte die EGIS eG das Kleinkraftwerk mit seinen stilechten Lärchenholzschaufeln und brachte es schließlich wieder ans Netz. Wirtschaftlich sei das alles allenfalls sehr langfristig attraktiv, gleichwohl müsse ein derartig schönes Projekt für eine Genossenschaft auch mal drin sein, sagt Lang: "Es kann doch nicht sein, dass ein solcher historischer Standort ungenutzt bleibt."

Zumal die Anlage viel Aufmerksamkeit bringt: "Wenn jemand die EGIS eG nicht kennt, müssen wir uns nur als die Restauratoren der Herrenmühle vorstellen – damit kann jeder hier in der Umgebung was anfangen."

Die Lärmschutzwand, die historische Mühle – in Alt- und Neuötting sind die Energiegenossen großen Herausforderungen offenkundig nie aus dem Weg gegangen. Aber die Bürger an der Inn waren auch fast gezwungen, ehrgeizige Ideen zu entwickeln, denn als sie loslegten, ging die Zeit der einfach zu finanzierenden EEG-Photovoltaikanlagen bereits zu Ende.

BildIm Foyer der Schule weist ein Stromzähler auf den Versorgungsstand mit Solarstrom hin. (Foto: Falk Heller)

Erst Anfang 2013 hat sich die Egis eG gegründet. "Wir hatten zur Gründung noch nicht einmal ein konkretes Projekt", erinnert sich Elmar Wibmer, einer der Väter der Genossenschaft und heutiges Vorstandsmitglied. Dennoch kamen aus dem Stand 153 Gründungsmitglieder zusammen – ein enormer Vertrauensvorschuss für die Initiatoren. Heute hat die Egis eG mit 680 Mitgliedern etwa drei Millionen Euro an Anteilen ausgegeben. Auch in den Rathäusern der Umgebung ist die Genossenschaft sehr angesehen: 23 von 24 Kommunen im Landkreis sind zwischenzeitlich Mitglied.

Nicht nur innovativ, auch groß ist in Altötting mitunter die Devise. Eine der größten Aufdachanlagen Deutschlands realisierte die EGIS eG mit vier Megawatt auf einem Logistikzentrum in Frankenthal (Pfalz). Auch eine Freiland-Photovoltaikanlage mit 8,7 Megawatt im thüringischen Wachenbrunn gehört heute zum Portfolio. Daraus ergeben sich inzwischen Gesamtinvestitionen in Höhe von 15 Millionen Euro.

Beim Wettbewerb zum "Bürgerenergieprojekt des Jahres" konnten die innovativsten und zukunftsweisendsten gemeinschaftlichen Vorhaben per Online-Voting ausgewählt werden. Hier geht es direkt zum Wettbewerb.

 
Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit dem Bündnis Bürgerenergie e.V. in der Rubrik Advertorials.

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