Schnee in Zimbabwe
Klimakonferenz in Durban: Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info, hat sich auf den Weg gemacht. "Ich will mich Afrika auch mit meinem Gefühl nähern", sagt er – und reist einen Teil der Strecke mit Zug, Bus, Matatu oder Tuktuk. Heute Station 7, Bulawayo, Zimbabwe.
Der Tannenbaum bei Spar in Zimbabwes größter Stadt Bulawayo ist herabgesetzt. Statt 165 US-Dollar kostet er nur noch 145 Doller. In gewisser Weise ist so ein Weihnachtsbaum ganz praktisch: Weil hier natürlich keine Tannen wachsen, gibt es sie aus Plaste. So sind sie auch im nächsten, übernächsten (und so weiter) Jahr wieder zu verwenden.

Herabgesetzt: Weihnachtsbaum bei Spar in Bulawayo
Allerdings zeigt der Tannenbaum bei Spar auch eine ganz unpraktische Seite von Zimbabwe. Was, wenn er beispielsweise auf 144,90 US-Dollar herabgesetzt worden wäre? Wie ihn dann bezahlen? Dank "Western Union" ist es relativ einfach, US-Dollar-Noten ins Land zu transferieren. Aber doch keine Münzen! Und keine Münzen bedeutet: kein Wechselgeld. Das Bier für 1,50 US-Dollar beispielsweise ist in Bulawayo unbezahlbar.
Schuld ist Zimbabwes Diktator. Unter der Herrschaft Robert Mugabes hat Zimbabwe in den letzten zehn Jahren einen beispiellosen Niedergang erlebt. Eine Hyperinflation von über 1.000 Prozent ließ den Zimbabwischen Dollar ins Unermessliche steigen. Zuletzt kostete ein Brot zwei Millionen Zimbabwische Dollar. 2009 stieg die nationale Notenbank aus diesem Wahnsinn aus. Sie verzichtete, die Notenpresse weiter anzukurbeln – und erklärte den US-Dollar zur offiziellen Landeswährung. Viele Kleinsparer verloren alles, hingegen hatten Mugabe und sein Clan ihr Geld längst auf ausländischen Konten geparkt.
Seit damals gibt es praktisch zwei nationale Währungen in Zimbabwe. Die großen Beträge werden in US-Dollar gezahlt, die Komma-Beträge in südafrikanischen Rand. Südafrika liegt um die Ecke, der Grenzverkehr ist rege. 10 Rand entsprechen etwa 8 US-Dollar – irgendwie wird so das Bier bei Spar doch noch bezahlbar.

Eingerahmt zwischen kraftstrotzenden Löwen: So sieht sich Robert Mugabe am liebsten. In allen öffentlichen Gebäuden hängt sein Konterfei, hier in einem noblen Hotel.
Robert Mugabe? "Ach vergiss Mugabe!", sagt Mojo, der in der letzten Woche sein Geophysik-Studium an der Universität von Bulawayo abgeschlossen hat. "Wir haben wichtigere Probleme als den Alten", sagt der frisch Diplomierte.
In der Öffentlichkeit würde Mojo niemals über den Diktator reden, der seit 31 Jahren Zimbabwe regiert. "Mugabe hat den Polizisten, den Sicherheitsleuten, der Armee Grundstücke und Vorteile verschafft", sagt Mojo. Entsprechend treu seien die dem Diktator ergeben. Um ins Gefängnis zu kommen, bedarf es nicht viel in Zimbabwe. Aber wie gesagt: Dieses Problem sei lösbar. "Mugabe wird im Februar 88 Jahre alt. Die Lösung ist also an zehn Fingern abzuzählen."

Weihnachtsprozession bei 25 Grad im Schatten: Organisiert von der Supermarktkette TM, die auch was vom Kuchen abhaben will.
Das größere Problem sei der Klimawandel, sagt der Geophysiker: "Vor drei Wochen hatten wir hier zuerst 40 Grad. Solche Temperaturen sind absolut ungewöhnlich. Und dann hatten wir plötzlich Schnee."
Schnee in Zimbabwe? Im subtropischen Klima? Also nicht richtigen Schnee, sagt Mojo, "es hat daumenkuppengroße Hagelkörner geregnet". So viel, dass der Boden drei Zentimeter mit Körnern bedeckt und ganz weiß war. "So sieht doch Schnee bei euch aus, oder?"

