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Der Mauerbau von Bangkok

Vor wenigen Tagen war das Hochwasser aus Sicht der Einwohner Bangkoks noch ein Problem der Landbevölkerung. Doch mittlerweile stehen Teile der Stadt unter Wasser. Es wird befürchtet, die Zehn-Millionen-Metropole könnte ganz überflutet werden. Zeit für Krisenmanagement? Nein, wichtiger ist der Dienstweg.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Donnerstag ist der Tag des Mauerbaus. Bangkok hat gemäß der thailändischen Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra nur noch eine Chance von 50 Prozent, um einer Überflutung zu entkommen. Und so beginnen auch die verbleibenden Optimisten, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Die Baumärkte haben Hochkonjunktur: Besonders gefragt sind Sand, Zement und Ziegelsteine. Die Menschen mauern sich in ihren Häusern ein. Für einen nicht eingeweihten Beobachter sieht es allerdings eher nach den Vorbereitungen für ein Volksfest aus: Die Sonne scheint. Kinder spielen fröhlich aufgeregt mit den Baumaterialien. Und Nachbarn, die sich zuvor kaum gegrüßt haben, lernen sich erstmals besser kennen – Maurerkelle in der Hand. Wenn das Wasser kommt, könnte es bis zu einem Monat bleiben. Und so trifft ein jeder seine Vorbereitungen für das Unvermeidliche.


Mit dem Boot geht es besser: Die Flut in Bangkok. (Foto: kra)

Doch während die Überflutungen für den Einzelnen eine unvermeidliche Naturkatastrophe darstellen, hätte der Staat das gigantische Ausmaß der Katastrophe durchaus vermeiden können. Auslöser für die Jahrhundertflut war ein um 25 bis 30 Prozent regenreicherer Monsun. Doch der war spätestens im August und September absehbar. Trotzdem war Thailand nicht vorbereitet, die beiden größten Stauseen des Landes waren schon lange vor Ende der Regenzeit bis zur Kapazitätsgrenze gefüllt. Verantwortlich für den Wasserstand in den Stauseen sind das Bewässerungsdepartement und die Stromerzeugungsbehörde. Aus Sicht dieser beiden Einrichtungen ist mehr Wasser stets besser als weniger. Und so nahm das Unglück seinen Lauf: Denn als es immer weiter regnete, mussten die Stauseen Wasser ablassen, obwohl weiter unten die Flüsse bereits über die Ufer traten.

Aber auch dann hätte das Ausmaß des Hochwassers noch besser gemanagt werden können. Ein Beispiel vom Tag das Mauerbaus: Experten empfehlen der Regierung, Breschen in mehrere Straßen zu schlagen, um den Abfluss des Wassers nach Osten zu erleichtern. Daraufhin reicht die Regierung den Vorschlag zur Beratung weiter: an das Autobahndepartement im Verkehrsministerium, das königliche Bewässerungsdepartement im Landwirtschaftsministerium und an die Stadtverwaltung von Bangkok. Gemäß Planung könnten die fünf bis sechs Meter breiten Breschen (Bauzeit: zwei Stunden) innerhalb drei Tagen bewilligt werden. Das Problem: Bis dann ist es zu spät, denn Bangkok sieht sich in den nächsten drei Tagen nicht nur den Wassermassen aus dem Norden, sondern auch einer Springflut im Golf von Thailand gegenüber. Trotz Notstandsgesetz und trotz des nationalen Flood Relief Operations Command (kurz: Froc) funktioniert die Regierung noch so wie immer. Die Krise wird auf dem Dienstweg verwaltet. Amtsschimmel schlägt Schimmelreiter.


Wasser überall: die Flut in Bangkok. (Foto: kra)

Damit hat die Jahrhundertflut in Thailand beste Chancen, als schlechtes Beispiel in die Lehrbücher für Katastrophenmanagement einzugehen. Was nicht nötig gewesen wäre - die Bedeutung von Katastrophenmanagement ist längst bekannt. So waren die Jahre 1990 bis 2000 die internationale Dekade des Katastrophenschutzes. Und es gibt sogar eine UN-Organisation, die sich um nichts anderes kümmert: das UNISDR (UN Secretariat of the International Strategy for Disaster Reduction). So bleibt nur zu hoffen, dass das Hochwasser als Weckruf dient. Denn die Häufigkeit derartiger Ereignisse nimmt zu, wie nicht nur die Modelle der Klimawissenschaftler, sondern auch die Prämien der Rückversicherer zeigen. Und wenn das Wasser kommt, reicht es nicht, wenn jeder ein Mäuerchen baut. Obwohl es natürlich nett ist, seine Nachbarn kennenzulernen.

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