AKW Fessenheim fast entfesselt

Ein schwerer Zwischenfall hat sich, wie erst jetzt bekannt wurde, vor fast zwei Jahren im elsässischen Atomkraftwerk Fessenheim ereignet. Am 9. April 2014 entdeckten AKW-Angestellte um 17 Uhr, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, Pfützen im Zugang zum Kontrollraum von Reaktor 1. Kurz danach sei festgestellt worden, dass auch Wasser in tiefere Gänge gelaufen war, in denen sich Schränke mit Sicherheitselektronik befanden. In der Folge ließen sich die Steuerstäbe in dem betreffenden Reaktor nicht mehr bewegen. Eines der beiden Sicherheitssysteme sei außer Gefecht gesetzt worden. Darauf entschied man, den Reaktor durch Einleitung von Bor ins Kühlsystem herunterzufahren.

BildDer Uralt-Reaktor Fessenheim ist nur eine Flussbreite von der Bundesrepublik entfernt. (Foto: Rémy Stosskopf/​Wikimedia Commons)

Nach Ansicht des ARD-Energiejournalisten Jürgen Döschner hat es einen Vorfall mit dieser Brisanz bisher in Westeuropa nicht gegeben. Nehme man alles zusammen, waren die Reaktorsteuerung und die Abschaltmöglichkeiten für den Reaktor in Gefahr. "Das ist wirklich brisant gewesen." Wie weit die Anlage von einem schweren Strahlenunfall entfernt war, lasse sich, so Döschner, nicht sagen. Nach Ansicht von örtlichen Atomkraftkritikern handelte es sich bei der Bor-Einleitung um "die allerletzte Notmaßnahme".

Aufgrund des Störfalls forderte die Bundesregierung am heutigen Freitag erneut die Abschaltung des umstrittenen AKW. Allerdings könne man die Betriebszeiten eines AKW in einem anderen Land nicht beeinflussen, sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums laut den Medienberichten. Der Vorfall sei in der deutsch-französischen Sicherheitskommission zur Sprache gekommen und insofern nicht neu. Man transportiere die Sorgen und Ängste der Bevölkerung immer wieder in diese Kommission hinein.

Die umgehende Abschaltung des grenznahen AKW forderte am Freitag die rheinland-pfälzische Energieministerin Eveline Lemke (Grüne). Sie zeigte sich "entsetzt, dass es erneut eine gravierende Panne in einem französischen AKW gab und die französische Atomaufsicht offenkundig nicht funktionierte".

Die beiden Reaktoren in Fessenheim waren 1977 in Betrieb gegangen, Fessenheim ist damit das älteste noch laufende Atomkraftwerk im Nachbarland. Atomgegner und Politiker in Frankreich, Deutschland und der ebenfalls nahen Schweiz fordern seit Langem die Stilllegung des besonders pannenanfälligen AKW. Frankreichs Präsident François Hollande hatte dies wiederholt zugesagt, doch die Schließung wurde auf Druck der Betreiber immer wieder verschoben. Hollande will den Anteil der Atomkraft am Stromverbrauch bis 2025 von 75 auf 50 Prozent reduzieren – was aber nicht heißen muss, dass es weniger Atomkraftwerke gibt.

klimaretter.info/jst

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