UNESCO-Weltkulturerbe: Diese Zeichnungen im Matobo-National-Park zählen zu den ältesten Kunstwerken der Menschheitsgeschichte.
In Zimbabwe hat die Regenzeit begonnen, die Landschaft ist in tausend Farben grün verwandelt. Während drüben in Sambia noch das Gelb der Trockenzeit, das Schwarz der abgebrannten Wälder regiert, sprießt und grünt hier in Zimbabwe alles. Ein Farbenspiel, dass an den mitteleuropäischen Mai erinnert – nur dass die Landschaft hier kein Weiß der Kirsch-, Apfel-, Birnenbäume oder Akazien zu bieten hat.
Früher muss Zimbabwe unglaublich reich gewesen sein. Ein Grenzübertritt von Sambia nach Zimbabwe fühlt sich noch heute an wie eine Reise von Weißrussland nach Polen. Oder wie von der Slowakei nach Österreich. Früher hieß Zimbabwe Rhodesien, benannt nach Cecil John Rhodes, einem üblen Kolonialisten, der weiße Farmer ins Land holte. Die trotzten dem fruchtbaren Boden Reichtum ab.

Natürlich auf dem höchsten Berg des Matubo-Gebirges begraben: Cecil John Rhodes, der das Land begründete.
Dann aber steckten die Weißen Robert Mugabe ins Gefängnis. "Sein Kind war krank und er bat, es sehen, ihm helfen zu dürfen", sagt Mojo. Die Bitte wurde ihm verwehrt, das Kind starb. "Mugabe hat sich dafür furchtbar gerächt: Als er die Macht übernahm, enteignete er alle weißen Farmer." Das Land verteilte er unter seinen Gefolgsleuten.
Mit bitteren Folgen für das inzwischen umbenannte Rhodesien - Zimbabwe: Die Kleinbauern waren nicht annähernd in der Lage, so effektiv wie die weißen Großgrundbesitzer zu wirtschaften. Zimbabwe, bis dato ein Agrarexporteur, musste plötzlich Lebensmittel einkaufen. Das Staatsdefizit wuchs und wuchs und leitete den Ruin des Landes ein. Auf der Liste der "zerbrochenen Staaten" des renommierten Foreign Policy Institute steht Zimbabwe aktuell auf Platz zwei. Hinter Somalia.
Mojo hätte nach dem Willen seines Vaters auch Farmer werden sollen. "Aber das hat keinen Zweck mehr", sagt der 27-Jährige. Jahr für Jahr wird es schwieriger für die Bauern, den Wetterwidrigkeiten zu trotzen. "Geophysik ist die Zukunft", sagt der frisch gebackene Geophysiker Mojo. Zimbabwe habe reiche Erzvorkommen, gerade sei Chrom in den Bergen entdeckt worden. Und der Weltmarkt schreie nach den "Seltenen Erden".

Mojo der Geophysiker, in den Bergen des Matobo-National-Park.
"Klimawandel und Wetter sind natürlich zwei verschiedene Sachen", erklärt Mojo. Extremes Wetter wie der Hagel vor drei Wochen habe nicht automatisch etwas mit der Erderwärmung zu tun. "Aber die Erderwärmung sorgt eben dafür, dass wir immer häufiger extreme Wetter bekommen". Mojo, der Geophysiker, sagt, die Physik des Klimawandels spielte in seinem Studium eine große Rolle. "Wärmere Luft kann mehr Wasser aufnehmen, Wasser ist ein Speichermedium für Energie." Mehr Niederschlag bedeute also mehr Energie, die niederprasselt - mit entsprechenden Folgen.
Der Rest der Reise zum Klimagipfel ist schnell erzählt: Mit dem Bus ging es ungefähr 700 Kilometer nach Johannesburg, und von dort weitere knappe 600 Kilometer nach Durban. "Welcome" hat die ganze Stadt plakatiert: Gemeint sind die Delegierten und Beobachter, die Lobbyisten und Journalisten, die den diesjährigen Klimagipfel bestreiten werden.

Geschmückte Stadt: Durban heißt die Klimadiplomaten Willkommen.
So wie in jedem Jahr: Auf dem Bahnhof gibt es ein "Klimazentrum"; Plakate verkünden stolz, wie viel Kohlendioxid die Bahn jährlich einzusparen hilft. Im Zentrum der Stadt wird ein Messezentrum aufgebaut, um zu zeigen, was es so alles Tolles für den Klimaschutz gibt. Man will dabeisein, bei der Rettung der Welt. Mindestens aber ein guter Gastgeber für die Klimadiplomaten.
Aber haben die das überhaupt verdient? Haben die Klimadiplomaten die Ehrfurcht, die ihnen entgegengebracht wird, jemals gerechtfertigt?
Zum 17. Mal trifft sich der Weltklimazirkus ab heute in Südafrikas dritter Hauptstadt Durban (die anderen beiden: Kapstadt und Johannesburg). Es ist die letzte Chance für die Klimadiplomatie, ihre Berechtigung zu beweisen: Scheitern die Delegierten der 194 Staaten wieder, machen sich die Klimadiplomaten selbst obsolet.
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Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
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