Die Frau vom Hirsch ist nicht das Reh
Jugendreport Natur der Universität Marburg: Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren wissen immer weniger über die Natur. Das hat offenbar mehr etwas mit ihren Eltern als mit ihnen selbst zu tun: Die Frage nach dem Interesse an der Natur beantworten überdurchschnittlich viele mit "sehr groß".
Von Nick Reimer
Die Sonne geht inzwischen im Norden auf, Hühner legen drei Eier am Tag, Kühe haben elf Zitzen und die Frau vom Hirsch ist ein Reh: Der "Jugendreport Natur" der Universität Marburg belegt eine zunehmende Entfremdung von Jugendlichen und Natur. Der Natursoziologe Rainer Brämer hat 3.000 junge Menschen im Alter von 11 bis 15 Jahren aus sechs Bundesländern befragt. Im sechsten Report seit 1997 haben die Jugendlichen über 150 Fragen zum Naturverständnis beantwortet. Unterstützt wurde Brämer dabei vom Deutschen Jagdschutz-Verband (DJV) und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW).
"Dank Hollywood geht vielen Jugendlichen 'Tyrannosaurus rex' flüssiger über die Lippen als 'Rehkitz'", so DJV‐Präsident Jochen Borchert. Im Test hatten die befragten Jugendlichen auf die Frage "Wie heißt das Junge vom Hirsch?" oft mit "Kid" oder "Kitz" oder "Hirschling" geantwortet. Zu den Antworten zählten auch "Bambi", "Jüngling", "Ricke" und "Lamm". Lediglich sechs Prozent nannten die richtige Antwort: Kalb.

Bambi? Frau vom Hirsch? Hirschling? Nee, ein Reh. Es gehört zur Familie der Hirsche. (Foto: Marek Szczepanek / Wikimedia Commons)
Gestellt wurden Fragen dieser Natur: "Wenn du über die Rohstoffe nachdenkst, aus denen ein Handy gemacht ist: Was meinst du, wie viel Prozent davon kommen aus der Natur?" Lediglich vier Prozent glauben, dass das Handy zu 100 Prozent aus von der Natur zur Verfügung gestellten Rohstoffen produziert wird.
Die Autoren konstatieren, dass die bereits in den Vorgängerstudien festgestellte Naturdistanz offenbar weiter geht und bereits einfachste Gegebenheiten betrifft. Im Bericht heißt es: "Fragt man nach den Ursachen der weit verbreiteten Naturvergessenheit unter der jungen Generation, so bieten sich zahlreiche Ansatzpunkte für eine vertiefte Nachsuche an. Das geht von der weitestgehend in klimatisierten Räumen und Fahrzeugen verbrachten Zeit und den zahlreichen technischen Hilfsmitteln zur Erleichterung des Alltagslebens über die wirklichkeitsverstellenden Konsumkulissen und Medien, deren Reizintensität in der natürlichen Umwelt nicht ihresgleichen findet, bis zu den Eltern, die schon länger in dieser Welt leben und kaum noch Naturerfahrungen an ihren Nachwuchs weitergeben können, ja diesen aus überbehütender Ängstlichkeit häufig genug sogar gezielt davon abhalten."

Wie viele Eier legt ein Huhn pro Tag? 32 Prozent der Befragten wussten die richtige Antwort. (Foto: Ren West / Wikimedia Commons)
Axel Schreiner vom Naturschutz- und Jugendzentrums im oberbayerischen Wartaweil am Ammersee hat Elfjährige erlebt, die problemlos Wörter wie Kyotoprotokoll oder Treibhausgasemissionen aussprechen und auch wissen, was sich dahinter verbirgt. Umweltschäden sind ihnen vertrauter als das klebrige Gefühl, wenn sich die Hand in einem Spinnennetz verfängt. Der Süddeutschen Zeitung sagte Schreiner: "Die Hälfte der Kinder glaubt, dass Baumklettern verboten ist."
Aber die Studie gibt auch Anlass zu Hoffnung: Die Natur lockt noch immer, heißt es dort. Immerhin gaben 47 Prozent der Kinder und Jugendlichen an, ihre Freizeit am liebsten im Garten zu verbringen. Eine überwältigende Mehrheit von 74 Prozent würde sogar gern unbekannte Natur entdecken - ein Hinweis, dass die Naturfremdheit nicht naturgegeben ist in der heranwachsenden Generation.

Natur live erleben - hier die Schrammsteine in der Sächsischen Schweiz - ist für Kinder und Jugendliche immer noch attraktiv: 74 Prozent der Befragten würden gern "unbekannte Landschaften" entdecken. (Foto: Reimer)
Wolfgang von Geldern, Präsident des Waldschutzverbandes SDW, forderte Eltern auf, ihren Kindern wieder mehr Naturerlebnisse zu ermöglichen. "Der Wald ist ein Abenteuerspielplatz für unsere Kinder, wie es in Deutschland keinen zweiten gibt. Hier können sie toben, aber eben auch viel lernen und das spielerisch und nebenbei", erklärte von Geldern. Das Eichhörnchen könnte der neue Super‐Mario sein, "denn im Wald ist viel los".
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